Unglücklich verliebt: Er liebt sie, aber sie ihn nicht

Inga, 24, und Kai, 23, waren gut befreundet, bis er sich in sie verliebt hat. Jetzt ist alles anders: Kai will Inga nicht mehr sehen, Inga vermisst Kai - aber nicht so, wie er es gern hätte. Im Jugendmagazin "Spiesser" schildern beide ihre Sicht auf die einseitige Liebe.

Inga Schörmann: Nicht verliebt Zur Großansicht
Frank Grätz

Inga Schörmann: Nicht verliebt

Hier erzählt Inga Schörmann, 24, von ihrem guten Freund Kai

Seit zwei Wochen ist er wieder in Dresden. Seit zwei Wochen werde ich nur noch bedingt von unseren gemeinsamen Freunden gefragt, ob ich die Abende mit ihnen verbringen will. Sie achten akribisch darauf, dass Kai und ich nicht beide da sind. "Ich möchte, dass du am Samstag zu meiner Party kommst. Ich feiere, dass ich wieder zurück bin." Kai war ein halbes Jahr für ein Praktikum irgendwo in der Pampa in Bayern. Während dieser Zeit habe ich seine Freunde kennengelernt. Manja und Alex sind mir sofort ans Herz gewachsen. Dass da eigentlich noch ein Dritter dazugehört, wurde mir erst klar, als Kai für ein Wochenende im Oktober zu Besuch zurück in Dresden war.

Er war laut, herzlich und intensiv. Trug mir beim Burger-Essen direkt einen seiner Poetry-Slam-Texte vor, lachte viel und war herrlich zynisch. Auf einer Halloween-Party haben wir uns das "Beißversprechen" gegeben, blutroten Likör aus Reagenzgläsern getrunken und geknutscht. Für mich zuerst nur ein Gag, aber bei ihm gings da schon los.

Er kam plötzlich fast jedes Wochenende mit der Mitfahrgelegenheit zurück nach Dresden. Unter der Woche skypten wir abends oft. Wir unterhielten uns über verrückte Magazine, er erzählte mir von guten Filmen und sagte mir, dass er mich vermisse.

Ich habe ihn dann auch vermisst. Wir hatten uns ein paar Wochen nicht gesehen oder zumindest nur per Videochat. Ich nahm mir ein Herz und erzählte ihm von meinen Gefühlen, sagte aber gleich, dass ich mich kenne, dass sich so was bei mir sehr schnell wieder ändern kann. Ich hätte es nie erwähnen sollen. Denn schon beim nächsten Treffen war alles anders. Seine Nähe wurde mir zu viel. Er war extra zu meiner Geburtstagsfeier nach Dresden gekommen. Er schenkte mir eine Mate-Kalebasse, einen Kürbis, aus dem man das koffeinhaltige Aufgussgetränk Mate trinken kann. Ich war gerührt. Aber im Lauf des Abends fühlte ich mich von Kai eingeengt, wollte einfach nur weglaufen und suchte die Nähe anderer. Am nächsten Tag nahm ich mir wieder ein Herz. "Gerade ist das Gefühl nicht mehr da", sagte ich. Er war verletzt, aber wollte auch nicht aufgeben.

Die Zeit verging und er hatte nicht aufgegeben, meldete sich oft, kam für eine ganze Woche nach Dresden. Als ich ihm ehrlich sagte, dass wohl nie was aus uns werden würde, dass ich vielleicht auch einfach nicht bereit für eine Beziehung sei, brach eine Welt für ihn zusammen. Er setzte mir zu, dass wir uns treffen müssten, er sei überhaupt nur wegen mir hier. Er wolle alles dafür tun, mein Herz umzustimmen. Ich blieb hart.

Die Zeit danach wurde schwierig. Gott, wie sehr ich es hasste, dass ich keine Nachrichten über die Biber vor Kais Haustür in Bayern mehr bekam, dass ich ihm nicht erzählen konnte, was mich die neueste "How I Met Your Mother"-Folge gelehrt hatte. Und wie viel Angst ich gleichzeitig davor hatte, dass er zurückkommen und sich nichts geändert haben würde.

Mittlerweile hat sich etwas geändert: Ich habe einen Freund. Ich habe Alexander kennengelernt und er hat mich umgehauen. Es gab kein Zögern, keine Angst, dass sich das bald wieder ändern würde. Eine völlig neue Erfahrung für mich. Als ich es Kai im Video-Chat erzählte, warf er mir nur eines vor: Dass all das, was bei ihm aus unerklärlichen Gründen nicht ausreichend aufkommen wollte, jetzt plötzlich ein anderer bekommt. Ich habe keine Entschuldigung dafür.

In den letzten Wochen hatten Kai und ich nur noch sporadischen Kontakt. Ich trinke trotzdem täglich meinen Mate-Tee. Und am Samstag gehe ich zu seiner Party.

Kai Rieger: Schwer verliebt Zur Großansicht
Frank Grätz

Kai Rieger: Schwer verliebt

Hier erzählt Kai Rieger, 23, von seiner großen Liebe Inga

Das hier ist mir peinlich. Und zwar weil die Situation bescheuert ist, nicht weil mir das Ganze zu privat ist. Hereinspaziert! Willkommen in meinem Kopf zum großen Gefühlszirkus! Ich bin Teil der Generation Datenkrakenfutter: Was wollt ihr wissen? Ich bin 23, wohnhaft in Dresden, Maschinenbaustudent und ein mittelmäßiger Poetry-Slammer. Ich mag Bier, Kitesurfen, Dinge in Teigfladen gewickelt und bin todtraurig verliebt.

Es ist ein seltsames Gefühl zu wissen, dass Inga gerade an ihrem Laptop sitzt und etwas über mich schreibt. Es ist außerdem seltsam, dass mein Magen jedes Mal krampft, wenn ich das Wort Inga schreibe. Inga. Aua.

Irgendwann ganz am Anfang hatte ich die Wahl. Flight or Fight: laufen oder kämpfen. Ich wusste, worauf ich mich einließ. Inga machte deutlich, dass sie keine Beziehung wollte, mochte mich aber. Ich genoss ihre Nähe und sie meine. Ich wollte für sie, um sie, zur Not sogar gegen sie kämpfen. Einen Rückzug hätte ich mir damals nie verziehen. Ich wollte für sie Troja belagern, Drachen erwürgen und böse Zauberer vertreiben. Stattdessen ging ich mit der Zeit: schrieb ihr nette Nachrichten, backte ihr einen Schokokuchen und ging nach der Arbeit verbissen joggen.

Als sie mir sagte, dass sie keine Gefühle mehr für mich habe, wäre das ein guter Zeitpunkt gewesen, das Handtuch zu werfen. Aber da war es schon zu spät. Der Gedanke an Inga war inzwischen eine billige Art geworden, Glückshormone in meinem Hirn ausschütten zu lassen. Inga war über die letzten Monate von einer Person zu einem Gefühl mutiert. Inga war das Letzte, woran ich vor dem Einschlafen dachte. Inga war, was mich nicht wieder einschlafen ließ, wenn ich mitten in der Nacht aufwachte. Inga ließ mich direkt morgens wieder zum Smartphone greifen und das Spiel von letzter Nacht wiederholen. Ich fühlte mich Inga.

Dann kam eines Tages die erhoffte Nachricht - allerdings mit dem Satz, vor dem sich Männer am meisten fürchten: "Du Kai, müssen uns mal unterhalten." Warum folgt auf so einen Satz nicht einmal "Ich habe mich unsterblich in dich verliebt." oder "Das mit dem Schlussmachen habe ich gar nicht so gemeint!" Aber nein. Zum verabredeten Zeitpunkt erschien beim Videochat ein Gesicht, darin ein kleiner Mund. Und heraus purzelte: "Ich hab jetzt einen Freund." Die Lippen drückten sich leicht aufeinander. Ingas Augen schlossen sich in Zeitlupe, dann waren sie wieder da. Ich starrte hinein und konnte mir dann auf dem zweiten Webcam-Bild des Chat-Programms dabei zusehen, wie ich zerfiel.

Jetzt hänge ich an der Zeit von früher, muss die Gegenwart ertragen und betrauere eine Zukunft, die Inga und ich nie haben werden. Ich will sie nicht sehen, weil mein Herz rast, wenn wir in einem Raum sind. Weil ich mich andauernd frage, was ich jetzt noch tun könnte, damit es zwischen uns doch klappt. Ein Szenario, das mir dabei immer wieder vorschwebt, ist die Zombieapokalypse. Ihre Gefühle würden sich bestimmt ändern, wenn ich - auf einer Harley, eine abgesägte Schrotflinte in der Hand - Inga vor ihrem ach so tollen Freund rette, der ihr Gehirn fressen will.

Aber irgendwo zwischen all diesem Wahnsinn dämmert es so langsam: Es ist vorbei. Troja steht noch, die Drachen leben und sind glücklich. Joggen hingegen ist nie eine schlechte Idee und manche Kämpfe müssen gekämpft werden, auch wenn man sie nicht gewinnen kann. Und jetzt raus aus meinem Kopf, nehmt Inga mit. Die Show ist vorbei und sie war gut. Vorhang, Applaus.

Von Inga Schörmann, Kai Rieger und Frank Grötz (Fotos) für das Jugendmagazin "Spiesser"

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 120 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Lieber Kai...
Orphelin 25.12.2012
Der Artikel hat mich sehr berührt, und ich fürchte, dieses Thema wird Sie ein Leben lang begleiten. Andererseits zeigt es mir auch, dass Sie ein sehr wertvoller Mensch zu sein scheinen, denn nur denen passiert so etwas (alle anderen kommen nämlich "zum Zug"). Nach einem Leben voller ähnlicher Erfahrungen kann ich Ihnen nur raten, sich nicht unfair und nicht unfreundlich, dafür aber mit großer Festigkeit und notfalls radikal von Inga zu trennen und, wenn Ihnen sowas noch einmal passiert, es wieder genauso zu tun. Achten Sie immer auf erste Anzeichen, wenn Sie jemanden kennenlernen! Einen großen Teil meines Lebensglückes habe ich an zwar schöne, aber für das Glück völlig nutzlose platonische Freundschaften verschwendet und kann Ihnen kaum aufzählen, an wievielen Abenden ich traurig nach Hause gehen "durfte", wenn es "ernst wurde" und eigentlich Liebe angesagt war. Und: Jede platonische Freundschaft, die Sie dennoch weiter führen, ist auch ein Signal für die nächste ... Lernen Sie, sich schnell und sauber zu trennen - denn das ist die eigentliche Kunst im Leben! Denn auch wertvollen Menschen sollte Liebesglück zustehen...
2. Kai hats drauf...
phork030 25.12.2012
....zumindest rethorisch. Also wenn du genauso kurzweilig drauf bist, wie du schreibst, dann sehe ich für dich gar kein Problem eine neue, (bessere) Inga zu finden. Ansonsten kann ich nur sagen "That´s Life" - mit all den Höhen und Tiefen, die das Leben zu bieten hat. Und ihr beide seid mitten drin. Ihr lacht, ihr weint, ihr bedauert, ihr vermisst - kurz um ihr fühlt. Wie schön sowas ist...
3.
freshm 25.12.2012
Sehr berührender Artikel. Gute Idee und gut umgesetzt. Mich würde interessieren, wie es zu so einem Artikel kommt. Alex war doch ein Freund von ihm, oder? Dann finde ich es besonders mies.
4. Lass los, Kai!
francot2 25.12.2012
Unglückliche, weil einseitige Liebe ist eigentlich etwas für Teenager, die noch nicht gemerkt haben, dass auch andere Mütter schöne Töchter haben, und für ältere Männer, die anfangen, jungen Frauen nachzulaufen. Lass los, Kai, und folge dem Rat, den man sonst Teenagern erteilt!
5. Briefkastentante
ralph.behr 25.12.2012
Ehrlich: Die Geschichte ist rührend und für einige Leute sicherlich passend zu den eigenen Erfahrungen und Problemen. So rührend diese Geschichte aber auch ist: Was hat das im SPON zu suchen? Nachrichten? Wohl eher nicht. Ich sehe schon die Kommentare, dass das hier Schulspiegel ist. Hinweis: die beiden sind 23 und 24. Nebenbeibemerkt: Da könnte man solche Phasen mal langsam hinter sich haben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles zum Thema Liebe
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 120 Kommentare
Gefunden in
Fotostrecke
Freundschaft und Facebook: In echt? Oder im Netz?

Fotostrecke
Lexikon der Freundschaftstypen: Miteinander feiern, weinen, schlafen


Dein SPIEGEL digital
Social Networks