Euro-Skepsis: Britisches Schulbuch ätzt über EWG-Beitritt

Schüler im englischen Bristol: Durchaus zutrauen, die Argumentation zu durchschauen Zur Großansicht
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Schüler im englischen Bristol: Durchaus zutrauen, die Argumentation zu durchschauen

Wird den Briten die Europa-Skepsis schon in der Schule eingeimpft? In einem Geschichtsbuch teilt ein Historiker ordentlich gegen die Europäische Einigung aus, mit "Täuschung" seien die Briten in die Gemeinschaft gelockt worden. Der Verlag sieht kein Problem, Lehrer könnten die Darstellung relativieren.

Die Briten pflegen ihre Euroskepsis offenbar nicht nur in der Politik, sondern auch im Schulunterricht. Wie die britische Tageszeitung The Guardian berichtete, wird seit 2008 in einem Oberstufen-Geschichtsbuch die Entwicklung zum Beitritt der Briten zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), Vorläufer von Europäischer Gemeinschaft und Europäischer Union, im Jahre 1973 recht eindimensional erklärt.

In dem Werk "Britain 1945-2007" sind dem Historiker Michael Lynch die Vorteile des Beitritts gerade einmal fünf Zeilen wert. 26 Zeilen widmet er hingegen dem EU-Pessimismus. Über die Entwicklung hin zur EWG schreibt er: "Den Briten wurde nie die ganze Wahrheit erzählt." Die Menschen seien damals über bestimmte Tatsachen nicht richtig informiert worden. Die Behauptung der Europa-Befürworter etwa, der Beitritt habe keine politischen Absichten gehabt, sei eine "Täuschung", heißt es im Buch.

Tendenziöse Version

Das Argument, die EWG-Mitgliedschaft würde wirtschaftliche Vorteile bringen, wird in der historischen Zusammenfassung als eine "Illusion" bezeichnet. Das Buch ist Teil der britischen Schulbuchserie "Zugang zur Geschichte", herausgegeben von der Londoner Hodder Education Group, die zu einem französischen Großverlag gehört. Nach eigenen Angaben ist Hodder Education Marktführer für Oberstufen-Geschichtsbücher in Großbritannien.

Der liberaldemokratische Parlamentsabgeordnete Julian Huppert bezeichnete es als "sehr besorgniserregend, dass ein anerkanntes Schulbuch eine so einseitig euroskeptische Darstellung bietet". Es sei wichtig, in der Schule eine ausgewogene geschichtliche Darstellung zu bieten, um sich später eine eigene Meinung bilden zu können. Stephen Dorrell, Mitglied der Conservative Party, sprach zwar von einer tendenziösen Version der Ereignisse, er würde den meisten 17- bis 18-jährigen Schülern aber durchaus zutrauen, diese Argumentation zu durchschauen. "Der besten Weg, bei einem 17-Jährigen eine Reaktion zu erreichen, ist doch, etwas zu vertreten, was seiner Aufgeschlossenheit widerspricht", so Dorrell.

Der Verlag hält die Aufregung für übertrieben. Geschichte können nun einmal unterschiedlich interpretiert werden. Sollte einigen Pädagogen Lynchs Version zu einseitig sein, stehe es den Lehrern frei, im Unterricht auf andere Bücher zurückzugreifen. Eine Sprecherin des Bilungsministeriums erklärte, "Britain 1945-2007" würde nicht offiziell auf dem Standard-Lehrplan britischer Schulen stehen, könnte aber über eine Vorschlagsliste angefordert werden.

jon

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Teils, teils
Europa! 22.02.2013
Zitat von sysopGetty ImagesWird den Briten die Europa-Skepsis schon in der Schule eingeimpft? In einem Geschichtsbuch teilt ein Historiker ordentlich gegen die Europäische Einigung aus, mit "Täuschung" seien die Briten in die Gemeinschaft gelockt worden. Der Verlag sieht kein Problem, Lehrer könnten die Darstellung relativieren. http://www.spiegel.de/schulspiegel/euro-skepsis-britisches-schulbuch-aetzt-ueber-ewg-beitritt-a-884926.html
Dass ein großer Teil der britischen Öffentlichkeit nie begriffen hat, dass die Einigung Europas mehr als nur ökonomische Ziele verfolgt, ist zweifellos richtig. Der europäische Gedanke wurde durch die Aufnahme Großbritanniens verwässert. Insofern ist die Darstellung des Schulbuchs vielleicht sogar richtig. Allerdings wäre es wünschenswert, wenn die anti-europäische Kampagne der britischen Reaktionäre und Spekulanten nicht auch noch in Schulbüchern ihren Niederschlag finden würde. Selbstmitleid ist ein schlechter Ratgeber.
2. historischer Fehler
old_spice 22.02.2013
Zitat von sysopGetty ImagesWird den Briten die Europa-Skepsis schon in der Schule eingeimpft? In einem Geschichtsbuch teilt ein Historiker ordentlich gegen die Europäische Einigung aus, mit "Täuschung" seien die Briten in die Gemeinschaft gelockt worden. Der Verlag sieht kein Problem, Lehrer könnten die Darstellung relativieren. http://www.spiegel.de/schulspiegel/euro-skepsis-britisches-schulbuch-aetzt-ueber-ewg-beitritt-a-884926.html
Großbritanien hätte sich vor dem Beitritt zur EU in seine Staaten auflösen müssen, dann wäre dieses sinnlose Gezerre gar nicht entstanden. Schottland, Wales, Irland wären zufriedene Mitglieder, Hongkong, Falkland, Indien usw. hätten kein EU Hintertürchen und die euroskeptischen Engländer könnten sich mit den wadenbeissenden Kleinstaaten auf der Hinterbank balgen.
3. Vielleicht sollte man einmal erklären, dass
Karaja 22.02.2013
die Europäische Union schon immer als politische Union geplant war, um in Zukunft Kriege wie die beiden Weltkriege in Europa zu verhindern. Da aber ein politischer Konsens über so viele Staaten hinweg nicht oder noch nicht machbar schien (oder war und immer noch ist), wurde als Notbehlf der Weg über die wirtschaftliche Union gewählt. Und dort stecken wir jetzt fest mit allen Vorteilen und Nachteilen, die ein solches Vorgehen mit sich bringen kann. Wer in einen Karnevalsverein will und ein Kloster gründet, der sollte sich nicht wundern, wenn's anschließend nur wenig bis gar keinen Spaß macht und er nicht tanzen und feiern darf, sondern beten und fasten muss!
4.
brux 22.02.2013
Das Buch ist schlichtweg Müll, was diesen Punkt betrifft. Die Briten sind sehr bewusst einer politischen Gemeinschaft beigetreten, zumal die politische Dimension ja kaum zu übersehen war. Labour hat dann ein Referendum nach dem Beitritt versprochen (denn sie waren zum Zeitpunkt des Beitritts nicht an der Macht), welches 1975 (also 2 Jahre nach dem Beitritt) abgehalten wurde. In der Regierungsbroschüre zur Abstimmung wurden die politischen Aspekte zwar nicht unterschlagen, aber die Argumentation lief im wesentlichen auf die Vorteile eines gemeinsamen Marktes hinaus. Daraus nun eine Täuschung zu machen, ist wirklich übelste Propaganda.
5. jou
eigene_meinung 22.02.2013
Der Satz "Den Briten wurde nie die ganze Wahrheit erzählt" ist sicher richtig und auch auf andere Bevölkerungen und auf anderen Kontext anzuwenden: Jedes Volk wird von seinen Politikern nach Strich und Faden belogen und betrogen.
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