Jugendliche in Pariser Vororten: "Die Polizisten sind die Gauner, nicht wir"

Wut in den Banlieues: Gleichheit nicht für jeden Fotos
DPA

Ihre Adresse verschweigen sie bei Bewerbungen lieber, sonst werden sie gleich aussortiert. Die Jugendlichen in der Banlieue von Paris begehrten einst auf - und noch immer fühlen sie sich chancenlos. Sie fragen sich: Wohin mit uns? Und unserer Wut?

Die Bilder sind für viele noch so lebendig, als wären die Krawalle erst gestern gewesen: Tausende Autos und Mülltonnen brannten, Straßen waren verbarrikadiert, vermummte Menschen warfen Steine und Molotow-Cocktails. Die Pariser Banlieue wurde vor einigen Jahren tagelang von Unruhen erschüttert. Jugendliche ließen ihrem Frust über soziale Benachteiligung freien Lauf. Der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy wollte die Vorstädte "mit dem Kärcher vom Gesindel befreien" und verhängte Ausgangssperren. Ausschreitungen gibt es nun schon seit längerem nicht mehr - auch wenn die Perspektiven für die jungen Menschen kaum besser scheinen.

Das Département Seine-Saint-Denis mit der Ordnungsnummer 93, im Kiez nur "neuf-trois" (neun-drei) genannt, steht im Ballungsgebiet Paris als Metapher für sozial benachteiligte Viertel. Hier leben viele Immigranten und viele Menschen mit geringem Einkommen. So lag das jährliche Durchschnittseinkommen 2009 mit knapp 20.000 Euro etwa ein Drittel unter dem Schnitt der Region Île-de-France. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch.

Es sind vor allem Einwanderer aus Afrika und dem Maghreb, die hier leben, einer von ihnen ist Mehdi Bachir. "Mit 15 habe ich aufgehört, zur Schule zu gehen", erzählt er. Mittlerweile ist er 20 und macht ein Praktikum in der Antenne Jeunesse, dem Jugendzentrum von Sozialarbeiterin Souad Leroy. "Die Schulen in Paris sind gut strukturiert, aber bei uns nicht." Der 18-jährige Nabil Igram ergänzt: "Auch mit Abitur wird es schwer, Arbeit zu finden. Die Arbeitgeber haben wegen unserer Anschrift ein schlechtes Bild von uns." Er wertet das als Vorurteil. "Das macht mich wütend."

Arabische Namen werden aussortiert

Tatsächlich sollen Kandidaten aus der Banlieue bei Bewerbungen schlechte Chancen haben, heißt es. Es haben sich sogar schon Organisationen gebildet, die Wohnsitzanmeldungen in Paris anbieten - Bewerber mit Adresse Seine-Saint-Denis werden angeblich schnell aussortiert. Ein ausländischer Name macht es möglicherweise noch schwerer: "Ein aus Algerien stammender Freund hat den Namen seiner französischen Frau angenommen, um sich zu bewerben, obwohl er einen sehr guten Studienabschluss hatte", erzählt Jugendbetreuerin Leroy. "Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit gelten nicht für jeden."

Die Sozialarbeiterin ist seit 2001 aktiv in der Antenne Jeunesse. Sie kennt die Angst der Jugendlichen vor dem Misserfolg. "Sie denken, die Arbeitswelt ist nicht für sie gemacht. Sie haben keine Hoffnung und sind desillusioniert." Nach einer von der Zeitung "Le Monde" veröffentlichten Studie suchen aus diesem Grund 900.000 Jugendliche in Frankreich zwischen 15 und 29 Jahren weder Studienplatz noch Arbeit. Sie glauben, beides ohnehin nicht zu finden.

"Seit ich hier arbeite, hat sich das Schulniveau verschlechtert", berichtet Leroy außerdem. 2001 habe sie mit den Kindern Scrabble spielen können, heute würden sie schlichtweg nicht genug Wörter kennen. "Den Kindern fehlt die Anleitung, sie kapitulieren vor den Aufgaben, die sie als zu schwierig empfinden."

Gewalt und Misstrauen

Im Landesdurchschnitt ist gut jeder vierte Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos, in Seine-Saint-Denis fast jeder dritte. Hier haben auch 54 Prozent der 19-Jährigen kein Abitur. Régis Cortesero, Forschungsbeauftrager beim nationalen Institut für Jugend und Bildung, sagt: "Die Vororte sind von einer Vielzahl von Problemen betroffen, die alle miteinander verwoben sind."

Hinzu kommt wachsendes Misstrauen der Jugendlichen gegenüber Medien und Polizei. "Medien nehmen unser Äußeres als Grund, uns über einen Kamm zu scheren", sagt der 18-jährige Samba Dembele, "sie denken, wir sind Diebe oder Randalierer." So werde ein falsches Bild von den Vororten gezeichnet. Nicht nur er, auch Mehdi Bachir berichtet von schlechten Erfahrungen mit der Polizei: "Die Polizisten sind die Gauner, nicht wir. Sie schlagen und beschimpfen uns. Sie machen, was sie wollen."

Misstrauen herrscht auf beiden Seiten. Immerhin ist die Zahl gewaltsamer Übergriffe in Seine-Saint-Denis laut Statistik viermal höher als im nationalen Schnitt. Jugendarbeiterin Leroy erzählt außerdem von Jugendlichen, die auf illegalem Weg den Erfolg suchen. Das ist jedoch nicht alles. Denn laut Leroy kommt zu alldem noch ein gravierendes Problem hinzu: "In den sensiblen Vierteln sind immer mehr Leute schwer bewaffnet." In zahlreichen Vierteln Frankreichs gebe es deswegen spezielle Zonen mit mehr Polizisten. Sicherer sei es nicht geworden, findet Leroy: "Früher oder später werden sich die Kinder dieser Waffen bedienen." Was das im Hinblick auf die Ausschreitungen 2005 bedeuten würde? Leroy ist sich sicher: "Heute würden solche Unruhen mehr einem Bürgerkrieg ähneln."


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Anika Maldacker, dpa/cpa

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insgesamt 61 Beiträge
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1. Auch in Frankreich...
fatherted98 21.07.2013
...bekommt man ein Chance wenn man sich bemueht...das man nicht den ganzen Tag im Ghetto rumhaengen muss sondern eben zur Schule geht, Buecher lesen sollte statt Drogen zu konsumieren oder zu verkaufen, sollte sich auch bei der groessten Dumpfbacke rumgesprochen haben....das man trotzdem dem Gangleben froehnt und sich dann auch noch benachteiligt fuehlt....naja....das liegt wohl in der Natur dieser Leute...deshalb kann ich das elende Gejammer dieser Typen nicht mehr hoeren....
2. Ausbeuterische Drogenprohibition verursacht Kriminalität
hanfpiraten 21.07.2013
Recht haben sie! Auch in Deutschland ist es nicht anders: Die etablierten Parteien erzeugen durch gesundheitspolitisch kontraproduktive Drogenverbote mit voller Absicht unnötige Kriminalität, verfolgen Millionen Unschuldige und verursachen volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe - um der Klientel Marktvorteile zu sichern und sich vor dem Hintergrund hausgemachter Gefahren als Beschützer zu gerieren, Rechte abzubauen, Resourcen zu verschwenden und die Bevölkerung zu überwachen. Seit Jahrzehnten sorgt diese Politik dafür, dass bei Polizei und Justiz ausschließlich Menschen eingestellt werden, die aus Sadismus, Eigennutz oder Ignoranz bereit sind, Unschuldige zu verfolgen. Dank Verboten bleiben nicht Millionen von Menschen einfach nüchtern, sondern werden allenfalls dem Alkohol, Tabak, Medikamenten, Forschungschemikalien, legalen Naturdrogen, "Schnüffelstoffen" etc. zugetrieben. Hinzu kommen im Falle der willkürlich illegalisierten Substanzen der Reiz des Verbotenen, die effektive Verunmöglichung von Jugendschutz und Schadensminimierung, Szenenbildung und finanzielle Anreize durch überhöhte Preise. Prohibition tötet und steht im Widerspruch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
3. Ach ne?!
hanfpiraten 21.07.2013
Jetzt im Ernst? Die Polizei erzeugt und nutzt genau die Probleme aus, die sie vorgeblich bekämpft? Nein, wer hätte das gedacht?! Hat bestimmt auch gar nichts mit Politikern zu tun, die zur Marktverzerrung zugunsten der wenigen Profiteure bereit sind, die Allgemeinheit zu sabotieren, Unschuldige zu verfolgen und Tod und Elend zu verursachen...
4.
muschkilusch 21.07.2013
@fatherted98: Stimmt genau. Ist bestimmt bequemer es so sehen zu wollen. Und vor allem, ein schlechtes Gewissen braucht's dann auch nicht.
5. Die Politik ist gefragt
matthias_b. 21.07.2013
Es sollte eine Quote für kaum der Sprache mächtige, vorbestrafte Schulabbrecher mit geringen Fähigkeiten aber einem gesunden Selbstbewusstsein eingeführt werden. Für Leute, die es gewohnt sind Forderungen zu stellen, aber wenig Eigeninitiative zeigen. Die das Arbeitsklima multikulturell bereichern, indem sie beispielsweise einen Monat im Jahr arbeitsunfähig sind, den Kolleginnen nicht die Hand geben oder wahlweise belästigen und keine Arbeit verrichten, die nicht vom Propheten Mohammed (sas) erlaubt wurde. Damit sie sich wieder gebraucht fühlen.
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