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Bildungsstudie 2011 Was haben die, was wir nicht haben?

Bildungssieger Main-Spessart: "Ein liebenswertes Völkchen, arbeitsam und hilfsbereit"

Landrat Thomas Schiebel: "Die Menschen hier sind ein liebenswertes Völkchen"Zur Großansicht
Sascha Rheker / DER SPIEGEL

Landrat Thomas Schiebel: "Die Menschen hier sind ein liebenswertes Völkchen"

Wenn die Mitarbeiter des Jobcenters in Karlstadt gute Arbeit geleistet haben, bekommen sie eine Mail von ihrem Chef, Jürgen König. Er schreibt dann ein paar persönliche Worte und bedankt sich für die erfolgreiche Zusammenarbeit. Am Ende steht häufig der eine Satz: "Vom MSP lernen, heißt siegen lernen."

König mag diesen Satz, weil er Sätze mag, die Dinge zusammenfassen: MSP ist das Autokennzeichen für den Landkreis Main-Spessart, dessen Kreisstadt Karlstadt ist. Und König und sein Team weisen bessere Ergebnisse auf als die meisten anderen Jobcenter in Deutschland. Mit 2,1 Prozent liegt die Arbeitslosenquote weit unter dem Bundes- und sogar unter dem Bayern-Durchschnitt.

Im Flur des Jobcenters sitzen an diesem Morgen sechs Menschen vor den Türen, 43 Menschen arbeiten dahinter. Als König, 48, vor zweieinhalb Jahren hier anfing, durfte er sich zunächst in einem sechswöchigen Urlaub auf eine Meisterschaft im Bodybuilding vorbereiten. Es sind diese Umstände, die ihn dazu gebracht haben, die Abkürzung MSP neu zu übersetzen mit "mein schönes Paradies".

Kein Theater, zwei Kinos und 1400 Vereine

Der Landkreis Main-Spessart hat tatsächlich etwas Verwunschenes. Es gibt eine Gemeinde namens Himmelstadt. Einmal im Jahr fährt der Landrat dort auf einer Kutsche über die Main-Brücke und eröffnet das Weihnachtspostamt. Und in Lohr am Main, der mit rund 16.000 Einwohnern größten Stadt, soll Schneewittchen geboren worden sein - behaupten die Lohrer.

Auf Broschüren wirbt der Landkreis damit, mehr zu sein als "Wein, Wald und Wasser". Bisher ist er jedoch ein recht unbekanntes Gebiet in Unterfranken, irgendwo zwischen Frankfurt und Würzburg, das zwar gute Zahlen liefert, aber wenig Beachtung findet. Die Touristen zieht es eher in den Süden Bayerns. Im Bierkeller der Bayerischen Vertretung in Berlin spielte der Landkreis bisher auch keine große Rolle. Erst vor ein paar Wochen durfte Landrat Thomas Schiebel von den Freien Wählern das Wappen zu den 70 anderen hängen.

Schiebel, 53, wundern die guten Ergebnisse beim Deutschen Lernatlas nicht, sie scheinen selbstverständlich für ihn zu sein. Man investiere in Bildung, sagt er. Was man besser macht als die anderen, kann er nicht erklären. "Kann mer gelass'. Das ist das höchste Lob", sagt er. Kann man so lassen. "Die Menschen hier sind ein liebenswertes Völkchen, arbeitsam und hilfsbereit."

Vielleicht liegt darin der Schlüssel, vielleicht sind sie arbeitsamer und hilfsbereiter als Menschen an anderen Orten, an denen die Ablenkung größer ist. Außer Natur und einigen Museen gibt es im gesamten Landkreis zwei Kinos und kein staatliches Theater. Aber 119 Freiwillige Feuerwehren und rund 1400 Vereine - bei 128.000 Einwohnern.

"Das Provinzielle kann ein Vorteil sein"

Das Johann-Schöner-Gymnasium ist das einzige Gymnasium in Karlstadt und die Vorzeigeschule des Landkreises. Neben dem Sekretariat hängen neun Urkunden, auch die des Deutschen Schulpreises, den das Gymnasium in diesem Jahr mit einem Preisgeld von 25.000 Euro gewonnen hat. Die Abi-Noten liegen über dem bayerischen Durchschnitt, die Durchfallerquote darunter.

Der Schulleiter Albert Häusler, 60, spricht von systematischer Schulentwicklung. Schwache Schüler werden am Nachmittag gefördert, gute Schüler können sich in Theater- oder Orchesterkursen entfalten. Es gibt zahlreiche Projekte, in der Aula hängt ein Plakat für den Tag der Zivilcourage.

Zurzeit hat Häusler sein Büro in einem Klassenzimmer. Die Schule ist eine große Baustelle, sie wird energetisch saniert. Manche Klassen mussten auf Container ausweichen. Im vergangenen Winter war es eiskalt. Alles kein Problem.

"Das Provinzielle kann ein Vorteil sein", sagt Häusler. "Die Eltern legen hier noch Wert auf eine gute Erziehung." An der Schule herrsche ein Ton des Respekts. Zu Beginn des Unterrichts stehen die Schüler auf, kein Lehrer lässt sich duzen. Häusler sagt: "Ich habe einen Traumberuf."

Wer nach dem Abitur studieren will, muss wegziehen. Im Main-Spessart-Kreis gibt es keine Universität, nur eine Berufsschule. Die Ehemaligen des Johann-Schöner-Gymnasiums gründen Stammtische in anderen Bundesländern. Viele kommen irgendwann zurück.

Ein Verkehrsunfall und ein entlaufener Hund

Außer familiengeführten, mittelständischen Maschinenbau- und Ingenieurbetrieben ist Bosch Rexroth der größte Arbeitgeber im Landkreis. Das Unternehmen stellt Antriebs- und Steuerungstechnologien her. Weltweit hat es mehr als 35.000 Mitarbeiter, in Lohr am Main sind es rund 6100.

Ingo Rendenbach ist der Personaldirektor, sein Büro in der Unternehmenszentrale liegt auf einem Hügel. Lebenslanges Lernen ist seine Devise, davon kann er lange erzählen. Rendenbach, 52, vergleicht Weiterbildung mit dem Bau eines Hauses. "Da muss man auch permanent Geld investieren und modernisieren."

Mehr als 500 Seminare bietet Bosch Rexroth jährlich an, damit sich die Mitarbeiter weiterbilden. "Es ist wichtig, die Stammbelegschaft zu halten", sagt Rendenbach. Niemand wurde während der Wirtschaftskrise entlassen.

Das Unternehmen versteht es, seine Mitarbeiter über den Beruf hinaus an sich zu binden. Grundschüler aus der Umgebung bekommen einen Technikkoffer, mit dem sie einen Werkzeugschein machen können. Auch wer in Rente gegangen ist, kann noch in Projekten mitarbeiten.

Fast jeder dritte Lohrer arbeitet in einem der drei Werke. "Unsere Mitarbeiter sind stolz, Bosch Rexröther zu sein", sagt Rendenbach.

Unten im Tal, nahe dem Main, wacht Polizeihauptkommissar Herbert Schmitt darüber, dass in Lohr und Umgebung alles seine Ordnung hat. Um 17.23 Uhr laufen zwei Einsätze: ein Verkehrsunfall und ein entlaufener Hund. Außer Schmitt sind vier Beamte auf der Wache. An einer Pinnwand hängen Hochzeitskarten, Telefonnummern und ein Zettel, auf dem ein Kollege selbstgemachten Apfelsaft anbietet.

Einer der aufregenderen Fälle, die man sich hier erzählt, liegt schon eine Weile zurück. Es gab mal einen Tag, an dem waren zwei Diebe gleichzeitig in Lohr unterwegs. "Ohne voneinander zu wissen", sagt Schmitt. Er lächelt. "Wenn es so bleibt, wäre das schön."

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 157 Beiträge
fastlander 22.11.2011
...die Bildungsstudie zeigt jenseits von PISA die ganzheitlichen Bedingungen des Lernens. Überlagern wir deren Ergebnisse mit den Immobilienpreisen, der Lebensqualität, den Geburtenraten etc. so ergeben sich relativ eindeutigen [...]
Zitat von sysopWismar ist flop, der Landkreis Main-Spessart top - das ist ein Ergebnis der großen Bildungsstudie, die Deutschland neu vermessen hat. Doch was macht den abgeschiedenen fränkischen Landkreis zum Sieger, die Hansestadt*an der Küste*Mecklenburgs zur Lernwüste? Zwei Ortsbesuche zeigen es. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,799025,00.html
...die Bildungsstudie zeigt jenseits von PISA die ganzheitlichen Bedingungen des Lernens. Überlagern wir deren Ergebnisse mit den Immobilienpreisen, der Lebensqualität, den Geburtenraten etc. so ergeben sich relativ eindeutigen Cluster! Aber: hat man das nicht vorher gewusst? Eine Gegend in der mobile Menschen abwandern, in der es keinen funktionierenden Mittelstand seit 1945 gibt und deren Bewohner komplett von Pendlerarbeit abhängen kann nicht mit dem Jahrhundertealten bürgerschaftlichen Engagement in Süddeutschland mithalten. Wenn man diese Disparitäten nicht top-down ändern will, so zeigt ihre Darstellung nur, dass Menschen, Räume und Mentalitäten unterschiedlich sind und sich aufgrund klar sichtbarer Standortvorteile nicht verbiegen lassen. Ganz ehrlich: ein deutschlandweiter Vergleich ist genauso sinnvoll wie einen ostpolnischen Landkreis mit Bad Homburg zu vergleichen.
Geziefer 22.11.2011
Vielleicht liegt der Unterschied, in dem Motiv, das in diesem Liedtext zu finden ist: Anmut sparet nicht noch Mühe Leidenschaft nicht noch Verstand Daß ein gutes Deutschland blühe Wie ein andres gutes Land. Daß die Völker [...]
Zitat von sysopWismar ist flop, der Landkreis Main-Spessart top - das ist ein Ergebnis der großen Bildungsstudie, die Deutschland neu vermessen hat. Doch was macht den abgeschiedenen fränkischen Landkreis zum Sieger, die Hansestadt*an der Küste*Mecklenburgs zur Lernwüste? Zwei Ortsbesuche zeigen es. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,799025,00.html
Vielleicht liegt der Unterschied, in dem Motiv, das in diesem Liedtext zu finden ist: Anmut sparet nicht noch Mühe Leidenschaft nicht noch Verstand Daß ein gutes Deutschland blühe Wie ein andres gutes Land. Daß die Völker nicht erbleichen Wie vor einer Räuberin Sondern ihre Hände reichen Uns wie andern Völkern hin. Und nicht über und nicht unter Andern Völkern wolln wir sein Von der See bis zu den Alpen Von der Oder bis zum Rhein. Und weil wir dies Land verbessern Lieben und beschirmen wir's Und das Liebste mag's uns scheinen So wie andern Völkern ihrs.
docpanik 22.11.2011
... das sich Bildung wirklich lohnt. Nicht nur für die Gebildeten, auch der Staat bekommt jeden Euro den er in Bildung steckt doppelt zurück. Aber das ist ja nicht angekommen bei den Politikern. Wenn wir nicht endlich DEUTLICH [...]
... das sich Bildung wirklich lohnt. Nicht nur für die Gebildeten, auch der Staat bekommt jeden Euro den er in Bildung steckt doppelt zurück. Aber das ist ja nicht angekommen bei den Politikern. Wenn wir nicht endlich DEUTLICH mehr Geld für Bildung SINNVOLL ausgeben verliert Deutschland die einzige Ressource, die wir noch haben... unsere wissenschaftlichen und Ingenieursleistungen. Bildunsetat verdoppeln (ist utopisch, ich weiß. Leider)!
ex rostocker 22.11.2011
Wismar ist seit einigen Monaten Kreisstadt geworden durch Landesgesetz. Aber Wismar klagt gegen dieses Gesetz, es wäre lieber "selbständig". So bleibt die große Kreisverwaltung in der Kleinstadt Grevesmühlen. Der [...]
Wismar ist seit einigen Monaten Kreisstadt geworden durch Landesgesetz. Aber Wismar klagt gegen dieses Gesetz, es wäre lieber "selbständig". So bleibt die große Kreisverwaltung in der Kleinstadt Grevesmühlen. Der Bürgermeister Beier verhindert also selbst den Aufschwung mit 5oo neuen Arbeitsplätzen, jammert aber gleichzeitig, dass so viele Arbeitsplätze verloren gingen. Anscheinend haben auch der Bürgermeister und seine Stadtpolitiker ein deutliches Bildungsproblem!
Carla 22.11.2011
Naja - reine Glückssache. Bei uns auf dem Kaff (West) gibt es zwar auch massenhaft Vereine, aber das Hinterwäldlertum hat den Laden voll im Griff. So hat man es bis heute nicht geschafft, flächendeckend DSL oder überhaupt nur [...]
Naja - reine Glückssache. Bei uns auf dem Kaff (West) gibt es zwar auch massenhaft Vereine, aber das Hinterwäldlertum hat den Laden voll im Griff. So hat man es bis heute nicht geschafft, flächendeckend DSL oder überhaupt nur eine passable Internet-Verbindung bzw. die nötigen Strukturen dafür parat zu machen, weil: Internet, das ist doch nur was für Supermärkte und Großkonzerne. Wer Architekt, Grafiker oder einfach nur Handeltreibender ist, muss hier wegziehen oder ab und zu zum Datentransfer in die Stadt fahren. Da ist eine afrikanische Kreisstadt wahrscheinlich geradezu modern gegen. Jugendliche können zwar einen Schüleraustausch mit Neuseeland machen, ihren Austauschfamilien aber keine Fotos per Internet zuschicken. Hinterwäldlertum ist überhaupt kein Ausdruck für diese Mentalität hier. Heute war ich mal auf den Seiten der Verbandsgemeinde. Da gibt es einen Link, der nennt sich "Wirtschaftsförderung". Da war ich natürlich sehr überrascht. Beim Durchklicken erwies sich dann als einzige Info über die Wirtschaftsförderung ein paar Links zum Bundesministerium für Wirtschaft und zur IHK. Gesetze werden hier in den Behörden ausgelegt, wie es eben passt ("Das machen wir hier immer so"). Datenschutz im Bürgeramt? Fehlanzeige: jeder Stalker, der jemanden auf dem Amt kennt, kann anrufen und sich über den neuen Wohnort von anderen Personen erkundigen. Datenschutz? Nie gehört. Mindestens einmal pro Jahr wird groß über die Verödung des Dorfes gegreint und wie die Immobilienpreise mal wieder in den Keller gesackt sind. Dagegen muss Wismar ein Traum sein.
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"Deutsche Lernatlas 2011"
Der "Deutsche Lernatlas 2011" zerlegt die Bundesrepublik in 412 Kreise und kreisfreie Städte. Die Experten der Bertelsmann Stiftung haben dafür mehrere Jahre nach geeigneten Zahlen gesucht und das Berechnungsmodell mehrmals überarbeitet. Im SPIEGEL werden die Ergebnisse erstmals vorgestellt.

Die Kriterien des Lernatlases stützen sich auf einen Bericht der Unesco zur "Bildung für das 21. Jahrhundert". Darin werden vier Bereiche des Lernens benannt: das schulische, das berufliche, das soziale und das persönliche Lernen. Aus vorhandenen Daten hat die Bertelsmann Stiftung 38 unterschiedlich gewichtete Lern- und Bildungskennzahlen genutzt und so den Regionen ihren Platz zugewiesen.





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