Von Heike Sonnberger und Oliver Trenkamp
Sie machen seltener Abitur, brechen öfter die Schule ab, haben größere Probleme bei der Jobsuche: Studien zeigen immer wieder, dass Kinder aus Zuwandererfamilien im deutschen Bildungssystem benachteiligt sind. Doch woran liegt das?
Eine neue und repräsentative Studie zeigt jetzt, wie Eltern sich die Ungerechtigkeiten erklären und wie unzufrieden sie mit der Leistung der Lehrer sind. Sie beleuchtet zudem, wie sich die Sichtweise unterscheidet: zwischen türkischstämmigen Müttern und Vätern und den Eltern in Deutschland insgesamt, zwischen Ost und West und zwischen verschiedenen sozialen Schichten.
So sehen Eltern mit türkischen Wurzeln die Schuld für die Benachteiligung eher bei den Lehrern und seltener bei sich selbst, als dies bei den Eltern insgesamt der Fall ist. Zugleich versuchen türkische Eltern deutlich häufiger, ihre Kinder zu unterstützen - fühlen sich damit aber öfter überfordert.
Was türkischstämmige Eltern den Lehrern vorwerfen
Nur 28 Prozent der türkischstämmigen Eltern glauben, dass ihre Kinder die gleichen Chancen haben wie Kinder ohne Migrationshintergrund. Unter allen befragten Eltern sind 43 Prozent dieser Meinung.
Dafür nannten sie unterschiedliche Gründe: Türkischstämmige Eltern glauben deutlich öfter,...
Alle befragten Eltern zusammengenommen nannten diese Gründe deutlich seltener. Fast 90 Prozent glauben, dass Schüler von Einwanderern schlechtere Chancen haben, weil sie nicht gut genug Deutsch sprechen und zu Hause nicht ausreichend unterstützt werden können. Trotzdem sind alle Eltern weitestgehend einig, dass Zuwandererkinder gut bis sehr gut integriert sind.
Die Umfrage ergab auch, dass türkischstämmige Mütter und Väter besonders ehrgeizig sind, was ihre Sprösslinge betrifft - und dass bei ihnen auch die Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg besonders ausgeprägt ist: Fast drei Viertel wollen, dass es ihren Kindern später einmal besser geht als ihnen selbst. Und mehr als die Hälfte glaubt, dass das auch eintreffen wird.
Bildung - was ist das eigentlich?
Dafür strengen sie sich besonders an: Fast zwei Drittel der türkischstämmigen Mütter und Väter helfen oft oder gelegentlich bei den Hausaufgaben, während das nur gut die Hälfte aller Eltern tut. Für türkische Eltern ist diese Hilfe allerdings oft mühsam: 48 Prozent gaben an, dass ihnen die Hausaufgabenhilfe schwer oder sehr schwer fällt - verglichen mit 35 Prozent aller Eltern. Mehr als die Hälfte wünscht sich, dass der Staat sie bei der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder mehr unterstützt.
Dass Bildung wichtig ist, darin war sich die Mehrheit der Befragten einig - über alle sozialen Schichten hinweg. Aber was gehört unbedingt zu guter Bildung? Rund drei Viertel der Befragten nannten ein breites Wissen und "dass man sich sprachlich gut ausdrücken kann".
Nur die Hälfte findet auch Fremdsprachen, gute Manieren, Computerkenntnisse und Wissen über das aktuelle Geschehen unverzichtbar. Und obwohl komplexe Wirtschaftsthemen wie die europäische Schuldenkrise derzeit täglich die Medien beschäftigen, hält nicht einmal jeder dritte Elternteil ein Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge für unbedingt nötig.
Fast die Hälfte der Befragten findet, dass Interesse an der Philosophie nicht zu einer guten Bildung gehört. Beinahe genauso vielen ist unwichtig, dass ihre Kinder ein Musikinstrument spielen oder viel von der Welt gesehen haben.
Es zeigt sich allerdings auch, dass die Vorstellung von Bildung stark von der sozialen Schicht abhängt: So empfinden es bessergestellte Mütter und Väter als deutlich wichtiger, dass ihre Kinder Fremdsprachen beherrschen, das aktuelle Geschehen verfolgen, mit Zeitungen, Fernsehen und Radio "sinnvoll umgehen" und viel lesen. Sozial benachteiligte Eltern wiederum schätzen die Bedeutung von Computerkenntnissen und handwerklichem Geschick deutlich höher ein.
Bei der Frage, was Erziehung leisten soll, klaffen die Vorstellungen zwischen Ost- und Westdeutschland auseinander: Im Westen setzen Eltern demnach stärker auf Verantwortungsbewusstsein und Toleranz. Im Osten hingegen stehen Disziplin, Leistungsbereitschaft und Wissensdurst im Vordergrund.
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