Bildungsstandards für die Oberstufe: Länder peilen Zentralabitur ultralight an

Von Heike Sonnberger

Was müssen Abiturienten von Bremen bis Bayern können? Die Kultusminister wollen dazu jetzt neue Bildungsstandards beschließen. Doch bis zum Zentralabitur ist es noch weit. Erst 2016 soll es einen Aufgaben-Pool für alle Länder geben.

Landesabitur in Hessen: Dem föderalen Chaos ein Ende bereiten Zur Großansicht
DPA

Landesabitur in Hessen: Dem föderalen Chaos ein Ende bereiten

Es fällt schwer, nicht an eine Fabrik zu denken, wenn Bildungspolitiker von "Output" reden. Und das tun sie oft, wenn es um die Bildungsstandards geht, die die Kultusministerkonferenz (KMK) den Ländern vorgibt. Die Standards betreffen alle deutschen Schulen: Sie regeln, was Schüler können sollen, welchen Output sie also liefern sollen.

Bisher gibt es sie nur für die vierte, neunte und zehnte Klasse. Nun kommt eine neue Stufe dazu: das Abitur. An diesem Donnerstag stimmen die Kultusminister darüber ab, welche Fähigkeiten ein Gymnasiast haben sollte, wenn er sich über seine Abiturprüfungen beugt.

Die Bildungsstandards für die Oberstufe sind Teil der mühevollen Versuche, das zerfaserte deutsche Schulsystem vergleichbarer zu machen. So begegnen die Kultusminister den Forderungen nach einer bundesweiten Zentralprüfung, die an Schüler in Bayern und Bremen dieselben Anforderungen stellt und dem föderalen Chaos beim Abitur ein Ende bereitet. Seit fast drei Jahren arbeiten Bildungsexperten daran, auch diesmal wieder unter der Führung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB).

Pisa und andere internationale Bildungsstudien hätten gezeigt, dass es nicht reiche, den "Input" zu steuern, schreibt die KMK auf ihrer Webseite. Sprich: Nicht nur das, was man den Schülerhirnen eintrichtert, ist wichtig. Sondern auch das, was sie danach wieder ausspucken, wird gemessen.

Was müssen Abiturienten können?

Damit die Messlatte nach der Oberstufe in allen Bundesländern gleich hoch ist, haben sich Experten und Vertreter der Kultusministerien mehr als ein Dutzend Mal getroffen und Bildungsstandards zunächst für die Fächer Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch erarbeitet - die Naturwissenschaften sollen später folgen.

Die Leitfäden werden ähnlich aufgebaut sein wie die Standards für die anderen Jahrgangsstufen: Zuerst werden Kompetenzen formuliert, die die Schüler erwerben sollen. Dann folgen Beispielaufgaben, an denen sie diese Fähigkeiten trainieren können. Für Realschüler kurz vor dem Abschluss gibt der Leitfaden im Fach Deutsch etwa vor, dass sie "literarische Texte verstehen und nutzen" können sollen. Dieser Fähigkeit ist ein Gedicht von Heinrich Heine zugeordnet, das die Schüler auf stilistische Merkmale untersuchen müssen.

Manchen Kritikern kommen dabei allerdings die fachlichen Anforderungen zu kurz. Viele der Aufgaben seien selbsterklärend und ließen sich von aufgeweckten Schülern auch ohne großes Vorwissen lösen, sagt der Didaktikprofessor Hans Peter Klein von der Universität Frankfurt. Es sei ein Fehler, lediglich Kompetenzen und keine verbindlichen Fachinhalte vorzugeben, die Schüler bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe erlernen müssten. "Man braucht für die Lösung dieser Aufgaben nicht in die Schule gegangen zu sein."

Warum sich das Erreichen der Standards kaum überprüfen lässt

Alle Schulen, die zur allgemeinen Hochschulreife führen, müssen die neuen nationalen Leitfäden in ihre Lehrpläne einarbeiten. Timo Leuders von der Pädagogischen Hochschule Freiburg prophezeit jedoch, dass die Schüler kaum etwas davon merken werden. Im Fach Mathematik werden sich die Vorgaben weitgehend an dem orientieren, was bereits an den Schulen unterrichtet werde, sagte der Mathe-Didaktiker, der bereits viele Lehrplankommissionen beriet.

"Die Inhalte der Oberstufe werden nicht reformiert", kritisierte Leuders. Das liege daran, dass Fachdidaktiker in der Arbeitsgruppe für Mathematik nur als Gäste geladen gewesen seien. Die Gruppe habe vor allem aus Abgesandten der Kultusministerien bestanden. "Und Abituraufgaben sind so heikel, dass sich keiner traut, den Gordischen Knoten zu durchschlagen."

Deshalb wird es wohl auch noch lange dauern, bis der gemeinsame Pool aus Prüfungsaufgaben steht, aus dem sich die Länder künftig bedienen können sollen. Geplant ist, dass die Länder sich bis zum Schuljahr 2016/17 auf einen solchen Pool einigen, auf Grundlage der Bildungsstandards.

Doch es ist höchstens eine Minimallösung, ein Zentralabitur ultralight. Denn ob die Länder Aufgaben aus dem Pool nehmen oder nicht, steht ihnen frei. "Was soll daran dann standardisiert sein?", fragt Klein. Auch den Ländern Bayern, Sachsen, Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern geht das nicht weit genug. Sie wollen schon ab 2014 ähnliche Aufgaben in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch stellen.

Kontrollmöglichkeiten, ob die Länder die Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe auch umsetzen, wird es diesmal wohl nicht geben. Denn Vergleichsarbeiten, wie sie Schüler aus den niedrigeren Klassenstufen schreiben müssen, sind nicht geplant. Ob und wann die Schüler die aufwendig erarbeiteten Lernziele also erreichen, lässt sich ohne Zentralabitur kaum überprüfen.

Didaktiker Leuders sieht ein weiteres Problem in dem Streben nach einheitlichen Bildungszielen: "Niemand hilft den Lehrern, diese Ziele zu erreichen." Lehrer sollten regelmäßig auf Fortbildungen geschickt werden. Das sei allerdings noch einmal sehr viel teurer als ein paar Arbeitsgruppen, die Leitfäden und Aufgaben entwickelten.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
pepe_sargnagel 18.10.2012
Eine Überprüfung der Standards wäre möglich, wenn die gesamten Abiturklausuren an andere Lehrer an anderen Schulen zur Korrektur übergeben werden. Am besten sollten auch diese Lehrer eine Oberstufe unterrichtet haben, so dass die Massstäbe und der Anspruch vergleichbar sein werden. Man könnte so auch einen gewisse Notenverzerrung wegzaubern, denn die Lehrer kennen die Schüler einfach auch nicht. Auch würden die Lehrer "etwas kontrolliert", denn ich befürchte, dass es auch da "gute" und "schelchte" gibt. Aber das darf man auch nicht äußern, denn in Deutschland ist halt jeder gleich (leider dann gleich schlecht, und positive Ausreißer verlieren so wahrscheinlich auch die letzte Motivation)
2. welches Ziel wird eigentlich verfolgt?
seikor 18.10.2012
bzw. wie soll die Praxis aussehen? Ein bundesweites Zentralabitur? Dann muss es infolge auch bundesweit einheitliche Abiturtermine und damit auch Schulferien geben. Frankreichs Verkehrschaos lässt grüßen... Ein einheitlicher Aufgabenpool, aus dem jedes BL sich bedienen kann, aber nicht muss? Das wird doch auch nix... Die Überfarce finde ich, dass sich u.a. Hamburg und Bayern auf "gemeinsame" Abiaufgaben schon 2014 geeinigt haben. Wo liegt deren Niveau? Auf Meereshöhe, Alpenhöhe, oder wie üblich in der Mitte = Mittelmaß. Dadurch wird auch nichts erreicht. Was mir abgeht, ist eine detaillierte Untersuchung, warum manche Bundesländer einfach signifikant besser sind. Liegts nur am Reichtum, oder dem Migrantenanteil? Oder gar daran (wegduck), dass in Bundesländern mit hohem Hitec-Anteil einfach der Anteil an gscheiteren Schülern größer ist? Woran liegts in Wirklichkeit? Altkanzler Schröder würde natürlich wieder sagen: an den faulen Säcken........... Das Bildungssystem in Deutschland ist verquast und es wird herumgedoktert = herumkompetenzt. Hauptsache, es klingt toll und wurde Aktionismus gezeigt. Ich bin frustiert.
3.
Broko 18.10.2012
Was soll das bewirken? Bremen wird darauf drängen, dass auch seine Absolventen eine Chance haben, das Abitur zu bestehen. Das geht aber nur, wenn Bayern sein Abitur massiv aufweicht - ergo: Das Abitur wird noch mehr vermatscht und noch niveauloser, die Universitäten werden noch mehr Stützkurse einrichten müssen... Wem ist eigentlich mit dieser Vermatschung des Niveaus gedient?
4. netter Versuch, der nicht viel bringt
leonardo01 18.10.2012
Wichtig wäre nicht nur, dass die Messlatte für das Abitur bei den unterschiedlichen Bundesländern gleich hoch ist, sie sollte insgesamt hoch sein, denn das Ziel des Abiturs sollte die Allgemeine Hochschulreife sein und nicht die Befähigung zur Aufnahme einer Lehre. Aber gerade Bundesländer wie z.B. NRW, die immer nur darauf abzielen, möglichst viele Abiturienten zu produzieren und dafür das Gymansialniveau kontinuierlich absenken, werden sich niemals darauf einlassen, die Standards wieder anzuheben. Hinzu kommt, dass der größte Teil der Abiturnote VOR den Abiturprüfungen festgelegt wird. Dort ist sowieso der Willkür noch Tür und Tor geöffnet.
5.
c++ 18.10.2012
Ziel der Bildungspolitik ist es, die Zahl der Abiturienten zu erhöhen, damit die Statistik stimmt. Da die Schüler nicht besser werden, tendenziell eher umgekehrt, werden die Anforderungen gesenkt. Manche bekommen noch nicht einmal einen Ausbildungsplatz und müssen dann studieren. Eigentlich müsste daher ein Mindeststandard eingeführt werden, was aber nur möglich ist, wenn es einheitliche Abiturprüfungen unter externer Aufsicht gibt, die dann von zwei Lehrern korrigiert werden, die unabhängig sind. Vorbild sollten die Prüfungen in der Berufsausbildung sein, die seriöser sind als etliche Abiturprüfungen. Darauf wird sich aber kein Politiker einlassen. Statt dessen läuft man lieber in des Kaisers neuen Kleidern herum und lässt sich für bildungspolitische Erfolge feiern.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles zum Thema Abitur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 46 Kommentare
Fotostrecke
Zentralprüfer gegen Vergleicher: Ein Abi für alle?

Fotostrecke
"Sockel der Abgehängten": So steht es um das deutsche Bildungssystem


Social Networks