Was die Wirtschaft will: Seid korrekt und nett, Azubis
Die Wirtschaft giert nach Fachkräften, doch gute Bewerber fehlen, klagen Unternehmen in einer Verbandsumfrage. Die Betriebe interessiert außer guten Noten vor allem das Sozialverhalten. Deswegen sehnen sich die Arbeitgeber nach einem altmodischen Instrument: der Kopfnote.
Deutschlands Unternehmen schauen vermehrt auf den Charakter ihrer Bewerber und weniger auf die Schulnoten. "Jemand, der schlecht in Mathematik ist oder Probleme in Fremdsprachen hat, kann aufgrund seiner Persönlichkeit durchaus ein guter Verkäufer sein", sagte der Verbandspräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans-Heinrich Driftmann.
Deswegen wünscht sich Deutschlands Wirtschaft einer neuen Umfrage zufolge aussagekräftigere Schulzeugnisse: Sie sollten mehr Informationen über die Sozialkompetenz der Jugendlichen, also Betragen, Fleiß und Ordnung, liefern, sagte Driftmann. Damit wünscht sich der DIHK praktisch die sogenannten Kopfnoten zurück, die in den siebziger Jahren aus westdeutschen Zeugnissen verschwanden, inzwischen aber in einigen Bundesländer wieder auf den Leistungsnachweisen stehen.
Driftmann stellte am Dienstag in Berlin die Verbandsumfrage des DIHK "Ausbildung 2012" vor. Darin befragten sie online 14.533 Unternehmen: Bieten Sie mehr Ausbildungsplätze an oder weniger? Wie viele Auszubildende wollen Sie übernehmen? In welchen Bereichen sind Sie unzufrieden mit heutigen Schulabgängern? Unter welchen Voraussetzungen würden Sie mehr Ausbildungsplätze mit lernschwächeren Jugendlichen besetzen? Wie viele Ausbildungsplätze konnten Sie nicht besetzen?
Dabei sagt mehr als ein Fünftel der Betriebe, sie konnten im vergangenen Jahr nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen, insgesamt 60.000 Plätze blieben hochgerechnet unbesetzt. Demgegenüber stehen aktuell rund 76.000 Jugendliche, die die Bundesagentur für Arbeit zwar als "ausbildungsreif" eingestuft hat, die aber keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Hinzu kommt: Knapp 300.000 junge Menschen hängen derzeit in einer Warteschleife. Sie befinden sich in verschiedenen Überbrückungsmaßnahmen, aus denen es für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen oft kein Entrinnen gibt.
Viele Betriebe würden lernschwache Schüler einstellen
Ein Großteil der unbesetzten Ausbildungsplätze ist auf die gesunkene Zahl der Schulabgänger zurückzuführen: 2005 verließen noch 940.000 Jugendliche die Schule, im vergangenen Jahr waren es 873.000. Zuletzt waren die Bewerberzahlen wegen der doppelten Abiturjahrgänge und der Aussetzung der Wehrpflicht allerdings nicht ganz so stark gesunken.
Viele Unternehmen sind von den Bewerbern wenig überzeugt: Insgesamt klagen mehr als drei Viertel der Betriebe, die Jugendlichen seien für eine Ausbildung nicht reif. Etwa jedes zweite Unternehmen reagiert darauf, indem sie ihren Auszubildenden selbst Nachhilfe anbietet. Etwa jedes dritte nimmt Hilfen der Agentur für Arbeit in Anspruch, etwa jedes zehnte stellt den Auszubildenden einen Mentor an die Seite. Gleichzeitig senken auch immer mehr ihre Ansprüche an Bewerber: 16 Prozent der befragten Betriebe sind heute dazu bereit, das sind vier Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.
Dazu passt, dass heute mehr Betriebe als früher lernschwache Schüler einstellen würden: 2010 sagten noch 36 Prozent, das komme für ihr Unternehmen nicht in Frage, heute sind es nur noch 29 Prozent. Im Umkehrschluss folgern die Autoren der Studie: Mehr als 70 Prozent der Ausbildungsbetriebe würden grundsätzlich lernschwächere Schüler einstellen.
Immer häufiger sagen die Betriebe dabei: An Deutsch- und Mathe-Kenntnissen scheitert die Ausbildung meist nicht - das können die Unternehmen schließlich mit Nachhilfe auffangen. "Viel wichtiger ist, dass die Jugendlichen motiviert, leistungsbereit und zuverlässig sind", heißt es in der Studie. 39 Prozent der befragten Unternehmen sagten heute: Soziale Kompetenzen sind uns wichtiger als schulische Leistungen. Zwei Jahre zuvor sagten das nur 21 Prozent.
Zwei Drittel der Firmen wollen übernehmen
Allerdings ist die deutsche Wirtschaft auch mit den Sozialkompetenzen der Schulabgänger unzufrieden: Rund jedes zweite befragte Unternehmen bemängelt Disziplinlosigkeit und unzulängliche Leistungsbereitschaft, fast ebenso viele beklagen mangelnde Belastbarkeit. Mehr als jeder dritte befragte Betrieb ist mit den Umgangsformen der Schulabgänger unzufrieden, und etwa jeder vierte sagt, sie zeigten schlicht kein Interesse. "Hier sind also besonders die Eltern gefragt, wichtige Grundlagen für eine erfolgreiche berufliche Ausbildung ihrer Kinder zu legen", schreiben die Autoren der Studie.
Und die Zeugnisse sollten diese Grundlagen auch abbilden, findet Verbandspräsident Driftmann. Denn: Informationen zu den Sozialkompetenzen würden es den Unternehmen erleichtern, Jugendlichen mit schlechten Schulnoten eine Chance zu geben, sagt er.
Die Unzufriedenheit der Unternehmen spiegelt sich auch in den Ausbildungen wieder, die vorzeitig beendet wurden: Im vergangenen Jahr wurde fast jeder fünfte Vertrag vorzeitig gelöst - mehr als im Vorjahr. Insgesamt sind es etwa 142.000 Ausbildungsverträge, berichtet die dpa.
Trotz dieses wenig schmeichelhaften Feedbacks können sich Schulabgänger - egal ob mit guten oder schlechten Schulnoten - grundsätzlich über die Umfrage der DIHK freuen. Denn auch wenn Unternehmen sich über ihre fehlende Reife beklagen, halten 80 Prozent der befragten Betriebe ihr Angebot an Ausbildungsplätzen aufrecht oder vergrößern es sogar. Die im DIHK erfassten Firmen wollten im laufenden Jahr etwa 25.000 Lehrstellen mehr anbieten, sagte Driftmann. Trotzdem werde der Bewerbermangel vermutlich zu weniger abgeschlossenen Verträgen führen. Auch für jene, die ihre Ausbildung bereits beendet haben, gibt es prinzipiell recht gut Nachrichten: Rund 60 Prozent der Unternehmen wollen ihre Auszubildenden übernehmen - fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.
Mit Material von dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
- Twitter | RSS
- alles zum Thema Berufsausbildung
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Dienstag, 08.05.2012 – 18:30 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 37 Kommentare
- Berufsbildungsbericht: Betrieben droht Azubi-Mangel (05.05.2012)
- Azubi-Gehälter: Top-Verdiener und Niedriglöhner (25.04.2012)
- Ausbildung zur Lkw-Fahrerin: Anna auf Achse (20.03.2012)
- Lehrlingsmangel: Hilfe, die Polen bleiben weg! (31.07.2011)
- Fördermaßnahmen zum Berufseinstieg: "Es besteht dringend Reformbedarf" (13.01.2011)
- Speed-Dating für Azubis: "Sorry, das ist mein Spicker" (13.10.2010)
- Arbeitsmarkt: Firmen warnen vor Billig-Jobbern aus Osteuropa (02.10.2010)
- Jobsuche als Schulfach: Was soll bloß aus mir werden? (15.05.2009)
- Arbeitsagentur-Chef Weise: "Viele junge Leute sind ziemlich orientierungslos" (12.09.2008)
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT SCHULSPIEGEL
-
Mein erstes Mal
Das habe ich noch nie erlebt: Premieren, die den Puls hochjagen -
Karrieren
Wie werde ich...? Prominente erzählen die Geschichte ihres Lebens -
Austauschlog
Ab ins Ausland: Notizen aus dem spannendsten Jahr der Schulzeit -
Tools
Ferien, Referathilfe, Austausch und mehr: Der SchulSPIEGEL-Service -
Jugendsprache
Quiz: Sprechen Sie jugendlich? Check das mal pornös aus!
