Datenstreit an Hamburger Schulen: Mittagessen nur gegen Fingerabdruck

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People & Projects IT

Essensbestellung per Fingerabdruck: Cool oder problematisch?

Zeigt her eure Hände: An 16 Hamburger Schulen können Kinder neuerdings ihr Kantinenessen per Fingerabdruck bezahlen. Eltern und Opposition empören sich über laxen Umgang mit biometrischen Daten. Die Aufregung sei unbegründet, wiegelt die Schulbehörde ab.

"Dass man durch den Finger sein Essen holen kann, finde ich irgendwie cool", sagt ein Junge. "Deinen Finger kannst du ja nicht verlieren", sagt ein Mädchen. "Das erleichtert unseren Schulalltag enorm", sagt eine Lehrerin. "Wir haben viel mehr Zeit für das Wesentliche - für gutes Essen", sagt der Mitarbeiter einer Schulküche. "Die essen wesentlich besser da als sogar hier zu Hause", sagt ein Vater, Typ hanseatischer Unternehmer, aus einem bildungsbürgerlichen Wohnzimmer direkt in die Kamera.

Klar, dass alle Befragten begeistert sind, es handelt sich bei den Aufnahmen schließlich um einen sechseinhalbminütigen Werbefilm der Firma People & Projects IT (PPIT) aus Elmshorn für ihren "revolutionären Fingerprint" - ein Verfahren, das Schüler bei der Essensausgabe in der Schulkantine anhand ihres Fingers identifiziert.

Seit diesem Schuljahr setzt PPIT den Fingerprint an 16 Schulen in Hamburg ein, an Grundschulen, Gymnasien, Stadtteilschulen und Sonderschulen. Eltern können über das System sogar einstellen, was ihr Kind in der Schule kaufen darf und was nicht. In dem Film möchte ein Mädchen einen bestimmten Schokoriegel bezahlen, den es dann aber nicht bekommt. In dem Werbetrailer macht das nichts, das Mädchen lächelt und nimmt etwas anderes. Doch so cool, einfach und toll wie im Imagefilm des Unternehmens scheint das System nicht zu sein.

Gleich zu Beginn des Schuljahres kam es zu einer Panne: An der Adolph-Schönfelder-Grundschule im Stadtteil Barmbek hatten die Eltern sich bereits vor Monaten entscheiden müssen, ob ihre Kinder das Mittagessen mit einer Chipkarte oder ihrem Fingerabdruck bestellen und bezahlen sollen. Zwischen 75 und 90 Prozent der Eltern hätten sich an den betroffenen Schulen für den Fingerprint entschieden, teilt die Schulbehörde mit.

Ein Bezahlsystem im Sinne des Caterers

An der Barmbeker Grundschule waren jedoch die Chipkarten für die restlichen Kinder nicht rechtzeitig fertig. Daraufhin hätten die Caterer-Mitarbeiter, so berichten es betroffene Kinder und Eltern, die Grundschüler dazu gedrängt, trotzdem ihren Fingerabdruck abzugeben. "Wenn du deinen Finger nicht drauf legst, dann kannst du auch kein Essen bekommen", soll eine Kassiererin gesagt haben. Oder zu einem Jungen, dessen Eltern partout keinen Fingerprint erlauben wollten: "Ach, das ist schon okay, deine Eltern haben nichts dagegen."

Die Catering-Firma bestreitet die Vorwürfe, die Eltern sind dennoch alarmiert: "Den Einsatz von Biometrieverfahren in einer Grundschule finde ich problematisch. Für Kinder soll es nicht normal sein, dass ihre biometrischen Daten erfasst werden. Außerdem ist das gar nicht notwendig", sagt Stefan May. Seine Kinder gehen in die erste und dritte Klasse der Schönfelder-Grundschule. Das Argument, ihren Finger könnten Kinder nicht verlieren, Chipkarten schon, lässt er nicht gelten: "Kinder könnten und sollten sogar lernen, verantwortungsvoll mit ihren Sachen umzugehen." Zurzeit wird an der Schule darüber gestritten, ob der Elternrat im Vorfeld überhaupt an der Entscheidung für das neue Verfahren beteiligt war - die Schule sagt ja, der Elternrat sagt nein.

Die Debatte beschäftigt nun auch die Hamburger Bürgerschaft. Karin Prien, schulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, hat bereits zwei Anfragen an den Hamburger Senat unter Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gestellt. "Hier sammelt ein privates Unternehmen eine moderne Form von Fingerabdrücken an öffentlichen Schulen. Anstatt den Schülern einen sensiblen Umgang mit persönlichen Daten zu vermitteln und sie damit fit für das Informationszeitalter zu machen, überlegen Schulen, wie im Interesse des Caterers ein Bezahlsystem perfektioniert wird", kritisiert sie.

Wann ist ein Fingerabdruck ein Fingerabdruck?

Die Schulbehörde wiegelt ab: "Dabei wird keineswegs ein Fingerabdruck genommen und gespeichert", sagt Pressesprecher Peter Albrecht. Es würden nur sechs Messpunkte an der Fingerkuppe per Computer in eine Zahl umgewandelt, die dann anstelle des Schülernamens gespeichert würde. Aus diesen mathematischen Daten könne ein Fingerabdruck im erkennungsdienstlichen Sinn nicht erzeugt werden, heißt es. "Natürlich sind die Messpunkte genauso einzigartig wie der Fingerabdruck", sagt hingegen Prien.

Auch die Lehrergewerkschaft GEW ist empört: Der Fall mache deutlich, "dass die öffentliche Aufregung über die aktuellen Abhörskandale offenbar noch nicht in der Behörde und bei den Catering-Unternehmen angekommen ist", sagte GEW-Landesvorsitzende Anja Bensinger-Stolze laut dem NDR.

Die Firma PPIT hat sich für die Panne mit den widerrechtlich erworbenen Fingerprints an der Barmbeker Grundschule inzwischen entschuldigt. Alle Daten seien gelöscht worden.


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DPA

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insgesamt 123 Beiträge
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1.
dongerdo 09.08.2013
Zitat von sysopPeople & Projects ITZeigt her eure Hände: An 16 Hamburger Schulen können Kinder neuerdings ihr Kantinenessen per Fingerabdruck bezahlen. Eltern und Opposition empören sich über laxen Umgang mit biometrischen Daten. Die Aufregung sei unbegründet, wiegelt die Schulbehörde ab. http://www.spiegel.de/schulspiegel/daten-zoff-an-hamburger-schulen-mittagessen-gegen-fingerprint-a-915783.html
Hmmm - man kann also seinem Kind Essen aufgrund eines nicht verlierbaren Fingerabdrucks zuteilen lassen oder man ärgert sich mit verlorenen Chipkarten/Wertmarken/Kleingeld herum.... Sehr schwierige Entscheidung....
2. Bewegungsprofile
nana22 09.08.2013
Schön da werden Kinder gleich daran gewöhnt das Jeder auslesen kann, wann, was, für wieveil etwas in der Kantine gekauft wurde. Das geht von Anwesenheitskontrolle bis hin zur Kontrolle ob das Essen gesund war. Was für eine Zumutung, da ist die Stasi Nichts gegen.
3. optional
kosmischervogel 09.08.2013
Natürlich lässt sich das als erkennungsdienstliche Erfassung verstehen. Wer kann schon ahnen wo die erfassten Fingerabdrücke künftig verwendet werden. Und wer sich weigert bekommt nichts zu essen? Wird ausgegrenzt und sanktioniert? Das ist für den Hamburger Datenschutz akzeptabel? Es wird immer verrückter in dieser Gesellschaft. Die regierenden schikanieren und die regierten akzeptieren.
4.
zweilinkehaende 09.08.2013
Hygienisch ist das Verfahren eine Katastrophe, die Datensicherheit fraglich und der Vorteil gering... Warum Fingerabdruck (Die Punkte sind nicht einzigartig, sonst bräuchte man nicht mindestens 30 für einen rechtsgültigen Beweis, die statistische Wahrscheinlichkeit, dass jemand an der gleichen Schule die gleichen Messpunkte hat ist nur bei 6 Messpunkten schon ausreichend gering.), wenn es auch eine Karte, oder vierstellige Nummer tun würde?
5. Natürlich lassen sich ...
melnibone 09.08.2013
für die ´betroffenen´ Kinder keinerlei Nachteile erkennen. Wenn sogar die GEW als solches, die Gefahren erkennt, brennt in der Regel bereits der ´gesamte Wald´. Wenn sich Eltern dessen nicht bewusst sind oder werden, ist die Diskussion kaum zu führen.
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