Cyber-Mobbing-Studie: Die Eltern pöbeln mit

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Mobbing im Internet quält Schüler - aber auch Lehrer. Eine Studie aus England zeigt, in welchem Ausmaß Pädagogen angegriffen werden. Mit überraschendem Ergebnis: In einem Viertel der Fälle stecken Eltern hinter den fiesen Attacken.

Gefrusteter Lehrer: Schikane im Netz kann verheerende Folgen haben (Symbolbild) Zur Großansicht
Corbis

Gefrusteter Lehrer: Schikane im Netz kann verheerende Folgen haben (Symbolbild)

Während der Lehrer etwas an die Tafel schreibt, zieht ihm ein Schüler blitzschnell die Hose herunter. Ein anderer filmt die Szene mit dem Handy. Nur Stunden später ist der Film auf YouTube für jedermann zu sehen. Der eklatante Fall von Cyber-Bullying - dem Mobbing via Internet oder Handy - an einer schottischen Schule sorgte vor rund vier Jahren für weltweites Aufsehen. Auch in Deutschland gibt es immer wieder Fälle, in denen sich Schüler zum Beispiel mit gefakten Porno-Videos via YouTube an ihren Lehrern rächen, weil sie sich von ihnen ungerecht behandelt fühlen.

Die britische Universität Plymouth hat nun in einer Studie die Internethetze gegen Lehrer genauer untersucht. Sie befragten dafür via Internet knapp 400 Lehrer von britischen Grundschulen und weiterführenden Schulen. 35 Prozent von ihnen gaben an, dass sie oder einer ihrer Kollegen schon einmal Opfer von Beschimpfungen oder Bloßstellungen im Internet geworden sind.

Allerdings sind nicht immer Schüler die Übeltäter: Rund ein Viertel der betroffenen Lehrer sagten, dass sie von Eltern gemobbt wurden. "Wir waren ziemlich schockiert, dass so viele Eltern in Mobbing-Aktivitäten gegen Lehrer involviert sind", sagt Andy Phippen, Verfasser der Studie und Professor für Soziale Verantwortung in der Informationstechnik an der Uni Plymouth.

Besonders gern wird bei Facebook gemobbt

Auftraggeber der Studie war das UK Safer Internet-Centre. Die Organisation setzt sich gegen Missbrauch und Mobbing im Internet ein und hat unter anderem eine Hotline eingerichtet, an die sich Lehrer wenden können. Für die Studie werteten die Wissenschaftler auch Telefonate aus, die bei dieser Hotline eingegangen sind.

Insgesamt gehöre die Einrichtung von Facebook-Gruppen, die sich speziell dem Verspotten und Beleidigen eines Lehrers widmeten, zu den häufigsten Methoden des Lehrer-Bashing. Auf einer eher harmloseren dieser Facebook-Seiten wird zum Beispiel eine Lehrerin unter Nennung ihres Namens und der Schule bezichtigt, dass sie eine "verdammt beschissene Mathelehrerin" sei. Weitere Facebook-Nutzer pflichten dem Urteil in hämischen Kommentaren bei.

Weitere Methoden seien gefälschte Facebook-Accounts, die Schüler für ihre Lehrer einrichteten und dort peinliche Fotos und Kommentare hinterließen. Auch YouTube-Videos, Blog-Einträge und eigens eingerichtete Websites sowie Lehrerbewertungsportale wie ratemyteacher.com würden für die Beschimpfungen genutzt.

Eltern beschweren sich im Internet, nicht bei der Schulbehörde

Wie die Studie zeigt, nutzen Eltern das Internet offenbar gern zur direkten Beschwerde - anstatt den normalen Weg über die Schulleitung oder die Schulbehörde zu wählen. "Für einige Eltern scheint der Lehrer nicht mehr jemand zu sein, den man bei der Ausbildung der eigenen Kinder unterstützt, sondern jemand, den man öffentlich beschimpfen kann, wenn man nicht einverstanden ist mit dem, was im Klassenraum passiert", schreibt Phippen in seiner Studie.

Die Beschimpfungen seien teilweise sehr ehrverletzend und dauerten über Wochen und Monate an. "Eltern sollten eigentlich mehr Verantwortungsbewusstsein haben und wissen, was für einen Schaden sie durch Mobbing anrichten können", sagt Phippen.

In einem Fall hatte ein Vater den Direktor der Schule seines Kindes online beschimpft. Er habe dafür extra eine Google-Gruppe gegründet und eine regelrechte Kampagne gegen den Schulleiter gestartet. Die Angriffe seien immer aggressiver geworden. Der Vater habe auch andere Eltern zum Mitmachen eingeladen, allerdings habe sich nur eine Mutter zum Mitpöbeln berufen gefühlt.

Diese Mutter behauptete schließlich, der Schuldirektor habe ihre asthmakranke Tochter während eines Anfalls allein auf den Schulkorridor geschickt, damit sie sterbe. Ihren Kommentar verlinkte sie mit einem Zeitungsbericht über einen Fall an einer anderen Schule, bei dem ein asthmakrankes Kind in einem Korridor starb. Der Schulleiter beteuert, die Schülerin habe in der Schule nie einen Anfall gehabt und außerdem gebe es dort gar keinen Korridor.

Depression und Selbstmordgedanken

Die Studie zeigt auch die teilweise verheerenden Effekte, die Cyber-Mobbing bei seinen Opfern anrichtet. "Die Lehrer fühlen sich isoliert, alleingelassen und haben mit psychischen Problemen bis hin zu Depression und Selbstmordgedanken zu tun", sagt Forscher Phippen.

Auch der von Eltern gemobbte Schulleiter berichtete den Forschern von einem Zusammenbruch und von Selbstmordgedanken. Intensive Betreuung durch einen Psychologen und medikamentöse Behandlung hätten ihm aber geholfen.

Ein Hauptproblem sieht Phippen darin, dass betroffene Lehrer nicht wüssten, an wen sie sich wenden sollen. Häufig würden die hilflosen Versuche von Schulleitungen die Situation nur verschlimmern, auch die Polizei fühle sich oft nicht zuständig. Mehr als 75 Prozent der Lehrer gaben in der Studie an, dass sie sich mehr Hilfe und Unterstützung beim Umgang mit Schülern, die mobben, wünschen.

Schulleiter dürften nicht einfach darauf hoffen, dass an ihrer Schule nichts passiert, empfiehlt Phippen in der Studie. Sie müssten sich mit dem Thema auseinandersetzen, Lösungswege finden und auch Kurse für Schüler und Lehrer anbieten. Cyber-Bullying ist nicht akzeptabel - das müsse Schülern und Eltern klargemacht werden. "Die Schulen müssen endlich reagieren", sagt Phippen.

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