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DJ-Schulen: Endlich mal voll aufdrehen

Von Helge Stroemer

Raus aus dem Musikschulmuff, rein in die DJ-Schule: Die Kunst des Plattendrehens kann man lernen. Gymnasiast Jan Hoffmann, 18, alias "DJ Querformat" übt Scratchen und Mixen, um eines Tages in Berliner Clubs HipHop aufzulegen.

Wenn Jan Hoffmann am Mischpult steht, nennt er sich DJ Querformat. Er wippt mit dem Oberkörper im Takt, trägt seine Baseball-Kappe schief, seine Hose hängt ihm tief im Schritt. Dicke Kopfhörer liegen ihm im Nacken. Manchmal zieht Jan seine rechte Schulter hoch, drückt sich die Hörmuschel ans Ohr und lauscht bedächtig dem Bass.

Nachwuchs-Musiker Jan (rechts) und Tim: Traumberuf DJ
Helge Stroemer

Nachwuchs-Musiker Jan (rechts) und Tim: Traumberuf DJ

Zuletzt durfte der Berliner Gymnasiast auf der Popkomm seine HipHop-Platten auflegen. Konzentriert drehte er dort an den Reglern, während sich die Vibra School of DJing aus dem Stadtteil Steglitz auf der Messe präsentierte, ein Ableger der privaten Modern Music School. Der 18-Jährige hat auf dieser DJ-Schule den Umgang mit Mixer, Plattenspielern und digitaler Technik gelernt.

Jan wohnt nicht weit entfernt von seiner musikalischen Ausbildungsstätte und fährt mit dem Fahrrad einmal pro Woche zum einstündigen Unterricht. Im Keller steht eine wattstarke Anlage. Was zu Hause nicht geht, ist hier erlaubt: "Man kann voll aufdrehen. Das macht Spaß."

Wer sich nicht länger in muffigen Musikschulen beim Keyboardunterricht langweilen will, obwohl es ihn eigentlich hinter die Plattenteller der Diskos zieht, kann an einer DJ-Schmiede in die Lehre gehen. In 20 Städten in Deutschland und Schweiz gibt es mittlerweile Niederlassungen der Schule, die früher vom Mischpult-Hersteller Vestax betrieben wurde. Für monatlich 60 Euro wird dort versucht, die Bandbreite moderner Musik und digitaler Technik abzudecken.

Auf dem Stundenplan: Scratchen und Mixen

Auf Jans Stundenplan stehen Techniken für den HipHop-Club, aber auch das Mixen von Techno, House und Trance sowie digitale Musikprogramme wie "Logic" und "Final Scratch". Harmonielehre und Rhythmusgefühl gehören ebenfalls dazu. Denn die künftigen Könige der Tanzflächen sollen Bassläufe erkennen können und mit dem Equalizer möglichst viel aus ihren Platten rausholen. "Die Schüler sollen verstehen, was sie da eigentlich für Musik auf ihren Platten und MP3-Playern haben", sagt Vibra School-Projektleiter Alex Kagel, 34.

Das Zusammenspiel von Vinyl und digitalen Tracks ist für Jan die moderne Art des Musikmachens. "Turntablism" nennen es die Profis, wenn sie Plattenspieler zu vollwertigen Instrumenten machen und das Abspielen von Schallplatten so manipulieren, dass neue Musik entsteht. Man könne einzelne Töne von einer Platte nehmen und sie durch die Geschwindigkeit verändern, erklärt Jan: "Es erklingt dann eine völlig neue Melodie."

Auf der Bühne müssen die Stücke dann genauso klappen wie zu Hause oder im Schulkeller. Jan hat schon eine Reihe von Auftritten hinter sich, bei Schulpartys und in der Berliner Kultur-Brauerei. Dabei gibt Alex Kagel den Mentor: "Wir nutzen unsere Kontakte in Berlin und versuchen, unseren Schülern Auftritte zu verschaffen." Ein DJ lebe von der Interaktion mit dem Publikum. "Er kann nur daran gemessen werden, wie viele Leute getanzt haben", so Kagel. Die Schüler bekommen früh mit auf den Weg, dass Platten auflegen auch als Dienstleistung zu verstehen ist.

Das Geschäft steht bei Jan noch nicht im Vordergrund. Aber nach dem Abi "irgendwas mit Musik zu machen", kann er sich schon vorstellen kann. Erste Schritte hat er schon getan. Zusammen mit seinem Freund Tim Hesselbach, 17, gründete er vor vier Jahren die HipHop-Gruppe "Mal anders": Jan produziert am Computer die Musik, Tim schreibt dazu Texte. "Wir wollen unsere Musik veröffentlichen und bekannt werden. Vielleicht gründen wir eines Tages ein eigenes Label", sagt er.

Es muss nicht immer Sido sein

HipHop ist ihr Lebensgefühl: Sie können sich mit deutschen Texten ausdrücken und viele Musikrichtungen vom Jazz bis Rock einsetzen. "Musik ist immer neu. Es wird nicht langweilig", sagt Tim. Die digitale Technik bietet auch den Vorteil, von zu Hause aus zu experimentieren - "schön gemütlich, man muss sich nicht bewegen", sagt Jan.

Mit ihrer Musik wollen sie zeigen, dass HipHop auch anders klingen kann. Wenn Rapper einander wüst beschimpfen, ist das nicht ihre Sache. Sie haben sich "Mal anders" genannt, weil sie zeigen wollen, dass HipHop in Berlin nicht klingen muss wie beim aggressiven Rap-Helden Sido. "Wenn man sieht, wie kritiklos Achtklässler darauf reagieren, ist es ganz wichtig, auch positive Sachen zu machen", sagt Tim. "Es ist ja nur Spaß. Aber irgendwann möchte man nicht mehr nur kranke Storys hören", ergänzt Jan. Stattdessen reimen Tim und Jan Zeilen, die Mut machen sollen: "Steh' auf und mach was aus deinem Leben. Oder hast du immer Lust klein beizugeben?"

Projektleiter Alex Kagel mit Jan und Tim: Skepsis in der Szene
Helge Stroemer

Projektleiter Alex Kagel mit Jan und Tim: Skepsis in der Szene

Die HipHop-Szene ist eben so unterschiedlich wie die Musikrichtung selbst. Nicht überall kommen deshalb in der Szene DJ-Schmieden wie die Vibra School an. Die Gegner argumentieren, damit gehe die Glaubhaftigkeit und Echtheit der ehemaligen Musik der Straße verloren. Von "Kommerz" und "Blödsinn" ist in Internetforen die Rede. Einige User glauben, dass man HipHop im Blut hat. Oder eben nicht.

Alex Kagel kennt diese Misstöne: In der HipHop-Szene glaube man, dass man DJing nicht auf einer Schule lernen kann. "Weil Schulen uncool sind", sagt Kagel. Auch wenn man anschließend Geld als DJ verdiene, sei man unten durch. Doch jahrelang antrainierte Fehler beim Scratchen und Mixen wieder auszubügeln, dauere wesentlich länger, als das Metier gleich richtig zu lernen. Schließlich zähle auch beim HipHop das Können.

Weil Glaubwürdigkeit viel zählt, unterrichten an der Vibra-School nur Lehrer, sich in der Szene bereits einen Namen gemacht haben. Die Akzeptanz muss stimmen, sagt Kagel: "Das ist einer von uns, den kennen wir." In der Schule in Berlin Steglitz sind das die DJs Q-Millah und Tallah.

Jan hat sich von ihnen die Tricks zeigen lassen. Natürlich könne man Mixen und Scratchen auch von Freunden lernen. "Aber in der DJ-Schule geht es schneller", sagt er und zieht den Regler voll auf.

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