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10. März 2012, 10:01 Uhr

Deutsche Schule in Japan

Das fliehende Klassenzimmer

Von Heike Sonnberger

Die Deutsche Schule Tokyo Yokohama ist modern, luxuriös, teuer - und sie kämpft mit finanziellen Problemen. Seit dem Atomdesaster in Fukushima bleiben die deutschen Schüler weg. Wenn sie sich nicht neu erfindet, ist eine der ältesten Auslandsschulen Asiens bald bankrott.

Sie hatten gerade neu gebaut, einen vierten Stock auf die Schule gesetzt, mit Fahrstuhl und einem Raum für japanische Teezeremonien, zehn Millionen Euro hat das gekostet. Damals gingen mehr als 500 Kinder und Jugendliche zur Deutschen Schule Tokyo Yokohama. Es wurde langsam eng in dem roten Klinkerbau.

Jetzt wirkt er wie ausgestorben. Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben und der Atomkatastrophe in Fukushima kämpft die Edelschule in Yokohama ums Überleben.

Der Tag, an dem der Kampf begann, war ein Freitag. 11. März, 14.46 Uhr. "Ich saß da", sagt Schulleiter Michael Szewczyk, 59, und zeigt auf den braunen Ledersessel hinter seinem Schreibtisch. Dann begannen die Erdstöße. Bevor er eine Durchsage machen konnte, war der Strom ausgefallen. Es bebte wieder und wieder, im Schwimmbad der Schule schwappte das Wasser über den Beckenrand, das Altersheim nebenan schwankte. Schüler und Lehrer standen später draußen auf dem Sportplatz zusammen, es war kalt, aus einem Batterieradio tönten verstörende Nachrichten aus dem Rest des Landes.

Um Mitternacht hatten die Schulbusfahrer das letzte Kind bei seinen Eltern abgeliefert. "Am nächsten Morgen stellte sich in E-Mails, Telefonaten und Erzählungen heraus, dass die Hälfte der deutschen Gemeinde unterwegs war", sagt Szewczyk. Einige fuhren in Richtung Südjapan, andere sofort zum Flughafen. Die Schule machte dicht. Erst mal für eine Woche, sagt der Schulleiter. Sie blieb zwei Monate geschlossen. Der 13. Jahrgang musste an einer Kölner Schule sein Abitur ablegen.

"Wenn man nichts tut, geht man unter"

Als der Unterricht am 9. Mai wieder begann, waren nicht alle Familien zurückgekehrt. "Man merkt, dass es weniger Schüler sind", sagt Sina, 19, aus der zwölften Klasse. "Am Anfang fand ich es etwas leer, aber man gewöhnt sich dran", sagt ihre Klassenkameradin Friederike, 17.

Die Leitung und der Vorstand sehen das nicht so entspannt. Die Deutsche Schule Tokyo Yokohama gibt es seit 1904. Damals war sie noch an einem anderen Standort, und es saßen neun Jungen und Mädchen in den ersten Klassen. Vor dem Beben waren es rund 460 Schüler, jetzt sind es 334. Das Schulgeld beträgt etwa 1000 Euro im Monat, es deckt den größten Teil der Kosten, knapp ein Drittel schießt der Bund dazu. Der Einbruch ist enorm: Für das laufende Schuljahr kalkuliert die Schule mit einem Defizit von umgerechnet rund 2,1 Millionen Euro. "Wenn man jetzt nichts macht, kann man warten, bis man untergeht", sagt Szewczyk.

Damit das nicht sofort passiert, hat die Schule einen Antrag auf Krisenbeihilfe beim Auswärtigen Amt gestellt. Dennoch braucht das Institut etwa 70 Kinder mehr, um langfristig funktionieren zu können. Doch woher soll sie die nehmen?

Deutsche lassen sich schwer begeistern

Dass bald wieder so viele deutsche Unternehmer- und Diplomatenfamilien nach Japan kommen wie vor dem Erdbeben, davon geht hier kaum jemand aus. "Wir haben Schwierigkeiten, gute Leute aus Deutschland für Japan zu begeistern", sagt Michael Jungnitsch, Chef von TÜV Rheinland Japan.

Zu groß sei die Angst vor der Strahlung und davor, dass das nächste große Beben die Metropolregion Tokio treffen könnte. Das havarierte Kernkraftwerk Fukushima Daiichi liegt etwa 280 Kilometer von Tokio und Yokohama entfernt. Der TÜV Rheinland hat das Gelände der deutschen Schule vermessen, genau wie Milch aus Fukushima und andere Lebensmittel- und Bodenproben. "Im Moment ist alles in Ordnung", sagt der 49-Jährige.

Trotzdem schrecken die Meldungen über das havarierte Kraftwerk viele ab - und es trauen sich vor allem die noch nach Japan, die das Land schon kennen, vielleicht sogar Japanisch sprechen. "Sie können die Lage besser einschätzen", sagt Pascal Gudorf, Sprecher der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan. Sie haben es zum Beispiel leichter, im Supermarkt zu erkennen, welche Produkte aus Fukushima stammen. "Die Leute, die neu nach Japan kommen, das sind oft Singles und kinderlose Ehepaare", sagt Gudorf.

Neue Strategie gegen den Schülerschwund

An der deutschen Schule arbeitet man gerade fieberhaft an einer neuen Strategie, um den Schülerschwund aus der Heimat aufzufangen. "Wir werden neben dem Abitur auch andere Angebote machen müssen", sagt der Schulleiter. Im Gespräch seien zum Beispiel ein englischer Zweig oder eine Kooperation mit anderen Schulen. Das Konzept soll in vier bis fünf Monaten stehen.

Leicht wird es nicht. Denn Schulen, die Unterricht auf Englisch geben, gibt es in Tokio und Yokohama zuhauf. In Yokohama stehen mindestens zwei, die das International Baccalaureate (IB) oder andere dem Abitur vergleichbare Abschlüsse anbieten, für Tokio ist die Liste sehr viel länger.

Die deutsche Schule hat sich einen strengen Sparplan und eine Marketingkampagne verordnet. Sie hat viele Trümpfe, mit denen sie werben kann: engagierte Lehrer, eine exzellente Ausstattung, ein eigenes Hallenschwimmbad, das erdbebensichere Gebäude, eine gemütliche Bibliothek und eine Mensa, die einwandfreies Schulessen garantiert.

Inzwischen sei auch der Zusammenhalt wieder besser geworden, sagt Friederike. Mitschüler hätten ihr damals vorgeworfen, das Land im Stich gelassen zu haben, als sie nach der Katastrophe Japan für fünf Monate verließ. Doch sie kam zurück - und fast ein Jahr später ist die Strahlung nicht mehr jeden Tag das Gesprächsthema Nummer eins in der Klasse. "Das Thema kommt uns zu den Ohren raus", sagt Friederike.

Die Autorin war von 1998 bis 2001 selbst Schülerin an der DSTY und machte dort das Abitur.

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