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Streit über Erdogan in Schulbuch: Bundesregierung verteidigt Karikatur

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Präsidenten Erdogan: Kritik an Karikatur

Eine bissige Karikatur des türkischen Präsidenten Erdogan verärgert Ankara. Jetzt rät Berlin allen Beteiligten, sich wieder abzuregen. Die Zeichner selbst sorgen sich derweil um die "Humor- und Ironiekompetenz".

Der türkische Präsident als Kettenhund: Diese Karikatur von Recep Tayyip Erdogan in einem deutschen Schulbuch hat die türkische Regierung erzürnt. Die Bundesregierung weist nun Kritik an der Zeichnung zurück, sie sei von der Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Mittwoch in Berlin: "Für Politiker ist Gelassenheit im Umgang mit dem, was einem alles nicht gefällt, sicherlich die beste Herangehensweise."

Das türkische Außenministerium hatte die Karikatur als Beleg für eine Zunahme von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in Deutschland bewertet. Seibert betonte, die Bundesregierung werde nicht anfangen, einzelne Karikaturen als "gelungen oder nicht gelungen, freundlich oder hämisch, witzig oder unwitzig" zu beurteilen.

"Wir haben in diesem Land das volle Bekenntnis zur Pressefreiheit, zur Meinungsfreiheit, zur Kunstfreiheit - und darunter fällt auch die Karikatur." Außerdem gebe es im besagten baden-württembergischen Schulbuch auch Zeichnungen, die sich sehr kritisch mit dem Verhalten Deutscher gegenüber ausländischen Mitbürgern auseinandersetzen: Es lohne sich, das ganze Buch zu sehen, sagte Seibert.

Auch die Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz geben sich verwundert über die Kritik aus der Türkei: Eigentlich zeige die Karikatur ein positives Beispiel für gelungene Integration, sagte Lenz. "Leute, die das fehlinterpretieren, haben den eigentlichen Witz nicht verstanden."

Ursprünglich war die Karikatur schon 2011 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erschienen. Sie zeigt zwei Männer in bayerischer Tracht vor einer Berghütte namens "Üzrüms Alpenglück". Der eine raucht Wasserpfeife, dem anderen scheint das Essen zu scharf zu sein. Die Türkei beanstandet aber vor allem einen zähnefletschenden Hund in Ketten im Hintergrund. Auf seiner Hundehütte steht "Erdogan".

Die türkische Zeitung "Milliyet" veröffentlichte die Karikatur am Montag erneut im Internet. Wie die Deutschlandausgabe der Zeitung "Hürriyet" berichtete, sei die Zeichnung den Töchtern eines in Friedrichshafen am Bodensee lebenden Türken aufgefallen. Nach Bekanntwerden des Streits wurde sie in den vergangenen Tagen immer wieder in sozialen Netzwerken geteilt.

Dass sie eine solche Debatte auslöst, war laut Lenz damals nicht beabsichtigt. "Damit hat keiner gerechnet, schon mal gar nicht jetzt." In einem Kommentar in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieben die Zeichner: "Humor- und Ironiekompetenz sind leider im Niedergang begriffen."

Mit dem umstrittenen Buch wird in Gymnasien in den Fächern Gemeinschaftskunde und Wirtschaft unterrichtet. Gut zwei Dutzend Menschen demonstrierten am Mittwoch vor dem Kultusministerium in Stuttgart, das die Verwendung der Zeichnung genehmigt hatte.

Der Westermann Schulbuchverlag teilte in einer Erklärung mit: Schüler sollten lernen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. "Wer den Vergleich von Politikern mit Wachhunden unpassend findet, kann und soll das äußern, wer es für vertretbar hält, ebenso." Zudem könne die Karikatur "viel eher als integrationsverstärkend interpretiert werden als umgekehrt".

fln/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
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1. Worüber er sich wirklich ärgert
Central Park 05.11.2014
Vermutlich ärgert sich Erdogan gar nicht über den Vergleich mit einem Wachhund (Attribute: bissig, stark, wachsam), sondern über die Hütte. Immerhin bewohnt der Mann neuerdings Drei Trillionen Quadratmeter, um aller Welt zu zeigen, was für ein toller Typ er so ist.
2.
platzanweiser 05.11.2014
Hat der Mann denn jedes Gefühl für Würde verloren? Jeder normal gebildete Erwachsene würde über eine solche Karikatur spöttisch lächeln und kommentarlos drüber hinweggehen. Der Aufriss der nun samt Nazikeule aus Ankara kommt zeigt einmal mehr, wie berechtigt diese Karikatur ist!
3. Mein Kater trägt den stolzen Namen Westerwelle
aramcoy 05.11.2014
Warum sollte ein Hund nicht Erdogan heisen. Er beschützt schließlich Haus und Hof. Ich habe schon genug Bildchen über deutsche politiker im Ausland gesehen, auch in türkischen Medien - also einfach den Ball flach halten. Oder stört es nur, dass die Hundehütte keine 1000 Zimmer hat.
4. Überempfindlich
j.w.pepper 05.11.2014
Die Karikatur zeigt mitnichten "Erdogan als Kettenhund", sondern einen x-beliebigen Kettenhund, der von seinem türkischstämmigen, aber in Deutschland inzwischen "angekommenen" Eigentümer aus nostalgischen Gründen nach dem türkischen Präsidenten benannt wurde. Wo ist das Problem? Wahrscheinlich gibt's in Antalya auch deutsche Rentner mit 'ner Katze namens Angie.
5.
herr wal 05.11.2014
** Ursprünglich war die Karikatur schon 2011 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erschienen. Sie zeigt zwei Männer in bayerischer Tracht vor einer Berghütte namens "Üzrüms Alpenglück". Der eine raucht Wasserpfeife, dem anderen scheint das Essen zu scharf zu sein. Die Türkei beanstandet aber vor allem einen zähnefletschenden Hund in Ketten im Hintergrund. Auf seiner Hundehütte steht "Erdogan". … "Wer den Vergleich von Politikern mit Wachhunden unpassend findet, kann und soll das äußern, wer es für vertretbar hält, ebenso." ** Es geht wahrscheinlich gar nicht um den Vergleich eines Politikers mit einem Wachhund, sondern um den Vergleich einer Präsidentenresidenz mit einer Hundehütte. Wer so einen schönen Palast hat wie Herr Erdogan, der darf ja wohl mal beleidigt sein, wenn seine Immobilie im Ausland als „HundeHütte“ verunglimpft wird.
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