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08. April 2011, 06:27 Uhr

Bündnis der Problem-Stadtteile

Tschüss, Tristesse

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Wie lassen sich Jugendarbeitslosigkeit, Kriminalität, Tristesse bekämpfen? Der Problembezirk Neukölln und der Pariser Vorort Clichy-Sous-Bois haben sich verbündet, jetzt spielen Schüler aus beiden Brennpunkten gemeinsam Theater - auch, um Schwarzseher wie Sarrazin und Sarkozy Lügen zu strafen.

Es ist nicht so, dass sich Céline für Züleyha schämt - im Gegenteil. Aber Céline hat einen Plan: Sie will Gesundheitswesen studieren oder Medizin, sie will Karriere machen. Und Züleyha will wohnen bleiben, wo ihre Eltern und Geschwister leben, im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois, wo fast jeder zweite Jugendliche keinen Job findet und keinen Ausbildungsplatz, wo Tausende Autos brannten, wo die Aufstände tobten.

Céline trägt den Namen Züleyha an einer silbernen Kette um den Hals. Es ist der Name, den ihre Eltern ihr gaben, türkische Einwanderer, die nach Frankreich kamen, um zu arbeiten. Den Namen Céline gab sie sich selbst, er steht mittlerweile in ihrem Pass. In der Schule heißt sie Céline, zu Hause Züleyha.

Züleyha will heiraten, in ein paar Jahren, mit 25, einen Muslimen, am liebsten einen Türken. "Das macht es leichter, sich zu verstehen". Sie will Kinder. Céline glaubt an das Versprechen, dass es jeder schaffen kann, wenn er nur hart genug arbeitet. Züleyha wünscht sich einen großen Bruder, der sie beschützt.

Die Frage ist, ob es Céline gelingt, Züleyha mitzunehmen auf ihrem Weg. Oder ob sie sie zurücklassen muss.

Sie ist 17 Jahre alt, dunkle Haare, dunkle Jeans, und sie steht jetzt im Flur eines Neuköllner Gymnasiums mit zwei Dutzend anderer Schüler. Sie schütteln ihre Arme, schütteln ihre Beine, gähnen, formen die Lippen zu einem O. Jemand ruft etwas, das sich anhört wie Iiiyaaa. Céline schwingt ihren rechten Arm wie eine Welle, Iiiyaa. Beim Mädchen neben Céline setzt sich die Welle fort, Iiiyaaa, jeder gibt die Welle weiter - letzte Lockerungsübungen vor dem großen Auftritt.

Aus dem sozialen Brennpunkt am Rand von Paris sind Céline und ihre Mitschüler in den sozialen Brennpunkt im Zentrum Berlins gekommen, um Theater zu spielen, gemeinsam mit Neuköllner Abiturienten.

Die Abgehängten treten an zur Aufholjagd

Problembezirke lernen voneinander, das ist die Idee. Schüler aus Neukölln und aus Clichy geben Iiiyaaa-Wellen weiter, und Sozialarbeiter, Lehrer, Politiker, Richter treffen sich und diskutieren: Wie lassen sich Jugendarbeitslosigkeit, Kriminalität, Tristesse bekämpfen? Wie lassen sich Einwanderer überzeugen, die Landessprache zu lernen?

Die Abgehängten wollen antreten zur Aufholjagd - und verbünden sich. In den vergangenen Jahren fuhren die Neuköllner nach Frankreich, Kirsten Heisig war 2008 dabei, die Jugendrichterin, die inzwischen tot ist, und Klaus Lehnert, der pädagogische Leiter vom Campus Rütli. Im letzten Jahr fuhren die Neuköllner Abiturienten hin. Jetzt ist Clichy zum Gegenbesuch nach Berlin gekommen. Organisiert hat den Gipfel der Brennpunkte das Deutsch-Französische Jugendwerk, zusammen mit Sozialwissenschaftlern und Lokalpolitikern.

Es gibt eine Foto-Ausstellung, einen Empfang im Neuköllner Rathaus, Fachgespräche, die französische Staatssekretärin für Jugend kommt vorbei, und es gibt das Theaterstück, das Céline und die anderen Schüler geprobt haben: Szenen aus "Drei Mal Leben" von Yasmina Reza, der wohl am meisten gespielten zeitgenössischen Theatorautorin. Reza hat sich das Stück der Schüler in Clichy angesehen und prompt die Schirmherrschaft übernommen. Die Schüler hätten mit "ungewohnter Disziplin" das Stück auf die Bühne gestellt und "ihre soziale Situation vergessen", sagt Reza.

Céline und die anderen Jugendlichen aus Clichy spielen auf Deutsch, die Neuköllner Schüler auf Französisch. Die gemeinsame Sprache dieser neuen deutsch-französischen Freundschaft jedoch ist Türkisch: Céline hat durch den Schüleraustausch Arzu kennengelernt, 19, Abiturientin aus Neukölln. Wenn die beiden miteinander reden oder bei MSN chatten oder sich Mails schreiben, dann benutzen sie meist die Sprache ihrer Eltern. Auch die Kontakte zwischen den anderen Deutsch-Türken und Franko-Türken sind eng; es gibt keine Sprachbarriere.

Sie wollen Sarrazin und Sarkozy widerlegen

Céline und Arzu sind stolz auf ihre Herkunft, womit beide sowohl ihren Bezirk meinen als auch die Türkei - und beide geben sich selbstbewusst: "Wir wollen zeigen, dass es erfolgreiche Migranten gibt", sagt Arzu. "Wir wollen eine Chance", sagt Céline. Sie verstehen sich als künftige Elite, schließlich beherrschen sie vier Sprachen, Türkisch, Französisch, Deutsch und Englisch. Sie wollen den schlechten Ruf widerlegen, der ihren Vierteln anhaftet. Sie wollen Sarrazin und Sarkozy zeigen, dass sie falsch liegen, wenn sie behaupten, in Neukölln schaffe sich Deutschland ab und Clichy-sous-Bois müsse man mit dem Kärcher vom Gesindel befreien.

Die Underdog-Bezirke wollen einerseits ihr Schmuddel-Image loswerden, andererseits ihre Probleme lösen.

Das versuchen sie zwar zum Teil mit ähnlichen Mitteln. So schickt Neukölln "Stadtteilmütter" zu Familien, an die Sozialarbeiter nicht mehr rankommen, Frauen türkischer oder arabischer Herkunft, die selbst Kinder haben. Und in Clichy-sous-Bois haben "große Brüder" zu vermitteln versucht zwischen Jugendgangs und Polizisten. Es sind Sportlehrer, Sozialarbeiter, Musiker, die einst selbst ohne Perspektive in den Vorstädten herumlungerten.

Doch bei dem Schüleraustausch zeigt sich auch, wie groß die Unterschiede sind, trotz vieler Parallelen. In Neukölln bezogen zwar auch mal Wachleute Posten vor Schultoren, aber Célines Freunde aus der Banlieue wissen, wie es ist, wenn Polizeihubschrauber über dem Haus kreisen. Wie es sich anfühlt, wenn Polizisten scharfe Waffen auf einen richten. Wie es ist, im Ausnahmezustand zu leben, der 2005 während der Aufstände ausgerufen wurde. Die wichtigste öffentliche Investition der letzten Jahre ist die neue Polizeistation, die im Herbst eingeweiht wurde.

Neukölln hingegen wandelt sich. Studenten und Kreative drängen in die Gegend, zu Wohnungsbesichtigungen erscheinen oft Dutzende Bewerber, noch sind große Altbauwohnungen vergleichsweise günstig zu mieten.

Man könnte sagen: Die Probleme von Clichy verhalten sich zu denen von Neukölln wie Sarkozy zu Sarrazin - ähnlich gelagert, andere Dimension.

Pöbeleien auf der Klassenfahrt

Zumal Arzu und die Neuköllner Schüler-Schauspieler ein Vorzeige-Gymnasium besuchen: Die Albrecht-Dürer-Schule setzt auf Begabtenförderung und Reformpädagogik; sie veranstaltet Musikabende, es gibt ein Lese-Café und eine Schach-AG. Die Schule hat einen sogenannten Schnellläufer-Zug, in dem die achte Klasse übersprungen wird.

Als die Neuköllner Schüler im letzten Herbst nach Clichy fuhren, seien sie angepöbelt und mit Pizzaschachteln beworfen worden, erinnert sich Beate Gössler, die Lehrerin, die sich das gemeinsame Theaterspielen ausgedacht hat. Zwei Schüler, Linda, 18, und Henrik, 17, erzählen, wie sie abends in Kleinbussen zum Bahnhof zurückgebracht wurden und die heruntergekommenen Plattenbauten sahen. "Unsere Probleme sind nichts im Vergleich zu deren", sagt Henrik.

Céline könnte sich allerdings nicht vorstellen, in Neukölln zu leben. Ihr gefällt zwar die Lage mitten in der Innenstadt. Denn ihr Viertel ist noch immer abgeschnitten vom Pariser Zentrum. Wenn sie sich auf den Weg macht zu Galerien und Kinos und Boutiquen, braucht sie von Zuhause mit Zügen und Bussen etwa anderthalb Stunden - eine direkte Verbindung gibt es nicht.

Was ihr in Neukölln aber nicht gefällt, ist der respektlose Umgang, wie sie es nennt, zum Beispiel dass sich Paare auf der Straße küssen, womöglich mit Zunge. Und wie manche Leute rumlaufen, mit bunten Haaren und halb rasiertem Schädel. "Sowas gibt es in Clichy nicht", sagt sie.

Über das Leben in Célines Heimat, über das Leben in der Pariser Banlieue, gibt es einen Film. "Hass" heißt er, ein moderner Klassiker von 1995. Er erzählt von Drogenhandel und Schlägereien, von Freundschaft und Hoffnungslosigkeit. Die Vorstadt-Jugendlichen laufen darin an einem Plakat vorbei: "Die Welt gehört Euch" steht darauf, es wirkt wie Hohn.

Céline aber glaubt daran. Wenn sie nur eine Chance bekommt, kann sie zeigen, was sie kann. Und sie ist überzeugt: Züleyha muss sie dafür nicht zurücklassen.

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