Neue Bildungsstandards: Das sollen deutsche Abiturienten können

Von Heike Sonnberger

Ein Zentralabitur wollen sie nicht, doch wenigstens auf gemeinsame Standards haben sich die Länder geeinigt. Darin wird vorgeschrieben, was Gymnasiasten am Ende ihrer Schulzeit in Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch können sollen. Aber werden die Abschlüsse so wirklich vergleichbar?

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Gymnasiasten in Sachsen: Die Länder wollen das Abi vergleichbarer machen

Hamburg - Wenn Familien von einem Bundesland in ein anderes ziehen, ist die größte Hürde oft nicht die neue Wohnung, der neue Freundeskreis oder der neue Job. Als besonders mühsam empfinden viele, eine passende Schule für ihr Kind zu finden. Ein anderes Bundesland hält manchmal Überraschungen bereit, die sich mit einem internationalen Ortswechsel messen können, wenn es um Schulformen, Schuldauer und Lernstoff geht. Mal dauert die Grundschule vier, mal sechs Jahre. Mal gibt es Sekundarschulen, mal Stadtteilschulen, mal Werkrealschulen, mal Oberschulen. Und Eltern fragen sich: Ist ein bayerisches Abitur tatsächlich schwerer als eines in Bremen?

Die Kultusminister kennen das Problem seit Jahren - und arbeiten auch seit Jahren daran. Am Freitag präsentierten sie nun neue Bildungsstandards für Abiturienten. Damit hoffen sie, das bildungspolitische Chaos zumindest einzudämmen. In diesen Leitfäden steht, was Schüler in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch am Ende der Oberstufe können sollten, und zwar bundesweit. Bisher gab es solche Vorgaben nur für die Klassenstufen vier, neun und zehn.

Die Länder versuchen damit einen Spagat: Einerseits wollen sie die Schulabschlüsse vergleichbarer machen, andererseits aber möglichst wenig von der Freiheit und Macht aufgeben, ihre Schullandschaft selbst zu gestalten. Ein deutschlandweites Zentralabitur wollen sie nicht. Schließlich ist die Bildung eines der wenigen Politikfelder, in dem jedes Bundesland im Prinzip machen kann, was es will.

Die Schulen, die zur allgemeinen Hochschulreife führen, sollten also demnächst Post von ihren Behörden bekommen mit Anweisungen, welche Lernziele bis zum Schuljahr 2014/15 in die Lehrpläne eingebaut sein sollen. Nur die Berufsoberschulen sind davon ausgenommen. Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat die Vorgaben gemeinsam mit Abgesandten aus den Ländern, mit Lehrern und Fachdidaktikern entwickelt.

"Kontextwissen heranziehen und Verstehensbarrieren überwinden"

Für das Fach Deutsch sind fünf Kompetenzbereiche - darunter "Sprechen und Zuhören", "Schreiben" und "Lesen" - aufgeführt und jeweils in einzelne, oft recht kryptisch formulierte Fähigkeiten unterteilt. So sollen Abiturienten zum Beispiel beim Lesen in der Lage sein, "Kontextwissen heranzuziehen und Verstehensbarrieren zu überwinden" oder "die Einsicht in die Vorläufigkeit ihrer Verstehensentwürfe zur kontinuierlichen Überarbeitung ihrer Hypothesen zu nutzen".

Es folgen zwei Arten von illustrierenden Beispielaufgaben, für den Unterricht und für die Abiturprüfung. So könnten die Schüler etwa zwei Gedichte von Franz Werfel und Paul Zech vergleichen oder sich mit Friedrich Schillers Werk "Kabale und Liebe" auseinandersetzen. Zu jeder Aufgabe gibt es auch eine kleine Bedienungsanleitung, wann ein Schüler nach Ansicht der Entwickler die Note "gut" verdient. Der Leitfaden ist insgesamt 264 Seiten lang.

In den Fremdsprachen solle stärker auf das Sprechen und Hörverstehen geachtet werden, sagte die Direktorin des IQB, Petra Stanat. Für die Mathematik haben Didaktiker mehrere sogenannte Leitideen definiert, zum Beispiel "Algorithmus und Zahl", "Messen", "Raum und Form" und "Daten und Zufall". (Die vollständigen Bildungsstandards plus Aufgaben können Sie hier herunterladen.)

Bei den Lernzielen handelt es sich um Regelstandards. Sie definieren also die Leistung, die ein durchschnittlicher Schüler in jedem Bundesland erbringen können sollte, wenn er sich über seine Abituraufgaben beugt. "Wir meinen es ernst mit dem Ziel, Vergleichbarkeit herzustellen", sagte der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD), der derzeit auch Präsident der Kultusministerkonferenz ist.

Aufgaben-Pool bis 2017

Bisher gibt es allerdings noch keine Möglichkeit zu überprüfen, welche Schüler den vergleichbaren Ansprüchen auch tatsächlich gerecht werden. Erst im nächsten Schritt wollen die Länder einen gemeinsamen Pool aus gleich schweren Abituraufgaben einrichten, auf Grundlage der Bildungsstandards. Für das Abitur 2017 soll er erstmals zur Verfügung stehen.

Man habe sich nach jahrelanger Überlegung dagegen entschieden, die Abiturienten Vergleichsarbeiten wie in den niedrigeren Jahrgängen schreiben zu lassen, sagte Rabe. Kurz vor dem Abitur habe man den G-8-Schülern so etwas nicht zumuten wollen.

Einen Haken hat der Aufgaben-Pool jedoch: Jedem Land steht es frei, ob es sich daraus bedient oder nicht. Denn von einem deutschlandweiten Einheitsabitur, bei dem alle Schüler zur gleichen Zeit dieselben Prüfungen schreiben, wollen die Kultusminister nichts hören. Dabei führen bereits alle Bundesländer außer Rheinland-Pfalz eigene zentrale Abiturprüfungen durch. Vergleichbarkeit sei zwar wichtig, sagte die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen (SPD) dazu. Doch die Schulen sollten auch ihre eigenen Schwerpunkte setzen dürfen.

Sechs Bundesländer sind weit weniger zurückhaltend: Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein wollen bereits ab 2014 ihren Abiturienten untereinander abgestimmte Aufgaben stellen. Man wolle schon mal üben, sagte Rabe.

Das wird wohl auch nötig sein. Es warten noch viel Arbeit und vermutlich auch einige Querelen auf die Kultusminister, bis sie sich darauf geeinigt haben, welche Aufgaben für bundesweit alle Abiturienten geeignet sind. In den Pool sollten nur Aufgaben, die "den richtigen Schwierigkeitsgrad" haben, sagte Rabe. "Richtig" mag aber, dank Föderalismus, an der Nordsee etwas anderes sein als im Allgäu.

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insgesamt 106 Beiträge
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1. Bremen
earl grey 19.10.2012
Zitat von sysopEin Zentralabitur wollen sie nicht, doch wenigstens auf gemeinsame Standards haben sich die Länder geeinigt. Darin wird vorgeschrieben, was Gymnasiasten am Ende ihrer Schulzeit in Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch können sollen. Aber werden die Abschlüsse so wirklich vergleichbar? Bildungsstandards: Was Abiturienten in Deutschland können sollen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/bildungsstandards-was-abiturienten-in-deutschland-koennen-sollen-a-862342.html)
Schlechte Nachricht für Bremen, wer soll bei dem Standard dort noch die Abiprüfung schaffen?
2. Sprechen
steinaug 19.10.2012
Sprechen, zuhören, schreiben und lesen. Diese Kernkompetenzen waren früher mal die Mindestvoraussetzungen für einen Hauptschulabschluß. Jetzt ist man damit Hochschulreif. Glückwunsch!
3. Nix is fix!
noalk 19.10.2012
... würde der Österreicher sagen, wenn er läse, dass Schüler lernen sollen, "die Einsicht in die Vorläufigkeit ihrer Verstehensentwürfe zur kontinuierlichen Überarbeitung ihrer Hypothesen zu nutzen". Und es wäre verständlicher.
4. Allgemeinplätze
herrvonwelle 19.10.2012
Schöner könnte man den zu erwerbenden Fähigkeiten doch kaum mit Allgemeinplätzen ausschmücken. In den Anforderungen steht doch Alles und Nichts drin.
5.
xiusxius 19.10.2012
Was traut der Staat mir denn als G8 Schüler zu? Ich muss in Französisch anforderungen erfüllen auch wenn ich mein Latinum gemacht habe? Aber eine Vergleichsklausur traut man mir nicht zu? Die letzte Vergleichsklausur, die ich geschrieben habe war letztes Jahr in der 10. Klasse. Diese Klausur hatte einen Erwartungshorizont, der unter dem Niveau der normalen Klausuren lag und gleichzeitig Augabenstellungen die Interpretierbar waren, sodass Schüler nur zufällig das erwartete in gänze schrieben. Für eine Inhaltsangabe, gab es bereits 50% der Punkte, für Interpretation nur 10%. In Mathe wurden die Aufgaben sehr einfach, das vorgehen musste jedoch in einem Aufsatz erklärt werden. Auch hier gab es unklare Angaben. Deshalb traut der Staat mir nichts zu, weil er nicht die richtigen Fragen stellt.
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