Schulen in Südkorea: Maximal digital

Von Malte E. Kollenberg, Seoul

Das technikbegeisterte Südkorea setzt auf komplett papierlose Bildung. Schon bald sollen alle Schulen nur noch mit elektronischen Büchern unterrichten. Erste Pilotprojekte laufen erfolgreich - doch Experten warnen: Viele junge Koreaner hocken schon jetzt zu viel vorm Bildschirm.

Schule in Korea: Unterricht digital Fotos
Malte E. Kollenberg

Für junge Koreaner wird der sichere Umgang mit mp3-Playern, BlueRays oder Laptops nicht nur in der Freizeit interessant. Die digitale Zukunft findet bald auch in den Klassenzimmern statt. Denn alle Teenager im Land sollen demnächst mit Hilfe modernster Technik lernen. Sozusagen als Schüler 2.0, als Digital Natives der zweiten Generation.

Das hat Vorteile und Nachteile, sagt etwa die 13-jährige Jeong Seo-yeong. Gemeinsam mit ihren Klassenkameraden gehört sie zu den ersten Schülern im Land, die sich an den digitalen Lernmethoden ausprobieren dürfen. "Es ist toll, dass wir während des Unterrichts ganz einfach Medien, Videos und Fotos einbinden können, wenn wir mit dem digitalen Textbuch arbeiten", sagt die Schülerin.

Mitschüler Park Seok-yeon, 14, hält dagegen: "Ich finde den digitalen Unterricht anstrengender, weil meine Augen sehr schnell ermüden, wenn ich die ganze Zeit auf den Bildschirm schauen muss."

2015 sollen die Stifte komplett verschwinden

Zusammen mit rund 30 Mitschülern sitzen die zwei in der südkoreanischen Stadt Incheon in einem der ersten voll digitalen Klassenräume der Sukjung Mittelschule. Die Schule ist eine von rund 300 im ganzen Land, in der die Zukunft des Lernens und Lehrens ausprobiert wird.

Bis 2015 sollen alle gut 11.000 südkoreanischen Schulen "digitalisiert" werden, so ist der ehrgeizige Plan. 2,5 Milliarden Dollar lässt sich Korea die Umstellung kosten. "Smart Education" nennen die Koreaner das. Und dafür müssen aus normalen Schulen "Smart Schools" werden. Wie in der Modellklasse in Incheon, sollen Papier und herkömmliche Stifte bis 2015 komplett verschwinden.

Die Einzige, die im digitalen Klassenraum noch einen Stift benutzt, ist Lehrerin Yeo Mi-jung. Damit schreibt sie auf die Whiteboards links und rechts der digitalen Tafel. Noch, denn das auch nur so lange, bis sie sich an das Schreiben mit dem Finger auf der digitalen Tafel gewöhnt hat. Auch Yeo Mi-jung ist wie ihre Schüler noch in der Erprobungsphase. Seit März dieses Jahres unterrichtet die Englischlehrerin digital.

Auch für die Lehrkräfte ist die Umstellung gewöhnungsbedürftig. Yeo Mi-jung erzählt von Kollegen, vor allem die Älteren, die nicht so recht überzeugt seien, dass das digitale Klassenzimmer eine gute Idee ist.

Sie selbst war zunächst ebenfalls skeptisch: "Ich hatte anfangs Angst vor den digitalen Textbüchern", sagt sie. Yeo Mi-jung ist 29 Jahre alt. Eine junge Lehrerin. Auch sie eigentlich schon ein Digital Native, jemand, der mit digitaler Technik aufgewachsen ist.

"Ich habe Englisch noch mit einem Buch aus Papier gelernt", sagt sie. Für die neue Schülergeneration wird das Sprachenlernen nun interaktiv. Lösen sie eine Aufgabe im Arbeitsbuch, antwortet das Schulbuch auf Englisch "Großartig", wenn die Aufgabe richtig gelöst worden ist, und "Bitte noch einmal", wenn der Schüler nicht korrekt geantwortet hat.

Mittlerweile kommt Yeo Mi-jung mit der neuen Technik bestens klar, sagt sie. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase sei das alles kein Problem. Als unterrichte sie seit Jahren mit der digitalen Tafel, wischt sie über den Bildschirm. Die Aufgaben für die Schüler tippt sie im 90-Grad-Winkel auf der virtuellen Tastatur in das digitale Textbuch.

Fortschrittlichkeit, die noch etwas fortschrittlicher wird

Die koreanische Regierung will das Projekt zu einem Erfolg machen und lässt keine Gelegenheit aus, um auf die Fortschrittlichkeit des eigenen Bildungssystems hinzuweisen, das nun noch etwas fortschrittlicher werde. Der Erfolg bei der OECD-weiten Bildungsvergleichstudie PISA scheint den Koreanern recht zu geben.

Dass Korea sowohl bei der digitalen Technik als auch im Bildungssystem mit weitreichenden sozialen Problemen zu kämpfen hat, wird dabei gerne übersehen. Viele Jungendliche verbringen viel Zeit vor flimmernden Bildschirmen, einige Koreaner finden, zu viel.

Kim Deong-sik, Professor für Educational Technology an der Seouler Hanyang Universität, fordert ein Umdenken im Land. Der Forscher hat seine Zweifel, ob Korea mit der flächendeckenden, ersatzlosen Einführung der digitalen Schulbücher den richtigen Weg einschlägt. In erster Linie sei nicht die Frage, ob digital oder analog, glaubt er. "Die jungen Menschen müssen zu selbständigem Denken angeregt werden, nicht zu einfacher Nachahmung."

Für ihn steht fest: Die Einführung des digitalen Textbuches in Korea soll in erster Linie die technische Leistungsfähigkeit des Landes demonstrieren. Die Logos der großen koreanischen Elektronikhersteller Samsung oder LG sucht man in Incheon jedoch vergebens. "Gigabyte" steht auf den Laptops. Der komplette digitale Klassenraum ist "Made in Taiwan". "Die Computer waren günstiger als vergleichbare Produkte von koreanischen Herstellern", sagt Englischlehrerin Yeo.

So selbstverständlich wie ein Mobiltelefon

Bildungsminister Lee Ju-ho träumt schon länger vom "grenzenlosen Klassenraum". Seine Wunschvorstellung, dass auch außerhalb der Schule mit modernen Medien gelernt wird, hat er bereits 2011 in seinem Buch "Positiver Wandel - Die Bildungs-, Wissenschafts- und Technologiepolitik Koreas" beschrieben.

Für Lee Ju-ho soll Lernen so allgegenwärtig und selbstverständlich werden wie die Benutzung des Mobiltelefons. "Die Schüler haben fast alle schon Smartphones", erläutert Lehrerin Yeo, da liege es doch nahe, die auch für den Unterricht zu nutzen.

Aber auch wenn viele Schüler das Lernen mit der neuen Technik toll finden, so richtig wollen die Grenzen zwischen digitalem Schulleben und Freizeit noch nicht fallen. Populäre Internetseiten wie Twitter oder Facebook können die Schüler nicht für Lernzwecke nutzen. Ein Schüler bringt es auf den Punkt: "Ich würde ja gerne Facebook im Unterricht benutzen, aber wenn ich das mache, bringt mich meine Lehrerin um."

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1. Zweischneidiges Schwert ...
stefanaugsburg 03.07.2012
Ist ja alles schön und gut und sicherlich auch sehr fortschrittlich - aber offensichtlich legt man größten Wert darauf, dass kinder bald nicht mehr wissen, wie man schreibt und wie eine Handschrift aussieht. Was passiert, wenn der Computer ausfällt und man einem Kind einen Bleistift in die Handf drückt ? Kriegt es dann einen Nervenzusammenbruch, weil es nicht weiß, was es damit anfangen soll ? Schöne neue digitale Welt ... aua
2. Wie lange werden noch unsere Kinder in Deutschland,
nur 03.07.2012
täglich mit Schulranzen und schweres Inhalt Ihre Rücken schädigen? Die Zukunft ist Digital! auch wenn es manchen Verlagen nicht gefällt, wird es so kommen.
3. Nicht alles ist Gold was digital ist ...
eine-Meinung-unter-Vielen 03.07.2012
Die Idee, einen Computer im Unterricht als Standardwerkzeug einzusetzen, ist richtig. Allerdings wird ein Verdrängen älterer Arbeitsweisen wie das Entwickeln einer Handschrift, das Malen ohne die intelligenten Hilfsmittel einer "Grafik-Software" besonders bei Kindern zu einer Verkümmerung ihrer Entwicklung führen. Wir dürfen nicht vergessen ... das Erlernen körperlich komplexer Abläufe, wie Sprechen, Laufen, Tanzen, Schreiben, Musizieren trägt entscheidend zur neuronalen Entwicklung des menschlichen Gehirns bei. Ein Monitor und eine Tastatur können das nicht ersetzen. Bei all der Innovationsfreudigkeit darf nicht vergessen werden, dass wir biologische Wesen sind, deren Organismus sich seit Jahrmillionen auf gewisse Körperlichkeiten gewöhnt hat. Ändert man das in kurzer Zeit - ich wage mal den Vergleich - und gerät im Verhältnis Nahrungsaufname zu Körperbewegung aus dem Gleichgewicht, dann ist Übergewicht schnell ein Thema. Mit unserem Gehirn sollten wir allerdings keine Experimente dieser Art durchführen. Abnehmen ist ja schon eine Quälerei. Daher - Computer ja - aber die alten Techniken nicht verkümmern lassen, denn irgendwann fällt garantiert wieder der Strom aus.
4.
mhampel 03.07.2012
Zitat von stefanaugsburgIst ja alles schön und gut und sicherlich auch sehr fortschrittlich - aber offensichtlich legt man größten Wert darauf, dass kinder bald nicht mehr wissen, wie man schreibt und wie eine Handschrift aussieht. Was passiert, wenn der Computer ausfällt und man einem Kind einen Bleistift in die Handf drückt ? Kriegt es dann einen Nervenzusammenbruch, weil es nicht weiß, was es damit anfangen soll ? Schöne neue digitale Welt ... aua
Ja, und was machen man um Urwald, wenn man nie gelernt hat einen Bogen und Pfeile zu bauen und außerdem kein Feuer mit ein paar Hölzern entzünden kann? Von den fehlenden Jagdfähigkeiten mal ganz abgesehen. Das ist viel lebensbedrohlicher für uns.
5. 5345345
kein Ideologe 03.07.2012
Zitat von stefanaugsburgIst ja alles schön und gut und sicherlich auch sehr fortschrittlich - aber offensichtlich legt man größten Wert darauf, dass kinder bald nicht mehr wissen, wie man schreibt und wie eine Handschrift aussieht. Was passiert, wenn der Computer ausfällt und man einem Kind einen Bleistift in die Handf drückt ? Kriegt es dann einen Nervenzusammenbruch, weil es nicht weiß, was es damit anfangen soll ? Schöne neue digitale Welt ... aua
interessante Frage. Ist das Schreiben per Hand eine nur noch historische Kulturtechnik, so wie schriftliches Multiplizieren? Also ich kann mich gut erinnern, daß in den 70gern das Rechnen mit dem Taschenrechner Teufelei war. "Was machen Sie, wenn die Batterien alles sind?" Der Rechenschieber galt als unverzichtbare Kulturtechnik. Ich denke, der Artikel übertreibt. Auch in Korea werden kinder zwischen dem dritten und achten Lebensjahr weiter lernen, wie man einen Stift benutzt. Einfach der Feinmotorik wegen, so wie sie etwas Geige lernen, einfach des Übens wegen. Vielleicht wird so was mehr in die Vorschule verlagert?
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