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24. Februar 2011, 16:28 Uhr

Die neuen Nerds

Gefeierte Fachidioten

Nerds erobern die Welt. Früher saßen sie in der Schule allein in der ersten Reihe, hatten eine dicke Brille und fettiges Haar. Heute drehen sich Filme um den Facebook-Gründer und Wikileaks verändert die Politik. Was ist nur mit den Nerds passiert, fragt das Jugendmagazin "Yaez".

Bazingaaa!* Am Abend des 16. Januar 2011 erreicht die Karriere von Jim Parsons ihren vorläufigen Höhepunkt: Der Schauspieler gewinnt für seine Rolle als Sheldon Cooper in der US-Serie "The Big Bang Theory" einen Golden Globe. Der früher fast arbeitslose Schauspieler sticht bei der Wahl Stars wie Alec Baldwin und Steve Carell aus, und nun kann er sein Glück kaum fassen. Doch sein Preis ist auch ein weiterer Schritt auf einem anderen langen Weg, dem Feldzug der früher als uncool verschrienen Nerds.

Es ist kaum mehr zu übersehen: Die langweiligen Computerspezialisten von einst gelten inzwischen als verdammt cool. Unzählige Blogs und stylische Zeitungen wie "De:Bug" oder das englische Magazin "Wired" beschäftigen sich mit dem, was einst als schrullig und eigenbrötlerisch durchgegangen wäre. Nerds sind die neuen Film- und TV-Helden.

Auch die Rolle, die Parsons spielt, könnte nerdiger nicht sein. Mit 16 hat er seinen ersten Doktortitel erhalten, inzwischen arbeitet er als theoretischer Physiker auf dem Spezialgebiet Stringtheorie, sein IQ ist beinahe nicht mehr messbar. Er weiß alles über Comics und Star Trek und liebt Computerspiele. Und natürlich fallen auch bei ihm sofort diejenigen Schwächen ins Auge, die eben angeblich typisch für Nerds sind: Sheldon fehlt jede Sozialkompetenz, er versteht keine Ironie, keinen Sarkasmus, keinen Humor - und er verliebt sich nie.

Es ist unklar, woher der Begriff "Nerd" stammt

Das umreißt ziemlich gut das Bild, das an den meisten Schulen über Nerds vorherrscht. Dabei ist das Phänomen der etwas uncoolen Randbegabten wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Auch der griechische Ingenieur und Physiker Archimedes würde heute wahrscheinlich als Nerd durchgehen. Im 3. Jahrhundert vor Christus konstruierte er Waffen, berechnete die Zahl Pi und entdeckte die Hebelgesetze - soll aber deutlich weniger für Körperpflege übriggehabt haben. Die Legende behauptet sogar, dass Archimedes wegen seines Nerdtums gestorben ist. Er soll vollkommen in ein mathematisches Problem versunken gewesen sein und geometrische Figuren in den Sand vor sich gemalt haben, als ein Soldat kam. "Störe meine Kreise nicht", hat Archimedes ihn wohl angeblafft - und wurde dafür erschlagen.

Woher dann später genau der Begriff "Nerd" kam, ist nicht ganz klar. Die einen behaupten, er stamme vom Wort "drunk" - einem geläufigen Zustand für diejenigen Studenten, die nicht oft an der Uni, sondern lieber betrunken sind. Weil die Nerds das genaue Gegenteil davon darstellen, könnte das Wort umgekehrt worden sein - und "knurd" klingt englisch gesprochen eben wie "Nerd". Eine andere Theorie besagt, dass der Begriff eine Abkürzung für "Non Emotionally Responding Dude", also "Nicht Emotional Antwortender Typ" sei.

Sicher ist auf jeden Fall, dass der Nerd lange als sehr negatives Wort galt, mit dem vor allem in den USA die coolen, sportlichen "Jocks" von den uncoolen Verlierern, eben den "Nerds", abgegrenzt wurden. Erst seit wenigen Jahren fangen auch die Angehörigen dieser Gruppe an, sich mit diesem Begriff stolz zu identifizieren.

Nerds übernehmen derzeit die Weltherrschaft

Die vielleicht wichtigste Rolle dürfte dabei der Erfolg des Microsoft-Gründers Bill Gates gespielt haben. Schließlich hat sein Werk das Potenzial gezeigt, das in den Nerds steckt: Aus einem pickligen Keller-Jungen wurde der reichste Mensch der Welt, der mit seinem Vermögen auch noch massiv Gutes tut. Über das Phänomen hat 1996 Peter Glaser im Magazin "Stern" geschrieben: "Die Nerds übernehmen gerade die Weltherrschaft." Sie seien "eine Schar unattraktiver, neurotischer Bürschchen, die aussehen, als könne man sie mit einem Löschblatt bewusstlos schlagen".

Doch kurz danach gab es immer mehr Anzeichen für den Aufstieg der Nerds. In "Matrix" wird der Hacker Neo vom Programmierer zum Auserwählten, der die Menschheit vor der Unterdrückung der Maschinen retten muss. 2008 erschien dann in einem Blog der englischen Zeitung "The Guardian" ein Interview mit einem Jo-Jo-Großmeister unter dem Titel "Nerd is the new cool". Im englischsprachigen Fernsehen starteten "The IT-Crowd" oder eben "The Big Bang Theory".

Im letzten Jahr war schließlich der Nerd auch aus den Kinos gar nicht nicht mehr wegzudenken: In einem Film kämpfte der Nerd "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt", im anderen entschieden sich die uncoolen Kids als Superhelden zu "Kick-Ass". Und natürlich war da noch die -Story "The Social Network". Wer den Film gesehen hatte, staunte: Die sonst verpickelten einzelgängerischen Programmierer waren ja plötzlich richtig cool. Sie feierten zwischen ihren nächtlichen Programmier-Sessions wilde Partys mit hübschen Mädchen und vielen bunten Cocktails.

Und selbst vor der großen Politik machen die Nerds keinen Halt. Der Web-Held des letzten Jahres war Wikileaks-Gründer Julian Assange. Noch vor zehn Jahren wäre es absolut undenkbar gewesen, dass eine Kreuzung aus David Bowie und Bill Gates Politikern überall auf der Welt das Fürchten lehrt - und nun landete Assange bei Abstimmungen zum wichtigsten Menschen des Jahres überall auf der Welt auf Rang 1. In der Unschärfe von Assange zeigt sich aber auch etwas, das er mit vielen anderen Nerds gemeinsam hat: So richtig greifbar ist das Phänomen nicht. Also: Was heißt das überhaupt, "Nerd"?

Eine Hornbrille macht aus einem Nerd noch keinen Hipster

Das Web-Lexikon Leo kommt mit den üblichen Erklärungsversuchen und übersetzt Nerd mit: "hochintelligente, aber kontaktarme Person; Fachidiot, Langweiler; Schwachkopf; Sonderling; Streber". So ganz gerecht wird das den vielen Facetten des Nerds aber nicht. Der Niederländer Max de Bruijn ist mehr in die Tiefe gegangen und hat mit "Wie werde ich Bill Gates?" sogar ein ganzes Buch über die Nerds geschrieben. Er erklärt das Phänomen so: "Sie wissen nicht, was ein Nerd ist? Dabei hatten Sie garantiert einen in der Klasse. Er saß allein an einem Tisch in der ersten Reihe, hatte eine dicke Brille und ungepflegtes Haar, war ein Ass in Mathe und eine Niete im Sport."

Nicht sehr schmeichelhaft, zugegeben - und den Aufstieg hin zum neuen, coolen Nerd erklärt es auch nicht. Da helfen schon eher die vielen Gadgets, mit denen sich Nerds heutzutage schmücken. Während sie früher klobige Casio-Uhren mit gefühlt Hunderten Tasten trugen, gibt es heute so coole Uhren wie "The One" mit reduziertem Edel-Look und einem einzigen Knopf. Auch das Magazin "De:Bug" beschrieb 2008 die "Ära Gadget". Und Technikprodukte, wie iPod oder die auch von Sheldon Cooper gern mal angeschlossene Konsole Wii, haben in Sachen Ästhetik deutlich aufgeholt.

Wer anfängt, sich mit den Mode-Accessoires der Nerds zu beschäftigen, wird zudem schnell auf ein ganz wichtiges Utensil stoßen: die Hornbrille. Früher von den etwas dickeren Kindern getragen, sind es heute oft auch ewig jung gebliebene Medienschaffende oder Indie-Sänger, die sich damit den Anstrich des coolen Verschrobenen geben wollen. Aber aufgepasst: Mario Lasar schrieb dazu in der Musikzeitschrift "Intro" ganz zutreffend, dass eine Brille allein aus einem Nerd noch lange keinen Hipster mache. "Die Hipster wären auch ohne Hornbrille hip, während die echten Nerds, die Briefmarken sammeln und sich ihre Klamotten von ihrer Mutter kaufen lassen, trotz Hornbrille nicht zur Hipster-Elite zählen würden."

Ist es nicht überhaupt ziemlich nerdig, dieses ständige Bemühen um Abgrenzung? Genauso nervig wie die Debatte darüber, was denn nun den Nerd vom vermeintlich cooleren Geek unterscheidet? Warum ist es so wichtig, Hipster zu sein? Es ist doch wohl egal, ob wir Nerd, Geek, Freak, Hacker oder wie in Japan Otaku sagen: Wir reden von Menschen, die ein bisschen anders sind als die anderen und die etwas besonders gut können oder wissen.

Nun hat aber wohl fast jeder solche Seiten - und auch das Gefühl, dass einen die vermeintlich Coolen zum Loser abstempeln, dürfte den meisten nicht ganz unbekannt sein. Deshalb an alle Nerds: Genießt das Gefühl, jetzt langsam anzukommen. Allmählich begreifen die anderen, wie liebenswert eure Technik-Leidenschaft und kleinen Schrullen sind!

* Mit dem Spruch "Bazingaaa!" freut sich Sheldon Cooper, wenn es ihm gelingt, einen Scherz zu landen oder die anderen mit einer erfundenen Story hinters Licht zu führen.

Von Christian Fahrenbach für das Jugendmagazin "Yaez"

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