Die dicken Kinder von Glasgow: 100 gesunde Essen = ein iPod

Die Stadtväter von Glasgow wollen nicht länger zusehen, wie die Fettpolster von Schülern wachsen. Bewusste Esser werden jetzt belohnt: Wer in der Schulkantine oft genug gesunde Menüs statt Burger wählt, erhält eine Xbox oder einen iPod.

Kampf den Pfunden: Britische Schulen wollen einschreiten
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Kampf den Pfunden: Britische Schulen wollen einschreiten

Großbritanniens Kinder werden immer dicker. Seit Anfang der achtziger Jahre hat sich der Anteil fettleibiger Jugendlicher im Vereinigten Königreich verdreifacht. Das liegt auch an den Schulen: Oft bieten sie den Kindern Kalorienbomben in Form von preisgünstigem Fast Food an.

Damit soll nach dem Willen der britischen Regierung Schluss sein. Ab 2006 werden strengere Standards für fettfreies Schulessen eingeführt, schon ab September treten Bestimmungen mit niedrigeren Fett-, Salz- und Zuckerwerten für Schulessen in Kraft.

Die Stadt Glasgow macht schon einmal vor, wie Schüler freiwillig zur gesunden Ernährung bewegt werden können. 1996 wurden an den Schulen der schottischen Metropole Essensausgaben im Design von Fast-Food-Ketten mit einem bargeldlosen Bezahlsystem eingerichtet. Die Zahl der Schulesser stieg daraufhin, der Verzehr von Kartoffelchips sank um 35 Prozent.

Das Anreizsystem bauen die Glasgower Stadtväter weiter aus. Alle 29 Hauptschulen der Stadt wurden mit gesunden Wahlessen und einem Bonuspunktesystem ausgestattet, das die bewussten Esser unter den 30.000 Schülern am Ende des Schuljahres großzügig für ihre Wahl belohnt.

"Vital Mix" besonders beliebt

Bei 3000 Punkten gibt es eine Xbox, bei 4000 Punkten einen iPod als Belohnung. Büchergutscheine oder Kinokarten sind schon für weniger Punkte zu haben. Am beliebtesten ist bei den Glasgower Schülern das Menü "Vital Mix": eine Suppe, eine gefüllte Pita, Joghurt und Rosinen, dazu ein gesundes Getränk. Dafür bekommt man das Maximum von 40 Punkten. Die Rechnung für die Schüler ist einfach: Hundertmal "Vital Mix" macht einen iPod.

Die gesammelten Punkte können sie täglich auf einer Seite im Internet hochladen und ihre Prämien aus einem Online-Katalog auswählen. Das Belohnungssystem wurde an drei Schulen von April bis Juni des vergangenen Jahres als Pilotprojekt getestet und danach in der gesamten Stadt eingeführt.

Mit den gestylten Schulkantinen und der sanften Bestechung hat man gleich zwei Probleme auf einmal erledigt. "Es ist schwierig, die Kinder zur Essenszeit in der Schule zu halten und dann auch noch zu gesünderen Essen zu bringen", sagt Steven Purcell, Bildungsbeauftragter der Stadt, der Zeitung "The Herald".

Rundherum gesunde Schüler

Ernährungswissenschaftlerin Christine Edwards von der Universität Glasgow hält das Bonusprogramm für eine gute Idee: "Wenn den Kindern das gesündere Essen nicht schmeckt, kaufen sie sich Pommes Frites im Fast-Food-Laden außerhalb der Schule. Sie stimmen also mit ihren Füßen ab. Durch das Punktesystem werden sie aber ermuntert, die gesunde Option zu wählen."

Um die Schüler so früh wie möglich ans gesunde Essen zu gewöhnen, bekommen Glasgower Grundschüler jeden Tag ein kostenloses Frühstück und Kinder zwischen drei und elf Jahren frisches Obst. Alle Schulen der Stadt wurden zudem mit Wasserspendern ausgestattet; die Schüler können das kalte, klare Wasser in kostenlose Sportflaschen füllen.

Die britische Regierung will nun im ganzen Land das Kantinenpersonal auf gesündere Essenszubereitung umschulen. Die Zeit drängt: Experten warnen davor, dass unter derzeitigen Umständen im Jahr 2020 mindestens die Hälfte der englischen Kinder fettleibig sein werden.

Von Christian Werner

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