Vorzeige-Gymnasium in Bayern: Rektor soll Abitur-Noten geschönt haben

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Rektor Burkhard Spachmann: "Auf die Erfolgsspur gesetzt"

30 Einser-Abiturienten in einem Jahrgang, und das im strengen Bayern - geht das mit rechten Dingen zu? Der Rektor des Casimirianums in Coburg hat bei dem Glanz-Abitur offenbar nachgeholfen. Jetzt prüft der Kultusminister, wie stark die Noten angehoben wurden.

Die bayerische Reifeprüfung, bundesweit als das deutsches Vorzeige-Abi bestaunt, droht in Verruf zu geraten. Nach einer komplett durchgefallenen Abiturklasse im unterfränkischen Schweinfurt macht nun erneut eine Kollegstufe Schlagzeilen: Das glanzvolle Abitur am Casimirianum in Coburg mit 35 Prozent Einser-Absolventen ist offenbar geschönt worden.

Der Rektor der Schule soll die Noten nach oben korrigiert haben, schreibt das "Coburger Tageblatt". "Es ist unzweifelhaft, dass es zu Notenverbesserungen gekommen ist", erfuhr SPIEGEL ONLINE aus der Schule.

Die Nachricht ruft das bayerische Kultusministerium auf den Plan. Bis zum Wochenende sollen die Noten am Casimirianum überprüft werden. Ein Eingriff in die Prüfungsbewertung, teilte ein Sprecher mit, "wäre ein Einzelfall in Bayern".

Das Abitur am Casimirianum, vor 400 Jahren von Herzog Johann Casimir gegründet, wird in der Stadt wie ein Staatsakt gefeiert. Bei der Vorstellung der 30 Einser- und 24 Zweier-Abiturienten wurde klar, wie pompös der Umgang mit dem Coburger Super-Abi ist: "Jetzt sind wir bereit, eigene, mutige Schritte zu gehen", sagte ein Schülersprecher. Und Rektor Burkhard Spachmann bedankte sich überschwänglich bei seinem Lehrerkollegium, weil es die Abiturienten "auf die Erfolgsspur gesetzt" habe. Spachmann hat dabei aber offenbar selbst nachgeholfen.

Elternvertreter stärken Schuldirektor den Rücken

Der Rektor hat inzwischen schulintern darüber informiert, dass es zu Korrekturverbesserungen gekommen sei. "Wenn Herr Spachmann Noten verbessert hat, dann gab es dafür pädagogische Gründe", sagte allerdings jemand aus Schulkreisen, der ungenannt bleiben möchte. Es sei eine ganze Reihe von Schülern angehoben worden, und zwar im Fach Deutsch. Der Rektor ist selbst Deutschlehrer und Drittkorrektor. Falls Unstimmigkeiten zwischen der ersten und zweiten Abiturbewertung auftreten, überprüft er die Abiturarbeit eigenhändig.

"Es gab Schwierigkeiten bei uns", sagte ein Lehrer, gleichfalls ohne Namensnennung. "Eine Gruppe von Lehrern hat das jetzt mal zur Überprüfung gegeben." Der Vorsitzende des Elternbeirats der Schule, Alexander Treiber, zeigte sich jedoch überzeugt, die Überprüfung der Abiturnoten werden ergeben, dass der Rektor korrekt gehandelt habe. "Es wird nichts herauskommen, was nicht begründbar ist", sagte Treiber.

Spachmann selbst wollte Fragen von SPIEGEL ONLINE nicht beantworten. Ein Sprecher des zuständigen Ministeriums sagte: "Wir haben Herrn Spachmann nahegelegt, gut zu überlegen, was er sagt."

Mit einer Presseerklärung hatte der Direktor sich in der vergangenen Woche dann doch zu Wort gemeldet, wie ebenfalls das "Coburger Tageblatt" berichtet. Darin betone er, dass die Schule "selbstverständlich" konstruktiv mitarbeite. "Der Abschluss dieser aufwendigen Überprüfungsarbeit durch hochqualifizierte Deutschfachlehrkräfte bei den Ministerialbeauftragten zu Fragen der Korrektur und Bewertung muss jetzt abgewartet werden."

Warum würde ein Rektor die Noten anheben?

Über Gründe für das Coburger Notenlifting gibt es zwei Erzählungen in der oberfränkischen Stadt. In der einen wird der Schulleiter als arrogant und autoritär beschrieben, der seine Schule stets als Musterschule verkaufen will. In der anderen wird Spachmann als Erneuerer des bayerischen Gymnasiums gepriesen. Dem Rektor sei es gelungen, viele Realschüler an die Schule zu holen und zu integrieren. Allerdings kämpfe Spachmann schulintern mit ehrgeizigen Studienräten alten Schlages, die hohe gymnasiale Standards durchsetzen wollten - und extrem streng benoten.

Die Schule gehört zu jenen 100 Gymnasien, die Kultusminister Spaenle auserkoren hat, den größten Makel des bayerischen Schulsystems zu beheben: den Mangel an Durchlässigkeit. Das Casimirianum nimmt auch Realschüler auf, und zwar in Ergänzungsklassen in der 10. Stufe.

Was wie moderne Bildungspolitik aussieht, ist nicht immer leicht zu bewältigen. Denn die Realschüler werden von den Gymnasiasten nicht immer mit offenen Armen empfangen. Auch am Casimirianum hat es Integrationsprobleme gegeben. "Es kann doch nicht sein", sagte eine Mutter, "dass die Realschüler nicht wissen, woran sie sind - weil sie erst freundlich und dann superstreng benotet werden." Hat Spachmann die Probleme vielleicht auf seine Art gelöst?

Bei der Abiturfeier vor zwei Wochen pries der Schulleiter das "Erfolgsmodell Einführungsklasse. Wir am Casimirianum stehen verlässlich für gymnasiale Bildung, die muss man sich allerdings erarbeiten". Ein Vertreter des Kultusministeriums lobte die Schule ebenfalls für ihre Integrationsbemühungen. "Die Schule tut sicher mehr als andere Schulen, um das bayerische Gymnasium zu modernisieren", sagte der Schulberater zu SPIEGEL ONLINE. Dass es einen Realschüler-Bonus gibt, hält er für ausgeschlossen. "Die Realschüler haben am Casimirianum ihre Schonfrist in der 10. Einführungsklasse, da werden sie sehr individuell angeleitet. Einen Notenrabatt im Abitur aber gibt es sicher nicht."

Für den bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) kommt der Fall zur Unzeit. Kurz vor der Wahl im September darf die straffe bayerische Bildungspolitik nicht in Verruf geraten. Er lässt nun die Abiture von 400 bayerischen Gymnasien "plausibilisieren und in Stichproben überprüfen".

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insgesamt 163 Beiträge
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1. Ich komme aus Bayern...
unifersahlscheni 16.07.2013
... und bei mir wurde mit Sicherheit niemals nie eine Note "angehoben"... ...ganz im Gegenteil, ich glaube mein Lehrer konnte mich nicht leiden. :o)
2.
FetTerBender 16.07.2013
Ein Rektor also, der nebenbei auch als Lehrer arbeitet, und nach individuellem Gutdünken die Noten einzelner Schülerinnen und Schüler verbessert. Das passiert - wenn es noch genauso ist wie zu meiner Abizeit - nicht nur an dieser Schule.
3. besser, höher, bayer
cassandros 16.07.2013
Zitat von sysop30 Einser-Abiturienten in einem Jahrgang, und das im strengen Bayern - geht das mit rechten Dingen zu? Der Rektor des Casimirianums in Coburg hat bei dem Glanz-Abitur offenbar nachgeholfen. Jetzt prüft der Kultusminister, wie stark die Noten angehoben wurden. Coburger Schuldirektor soll Abi-Noten nach oben korrigiert haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/coburger-schuldirektor-soll-abi-noten-nach-oben-korrigiert-haben-a-911334.html)
Sieh an! So funktioniert also das berühmte, "tolle" Bayernabitur. Ja, die san scho was ganz Speziell's, da unten.
4. ....
jujo 16.07.2013
Zitat von sysop30 Einser-Abiturienten in einem Jahrgang, und das im strengen Bayern - geht das mit rechten Dingen zu? Der Rektor des Casimirianums in Coburg hat bei dem Glanz-Abitur offenbar nachgeholfen. Jetzt prüft der Kultusminister, wie stark die Noten angehoben wurden. Coburger Schuldirektor soll Abi-Noten nach oben korrigiert haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/coburger-schuldirektor-soll-abi-noten-nach-oben-korrigiert-haben-a-911334.html)
In Bayern wird auch nur ein CSUler Rektor (Parteibuch) oder er muss ihr nahestehen. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Beissreflex einstellen. In SPD Länder funktioniet es ebenso!
5.
RigmorU 16.07.2013
mia san mia oder wie soll man das verstehen?
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