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Erfolgreiche Nachhilfe: Studenten helfen Schülern, die Schülern helfen

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Chancenwerk: Schwache Schüler werden gute Lehrer Fotos
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Der Nachhilfe-Verein Chancenwerk füllt die Lücke zwischen überforderten Lehrern und schwachen Schülern. Das Prinzip: Diejenigen, die Nachhilfe geben, haben früher selbst einmal welche bekommen.

Als Gökhan Özmen in der fünften Klasse war, wurde seine Herkunft zum ersten Mal in seinem Leben zu einem Problem. Özmens Eltern waren aus der Türkei nach Deutschland gekommen und sprachen zu Hause oft Türkisch. Aber in der Schule musste Özmen gut Deutsch können, und er merkte bald, dass er im Unterricht nicht mehr mitkam.

In seiner Klasse waren 30 Kinder, fünf waren so wie er aus der Türkei. "Die Lehrer nahmen uns nicht ernst, wir bekamen immer schlechte Noten", sagt Özmen heute.

Der 22-Jährige ist an diesem Freitag Ende November an die Heinrich-Böll-Gesamtschule in Bochum gekommen, die sich auf einige schmucklose Gebäude mit Grünflächen dazwischen verteilt. Özmen ist noch etwas erkältet, aber er wollte den Termin nicht ausfallen lassen, um seine Geschichte zu erzählen und um klarzumachen, wie er es an die Uni - ins bilinguale Studium International Business Management - geschafft hat.

Ohne die Hilfe des Chancenwerks hätte er das nicht gepackt, sagt er. Die Nachhilfeeinrichtung wurde im Jahr 2004 von den Geschwistern Murat und Serife Vural gegründet, die inzwischen hauptamtlich in dem Verein arbeiten. Das Chancenwerk basiert auf einem Kaskadensystem: Studenten geben älteren Schülern Nachhilfe, und die wiederum helfen Jüngeren bei ihren Hausaufgaben. Gökhan Özmen hat all diese Stufen durchlaufen. Erst erhielt er Nachhilfe, dann gab er selbst welche. Dabei war er oft mehr großer Bruder als Lehrer, jemand, der zuhören konnte und der auf Augenhöhe mit den jüngeren Schülern sprach.

Gökhan Özmen: "Etwas reißen zu können, war ein tolles Gefühl" Zur Großansicht
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Gökhan Özmen: "Etwas reißen zu können, war ein tolles Gefühl"

Auf das Chancenwerk hat ihn sein Vater aufmerksam gemacht, der über Bekannte von der Nachhilfeeinrichtung erfahren hatte. Das sei bestimmt eine gute Sache, sagte Özmens Vater damals. Von da an ging Özmen zweimal in der Woche zur Nachhilfe.

Plötzlich wurden seine Noten besser, plötzlich konnte er im Unterricht mithalten. In Mathematik kam er von einer Fünf auf eine Zwei. Und die Lehrer sahen ihn plötzlich mit anderen Augen, für sie war er kein hoffnungsloser Fall mehr. "Etwas reißen zu können, das war ein tolles Gefühl", sagt Özmen. Erst da wurde ihm bewusst, wie es sich anfühlt, erfolgreich zu sein, für etwas gelobt zu werden.

Auch Ajshe Mushkolaj will jüngeren Schülern dieses Gefühl ermöglichen. Jeden Dienstag und Freitag gibt sie an der Heinrich-Böll-Gesamtschule Nachhilfeunterricht. Die 18-Jährige hört den Schülern aus den fünften bis achten Klassen zu, wenn sie Probleme in der Familie oder mit den Lehrern haben. "Wenn sich die Schüler ungerecht im Unterricht behandelt fühlen, dann rede ich auch mal mit den Lehrern", sagt sie.

Abiturientin Ajshe Mushkolaj: "Zuhören und mit den Lehrern reden" Zur Großansicht
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Abiturientin Ajshe Mushkolaj: "Zuhören und mit den Lehrern reden"

Obwohl sich Mushkolaj in diesem Schuljahr auf das Abitur vorbereitet und selbst viel lernen muss, schaufelt sie sich immer Zeit für die Nachhilfe frei, wie sie sagt. Später will sie selbst Lehrerin für Geschichte und Spanisch werden, und im Chancenwerk könne sie schon einmal üben.

An diesem Freitagnachmittag sitzt Daniel neben ihr. Der 13-Jährige soll einen Text über einen Schneider lesen und aufschreiben, in welchen Situationen sich der Schneider unwohl fühlt. Gewissenhaft liest sich Daniel den Text durch und versucht herauszufinden, welche Worte Unwohlsein beschreiben. Seit zwei Jahren geht der Junge in die Nachhilfe zum Chancenwerk, weil seine Mutter darauf besteht.

Eltern müssen einen Monatsbeitrag von zehn Euro zahlen, damit ihre Kinder an der Nachhilfe teilnehmen dürfen. Zusätzlich finanziert sich der Verein durch Spenden privater Förderer oder Unternehmen. Damit ermöglicht er unter anderem Fortbildungen für die Nachhilfelehrer und bezahlt einige studentische Hilfskräfte. Aber vor allem stützt sich der Verein auf das ehrenamtliche Engagement der Schüler und Studenten, die Nachhilfe geben.

Jedes Jahr hilft das Chancenwerk auf diese Weise rund 2000 Schülern an 40 Schulen in Deutschland. Es stopft die Lücke, die überforderte Lehrer nicht füllen können, weil sie zu wenig Zeit haben, um ausreichend auf die Kinder einzugehen, die noch nicht genug Deutsch sprechen oder sich nicht konzentrieren können, weil sie zu Hause Probleme haben.

Nachhilfelehrer David Weiger (rechts): "Es muss ja nicht perfekt sein" Zur Großansicht
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Nachhilfelehrer David Weiger (rechts): "Es muss ja nicht perfekt sein"

Auch David Weiger hilft den Schülern dabei, im Unterricht aufzuholen. Der 22-jährige Student hört sich an diesem Nachmittag geduldig die Fragen von vier Mädchen an, die Deutsch- und Politikhausaufgaben machen. "Wir müssen einen Bericht über deutsche Städte und Dörfer schreiben, wissen aber nicht wie", sagt ein Mädchen. Weiger schaut in ihrem Schulbuch nach, "dort steht doch, was ihr machen müsst", sagt er. "Es muss ja nicht perfekt sein, probiert es doch erst mal."

Weiger studiert an der Ruhr-Uni Bochum Management und Economics und sagt, das sei ein Fach, das viele seiner Kommilitonen belegt hätten, um nach dem Abschluss schnell viel Geld zu verdienen. Er selbst braucht ein bisschen Abstand von so vielen Karrieregedanken und fährt deswegen Rennrad und gibt Nachhilfe.

Erst wollte er sich ehrenamtlich für eine Flüchtlingsorganisation engagieren, aber dann dachte er sich, Nachhilfe sei auch sehr sinnvoll. "Die Kinder sagen mir immer, wenn ihre Noten besser geworden sind", sagt Weiger. Das sei eine große Bestätigung. Klar müsse er auch einmal durchgreifen, wenn die Schüler ständig quatschten oder unentwegt auf ihr Smartphone schauten. Aber die Arbeit mache ihm Spaß, das Team und die Atmosphäre seien nett.

Gökhan Özmen, der zurzeit keine Nachhilfe gibt, weil er gerade ein anderes ehrenamtliches Projekt verfolgt, will bald seinen Bachelor machen und danach den Master. "Noch mal zwei Jahre büffeln", sagt er. Lernen sei wichtig. Sich anstrengen sei wichtig.

Ohne das Chancenwerk würde Özmen Sätze wie diese wohl nicht sagen.

  • Corbis
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1. In Zeiten...
fatherted98 16.12.2015
...von Ganztagsschulen sollte sich Nachhilfe überlebt haben. Warum wird Nachmittags nicht das vertieft...was evtl. Vormittags nicht verstanden wurde?...die Realität sieht leider so aus, dass in Ganztagsschulen Nachmittags im Prinzip gar nichts mehr gemacht wird...und die Lehrer statt zu helfen nur "Aufsicht" führen...so jedenfalls in meinem Erfahrungsbereich (4 Schulen im Umkreis).
2. Gegenvorschlag:
aussächsischersicht 16.12.2015
Schafft ein Bildungssystem! (Nein, ich meine nicht die unstrukturierte Ansammlung nicht aufeinander abgestimmter Bildungseinrichtungen oder sich ähnlich nennender Pseudoeinrichtungen des föderal-autonomistischen Bildungsunsystems der Bundesrepublik!)
3. Unsinn
bjorka 16.12.2015
Ich kann bestätigen, dass das auf dieser Schule nicht der Fall ist. Ich hatte auch am Nachmittag noch Mathe und da wurde nicht "nur betreut". Trotzdem brauchte ich Nachhilfe und fand das auch nicht schlimm. Ich finde, dass das Chancenwerk eine wichtige Aufgabe erfüllt!
4. Wirklich Herkunft?
shirleyholmes 16.12.2015
Warum glaubt der junge Mann, dass es an der Herkunft lag? Er sagt ja selber, dass er nicht gut Deutsch konnte. Außerdem bekam er ja nach der Nachhilfe gute Noten, schließlich war er vor und nach der Nachhilfe immer noch Türke. Warum denkt er also, dass es für die Lehrer die Herkunft und nicht die damalige Minderleistung vor der Nachhilfe im Vordergrund lag? Ich war selbst in der Hauptschule und habe mich bis zum Abitur gemausert, deshalb mag ich solche Aufsteigergeschichten. Hier aber macht er sich selbst schlecht, wenn er seiner Herkunft die Schuld gibt, schließlich hat ihn sein Vater zur Nachhilfe geschickt. Ich finde bei solchen Storys die Betonung der Herkunft als ursächliches Problem unfair gegenüber den Lehrkräften und vor allem kontraproduktiv für Angehörige von Minderheiten, da meist eine Flucht in die Opferrolle gefördert wird, anstatt zu motivieren. Er sollte einfach Stolz auf seine Leistung sein und nicht zu viel über "Herkunft" nachdenken :D
5. ...
Newspeak 16.12.2015
Zivilgesellschaftliches Engagement ist eine tolle Sache. Nur wird dabei leider immer wieder vergessen, worin die systemischen Ursachen dafür liegen, daß man sowas braucht. Während nämlich der Staat Rekordsteuereinnahmen hat, kommt dort, wo es sinnvoll und nötig wäre, kaum noch was an. Das Schlimmste daran ist, daß dieses Engagement dann auch gerade zur Verlängerung dieses Zustands führt, es zementiert die an sich unhaltbaren Verhältnisse und der Staat kann noch so tun, als sei alles in Ordnung. Mir wäre es lieber, ich würde in einem Land leben, wo man das nicht braucht, sondern wo die staatlichen Aufgaben auch von diesem wahrgenommen werden, lautlos und funktionierend. Genug, wofür man sich engagieren kann, gäbe es dann immer noch.
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