Von Ulla Reinhard

Landrat Thomas Schiebel: "Die Menschen hier sind ein liebenswertes Völkchen"
König mag diesen Satz, weil er Sätze mag, die Dinge zusammenfassen: MSP ist das Autokennzeichen für den Landkreis Main-Spessart, dessen Kreisstadt Karlstadt ist. Und König und sein Team weisen bessere Ergebnisse auf als die meisten anderen Jobcenter in Deutschland. Mit 2,1 Prozent liegt die Arbeitslosenquote weit unter dem Bundes- und sogar unter dem Bayern-Durchschnitt.
Im Flur des Jobcenters sitzen an diesem Morgen sechs Menschen vor den Türen, 43 Menschen arbeiten dahinter. Als König, 48, vor zweieinhalb Jahren hier anfing, durfte er sich zunächst in einem sechswöchigen Urlaub auf eine Meisterschaft im Bodybuilding vorbereiten. Es sind diese Umstände, die ihn dazu gebracht haben, die Abkürzung MSP neu zu übersetzen mit "mein schönes Paradies".
Kein Theater, zwei Kinos und 1400 Vereine
Der Landkreis Main-Spessart hat tatsächlich etwas Verwunschenes. Es gibt eine Gemeinde namens Himmelstadt. Einmal im Jahr fährt der Landrat dort auf einer Kutsche über die Main-Brücke und eröffnet das Weihnachtspostamt. Und in Lohr am Main, der mit rund 16.000 Einwohnern größten Stadt, soll Schneewittchen geboren worden sein - behaupten die Lohrer.
Auf Broschüren wirbt der Landkreis damit, mehr zu sein als "Wein, Wald und Wasser". Bisher ist er jedoch ein recht unbekanntes Gebiet in Unterfranken, irgendwo zwischen Frankfurt und Würzburg, das zwar gute Zahlen liefert, aber wenig Beachtung findet. Die Touristen zieht es eher in den Süden Bayerns. Im Bierkeller der Bayerischen Vertretung in Berlin spielte der Landkreis bisher auch keine große Rolle. Erst vor ein paar Wochen durfte Landrat Thomas Schiebel von den Freien Wählern das Wappen zu den 70 anderen hängen.
Schiebel, 53, wundern die guten Ergebnisse beim Deutschen Lernatlas nicht, sie scheinen selbstverständlich für ihn zu sein. Man investiere in Bildung, sagt er. Was man besser macht als die anderen, kann er nicht erklären. "Kann mer gelass'. Das ist das höchste Lob", sagt er. Kann man so lassen. "Die Menschen hier sind ein liebenswertes Völkchen, arbeitsam und hilfsbereit."
Vielleicht liegt darin der Schlüssel, vielleicht sind sie arbeitsamer und hilfsbereiter als Menschen an anderen Orten, an denen die Ablenkung größer ist. Außer Natur und einigen Museen gibt es im gesamten Landkreis zwei Kinos und kein staatliches Theater. Aber 119 Freiwillige Feuerwehren und rund 1400 Vereine - bei 128.000 Einwohnern.
"Das Provinzielle kann ein Vorteil sein"
Das Johann-Schöner-Gymnasium ist das einzige Gymnasium in Karlstadt und die Vorzeigeschule des Landkreises. Neben dem Sekretariat hängen neun Urkunden, auch die des Deutschen Schulpreises, den das Gymnasium in diesem Jahr mit einem Preisgeld von 25.000 Euro gewonnen hat. Die Abi-Noten liegen über dem bayerischen Durchschnitt, die Durchfallerquote darunter.
Der Schulleiter Albert Häusler, 60, spricht von systematischer Schulentwicklung. Schwache Schüler werden am Nachmittag gefördert, gute Schüler können sich in Theater- oder Orchesterkursen entfalten. Es gibt zahlreiche Projekte, in der Aula hängt ein Plakat für den Tag der Zivilcourage.
Zurzeit hat Häusler sein Büro in einem Klassenzimmer. Die Schule ist eine große Baustelle, sie wird energetisch saniert. Manche Klassen mussten auf Container ausweichen. Im vergangenen Winter war es eiskalt. Alles kein Problem.
"Das Provinzielle kann ein Vorteil sein", sagt Häusler. "Die Eltern legen hier noch Wert auf eine gute Erziehung." An der Schule herrsche ein Ton des Respekts. Zu Beginn des Unterrichts stehen die Schüler auf, kein Lehrer lässt sich duzen. Häusler sagt: "Ich habe einen Traumberuf."
Wer nach dem Abitur studieren will, muss wegziehen. Im Main-Spessart-Kreis gibt es keine Universität, nur eine Berufsschule. Die Ehemaligen des Johann-Schöner-Gymnasiums gründen Stammtische in anderen Bundesländern. Viele kommen irgendwann zurück.
Ein Verkehrsunfall und ein entlaufener Hund
Außer familiengeführten, mittelständischen Maschinenbau- und Ingenieurbetrieben ist Bosch Rexroth der größte Arbeitgeber im Landkreis. Das Unternehmen stellt Antriebs- und Steuerungstechnologien her. Weltweit hat es mehr als 35.000 Mitarbeiter, in Lohr am Main sind es rund 6100.
Ingo Rendenbach ist der Personaldirektor, sein Büro in der Unternehmenszentrale liegt auf einem Hügel. Lebenslanges Lernen ist seine Devise, davon kann er lange erzählen. Rendenbach, 52, vergleicht Weiterbildung mit dem Bau eines Hauses. "Da muss man auch permanent Geld investieren und modernisieren."
Mehr als 500 Seminare bietet Bosch Rexroth jährlich an, damit sich die Mitarbeiter weiterbilden. "Es ist wichtig, die Stammbelegschaft zu halten", sagt Rendenbach. Niemand wurde während der Wirtschaftskrise entlassen.
Das Unternehmen versteht es, seine Mitarbeiter über den Beruf hinaus an sich zu binden. Grundschüler aus der Umgebung bekommen einen Technikkoffer, mit dem sie einen Werkzeugschein machen können. Auch wer in Rente gegangen ist, kann noch in Projekten mitarbeiten.
Fast jeder dritte Lohrer arbeitet in einem der drei Werke. "Unsere Mitarbeiter sind stolz, Bosch Rexröther zu sein", sagt Rendenbach.
Unten im Tal, nahe dem Main, wacht Polizeihauptkommissar Herbert Schmitt darüber, dass in Lohr und Umgebung alles seine Ordnung hat. Um 17.23 Uhr laufen zwei Einsätze: ein Verkehrsunfall und ein entlaufener Hund. Außer Schmitt sind vier Beamte auf der Wache. An einer Pinnwand hängen Hochzeitskarten, Telefonnummern und ein Zettel, auf dem ein Kollege selbstgemachten Apfelsaft anbietet.
Einer der aufregenderen Fälle, die man sich hier erzählt, liegt schon eine Weile zurück. Es gab mal einen Tag, an dem waren zwei Diebe gleichzeitig in Lohr unterwegs. "Ohne voneinander zu wissen", sagt Schmitt. Er lächelt. "Wenn es so bleibt, wäre das schön."
*Name von der Redaktion geändert
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