Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Baden-Württemberg: Bundeswehr darf an Schulen nicht für den Wehrdienst werben

Werbung fürs Militär: Jugendoffiziere der Bundeswehr dürfen an Schulen nicht für den Dienst werben Zur Großansicht
DPA

Werbung fürs Militär: Jugendoffiziere der Bundeswehr dürfen an Schulen nicht für den Dienst werben

Bitte keine Werbung: In Baden-Württemberg dürfen Jugendoffiziere der Bundeswehr künftig nicht im Unterricht für Tätigkeiten in der Bundeswehr werben - Referendare müssen nicht gegen ihren Willen an den Info-Veranstaltungen teilnehmen.

Um Frieden darf es gehen, ja. Um Jobs bei der Armee aber nicht mehr. Baden-Württemberg hat am Donnerstag eine neue Vereinbarung mit der Bundeswehr getroffen. Demnach dürfen Jugendoffiziere an Schulen nicht "für den Dienst in der Bundeswehr werben".

Die von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) und Oberst Michael Kuhn vom Landeskommando Baden-Württemberg unterzeichnete Kooperationsvereinbarung liegt SPIEGEL ONLINE vor. Sie ersetzt eine Vereinbarung aus dem Jahr 2009. Diese hatte zum Ziel, dass sich Schüler stärker mit Fragen der Sicherheitspolitik auseinandersetzen. Damit hatten die Schulen im Land die Möglichkeit, Jugendoffiziere einzuladen, die mit den Schülern über deutsche Friedenssicherung diskutierten. Immer wieder gab es jedoch die Forderung, die bestehende Kooperation zu ändern.

"Wir haben einvernehmlich mit der Bundeswehr kritische Punkte geregelt, damit die Ausgewogenheit bei der Vermittlung der sicherheits- und friedenspolitischen Bildung in den Schulen besser gewährleistet ist", sagte Stoch am Donnerstag.

Referendare dürfen nicht zur Teilnahme gezwungen werden

In der neuen Vereinbarung wird nun die Entscheidungsfreiheit der Schulen und das Werbeverbot der Offiziere für eine Tätigkeit beim Militär stärker hervorgehoben. Die Vermittlung von sicherheitspolitischen Fragen an Schulen müsse "ausgewogen" sein, heißt es nun. Schüler der Sekundarstufe sollen dadurch mehr Informationen über Fragen der Sicherheits- und Friedenspolitik erhalten, ohne dass die Jugendoffiziere damit für eine Karriere bei der Bundeswehr werben.

Zudem wird die freie Entscheidung der Schulen bekräftigt, sich Vertreter der Bundeswehr zu Informationszwecken einzuladen. Der Besuch eines Jugendoffiziers unterliegt damit der Entscheidung des Lehrers, der während der Veranstaltung anwesend sein muss und den Besuch vor- und nachzubereiten hat. Zudem sieht die neue Vereinbarung vor, dass etwa Referendare nicht gegen ihren Willen während ihrer Ausbildung an Angeboten der Bundeswehr teilnehmen müssen.

Die neue Vereinbarung berücksichtigt auch die Grundsätze des Beutelsbacher Konsens stärker, der den Rahmen der politischen Bildung in Deutschland seit dem Jahr 1976 vorgibt. Somit ist es verboten, die Schüler "im Sinne unerwünschter Meinungen zu überrumpeln" und sie so daran zu hindern, sich eine eigene Meinung zu bilden (Überwältigungsverbot). Außerdem sollen kontroverse Meinungen in der Politik differenziert dargestellt werden (Kontroversitätsgebot) und die Schüler befähigt werden, in politischen Situationen eigene Interessen zu vertreten. Die Jugendoffiziere sind bei Informationsveranstaltungen verpflichtet, diese Grundsätze einzuhalten.

Zum Ende jedes Schuljahres soll die Bundeswehr einen schriftlichen Bericht über die Umsetzung der neuen Kooperationsvereinbarung beim Kultusministerium einreichen.

8700 Bundeswehrvorträge an Schulen im Jahr

Stoch hatte jüngst angekündigt, dass neben der Bundeswehr künftig auch Friedensorganisationen an der politischen Bildung an Schulen in Baden-Württemberg mitwirken sollen. Ein Grundsatzpapier soll festlegen, wie die Organisationen prominenter in der Friedenserziehung verankert werden können.

Seit Ende der Wehrpflicht kämpft die Bundeswehr verstärkt um Nachwuchs: Im vergangenen Jahr haben sogenannte Karriereberater der Bundeswehr 8700 Vorträge an deutschen Schulen gehalten. Insgesamt seien so etwa 189.000 Schüler erreicht worden.

Zudem warben die Karriereberater auf 600 Ausstellungen, Jobmessen, Projekttagen oder ähnlichen Veranstaltungen, dabei erreichten sie rund 96.000 Schüler. Hinzu kamen 3300 Truppenbesuche, an denen rund 13.700 Jugendliche und 260 Lehrer teilgenommen haben.

Die Wehrpflicht wurde im Sommer 2011 ausgesetzt, seitdem hat die Bundeswehr ihre Nachwuchswerbung an Schulen verstärkt, stets auf der Suche nach jungen Menschen, die sich freiwillig zum Militärdienst verpflichten. Das Mindestalter liegt bei 17 Jahren. Immer wieder wurde die Bundeswehr wegen ihres Einsatzes an Schulen kritisiert, inzwischen haben sich mehrere Schulen in Deutschland sogar für "militärfrei" erklärt.

ilo/lgr/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 120 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Indigo76 14.08.2014
Zitat von sysopDPABitte keine Werbung: In Baden-Württemberg dürfen Jugendoffiziere der Bundeswehr künftig nicht im Unterricht für Tätigkeiten in der Bundeswehr werben - Referendare müssen nicht gegen ihren Willen an den Info-Veranstaltungen teilnehmen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/bundeswehr-darf-an-schulen-in-baden-wuerttemberg-nicht-offen-werben-a-986135.html
Ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es geht nicht weit genug. Nicht nur Referndaren muss es freigestellt werden, an solchen Infoveranstaltungen teilzunehmen, sondern auch den Schülern selbst. Nur wenn der Schüler selbst entscheidet, ob er teilnimmt oder in einen Alternativunterricht geht (eine Freistunde würde das Ergebnis verzerren), kann davon ausgegangen werden, dass nur Schüler mit Interesse an der Bundeswehr teilnimmt.
2.
Navygo 14.08.2014
Die Jugendoffiziere haben noch nie für die Bundeswehr geworben sondern stets lediglich sicherheitspolitische Vorträge angeboten. Als jemand, der selbst zum Jugendoffizier ausgebildet wurde, kann ich dies mit Bestimmtheit sagen. Das wurde bereits in dem Lehrgang vehement betont und die Unterscheidung der Jugendoffiziere, die politische Bildung unterstützen, gegenüber dem Personal der Nachwuchswerbung hervorgehoben. Natürlich ist es ein gewünschter Effekt, dass ein Vortragender in Uniform beim Publikum das Bewußtsein für die Existenz der Bundeswehr schärft. Gerade ohne Wehrpflicht verschwindet dieses Bewußtsein zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung und es sollte klar sein, dass sich nur derjenige für ein Berufsbild entscheiden kann, der dessen Existenz überhaupt kennt.
3. Staatliche Institutionen
Zores 14.08.2014
Zitat von sysopDPABitte keine Werbung: In Baden-Württemberg dürfen Jugendoffiziere der Bundeswehr künftig nicht im Unterricht für Tätigkeiten in der Bundeswehr werben - Referendare müssen nicht gegen ihren Willen an den Info-Veranstaltungen teilnehmen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/bundeswehr-darf-an-schulen-in-baden-wuerttemberg-nicht-offen-werben-a-986135.html
Schule und Bundeswehr sind Institutionen des Staates (Land bzw. Bund). Seit wann kann es sich eine staatliche Einrichtung erlauben, eine andere staatliche Institution auszusperren? Es wird Zeit, daß die Bildungspolitik komplett in Bundeshand überführt wird und im Zuge einer Vereinheitlichung der Bildungspläne auch solcher Unfug gestrichen wird.
4.
widastandiszwäglos 14.08.2014
Zitat von sysopDPABitte keine Werbung: In Baden-Württemberg dürfen Jugendoffiziere der Bundeswehr künftig nicht im Unterricht für Tätigkeiten in der Bundeswehr werben - Referendare müssen nicht gegen ihren Willen an den Info-Veranstaltungen teilnehmen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/bundeswehr-darf-an-schulen-in-baden-wuerttemberg-nicht-offen-werben-a-986135.html
Ich begrüße das Urteil. Ich erinnere mich, wie meine Mitschüler und ich damals dieser Werbeveranstaltung beiwohnen mussten - sie war verpflichtend. Es war erschreckend, mit welchem Ton der Jungoffizier mit einigen, zugegeben eher mäßig begeisterten Schülern sprach. Nicht, dass sie den Vortrag störten oder dergleichen. Sie stellten nur ob der Zwangsteilnahme absichtlich dämliche, oder auf Konfrontation abzielende Fragen, die den Geduldsfaden des Offiziers schnell zum reißen brachten. Für mich war es damals schlicht enttäuschend, dass unsere Lehrer bzw. die Schulleitung uns zu so einer Werbeshow zwangen, ohne irgendeine Alternative zu bieten. Nicht nur was die politische Einstellung anging, die Schule galt als "links". Wenn es um Werbung ging, ließ der Schulleiter absolut nichts zu, selbst Getränkeautomaten mit Werbeaufdruck mussten weichen.
5.
mightyschneider 14.08.2014
Diese Regelung erinnert an grüne Verbotsphantasien und ist Populismus pur. Wieso ist es Lehrern nicht freigestellt, einen Jungoffizieren zur politischen Bildung einzuladen und zu diskutieren?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Studie: Wie die Bundeswehr Jugendliche lockt

Fotostrecke
Fliegen aufs Militär: Wie die Bundeswehr um die Jugend wirbt

Fotostrecke
Werbefeldzug der Bundeswehr: Nachwuchs, angetreten!

Social Networks