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Fehlende Rektoren: "Lehrer sind dafür nicht ausgebildet"

Ein Interview von

Grundschulrektorenschicksal: Stellvertreter gibt es erst ab 180 Kindern Zur Großansicht
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Grundschulrektorenschicksal: Stellvertreter gibt es erst ab 180 Kindern

Hunderte Grundschulen in Deutschland werden nur kommissarisch geleitet, weil das Personal fehlt. Rektor Holger Salomo, 56, hat vier Jahre lang zwei Grundschulen verwaltet. Im Interview erklärt er, warum niemand diesen Posten will.

Zur Person
  • H. Salomo
    Holger Salomo, 56, ist Rektor einer Grundschule im niedersächsischen Steimbke und leitete vier Jahre lang unentgeltlich auch die Grundschule der Nachbargemeinde Rodewald. Er erlebt, was viele Grundschulen seit Jahren durchmachen: Hunderte sind ohne feste Leitung. Elf Prozent der Grundschulen in NRW, acht Prozent in Niedersachsen müssen ohne eigenen Chef auskommen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Salomo, Sie haben vier Jahre lang zwei Grundschulen geleitet. Wie sah Ihr Tag aus - mussten Sie schnell ins Auto springen, wenn ein Anruf kam?

Salomo: Ich habe jeden Tag in beiden Schulen das Tagesgeschäft abgewickelt. Wenn Not am Mann war, bin ich zur anderen Schule geflitzt. Ich habe unterschiedlich viele Stunden in den Schulen verbracht, denn dreimal war ich in den vier Jahren auch Klassenlehrer, weil jemand ausgefallen war. Einschulungsfeiern habe ich zeitlich versetzt geplant: 9 Uhr Beginn in Rodewald, 9.30 Uhr Beginn in Steimbke.

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Halbwahrheiten rund um die Schule: Lehrer sind faul, Klassen sind groß
SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie dann Konrektoren, die Sie vertraten?

Salomo: In letzter Zeit nicht. Es gibt zwar eine Konrektorin, die darf aber erst ab 180 Schülern in dieser Eigenschaft aktiv werden. Meine Schulen haben aber 176 und 101 Schüler. Dazu habe ich auch noch etwa ein Dutzend Kinder verwaltet, die in der Vorschule eine Sprachförderung bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich das in Ihrer Besoldung niedergeschlagen?

Salomo: Nein, es gab nicht mehr Geld. Wer in Niedersachsen eine mehrzügige Grundschule leitet, wird nach A13 vergütet - nach zehn Jahren Dienst sind das 3754 Euro Grundvergütung brutto. Und A13 bekam ich ja bereits. Der Verwaltungsaufwand wird allerdings von der Lehrverpflichtung abgezogen, so dass ich nur noch neun Stunden Unterricht gegeben habe. Tatsächlich habe ich bis zu 70 Stunden in der Woche gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie vom Schulträger unterstützt?

Salomo: Ja, so wurden etwa für die zweite Schule mehr Sekretariatsstunden genehmigt, damit ich dort möglichst immer einen zuverlässigen Ansprechpartner hatte. In der Zweitschule war einiges im Argen: Nachdem der Schulleiter in den Ruhestand gegangen war, verwaltete eineinhalb Jahre lang das Kollegium die Schule notdürftig weiter. Es gab einen Renovierungsstau, das Inklusionsgesetz musste umgesetzt werden, und ausgerechnet dann hatte sich die Schulinspektion angekündigt.

SPIEGEL ONLINE: Rektorentätigkeit ist doch die einzige Möglichkeit für Lehrer, Karriere zu machen. Warum fehlen bundesweit so viele Schulleiter?

Salomo: Zum einen ist das finanziell nicht besonders attraktiv. Es gibt maximal 400 Euro brutto mehr, in kleinen Schulen oft noch weniger. Auch das Überprüfungsverfahren der Bewerber ist unbeliebt: Jemand, der seit 15 Jahren unterrichtet, möchte keine Lehrprobe mehr abgeben.

SPIEGEL ONLINE: Kann es sein, dass der Job für Lehrer auch inhaltlich nicht attraktiv ist?

Salomo: Sicher, denn Lehrer werden für die Arbeit mit Kindern ausgebildet. Buchhaltung, Personalmanagement und Kommunikation mit den Behörden ist nicht ihre Sache. Ich profitiere heute viel mehr von den Fähigkeiten, die ich in meiner Ausbildung als Organisationsprogrammierer gelernt habe, als von meinem Lehramtsstudium in Mathe und Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Die Schulleiter, die es gibt, sind bereits relativ alt. In den nächsten Jahren werden je nach Bundesland 20 bis 40 Prozent der Stellen frei. Wie könnte der Job attraktiver werden?

Salomo: Die Lehrer müssen auf diesen Job vorbereitet werden. Und die Unterrichtsverpflichtung müsste reduziert werden, nur dann können sie sich auf die Leitung konzentrieren. Und Geld ist immer ein interessantes Motiv.

SPIEGEL ONLINE: Für die freie Rektorenstelle in Rodewald gibt es nun zum neuen Schuljahr eine Bewerbung. Atmen Sie auf?

Salomo: Nein. Es lief nach ein paar Jahren eigentlich ganz gut, und eine Zeit lang war auch eine Zusammenlegung der Schulen unter meiner Leitung im Gespräch. Für mich persönlich bedeutet dieser erste Bewerber für diese Stelle innerhalb von fünfeinhalb Jahren sogar einen Verlust.

SPIEGEL ONLINE: Warum einen Verlust?

Salomo: Weil an meiner Schule in Steimbke die Schülerzahlen rückläufig sind, wäre ich als Rektor für diese Schule allein nun überbesoldet. Ich habe mich vier Jahre total reingehängt - jetzt muss ich mich voraussichtlich wegbewerben, wenn ich keine Gehaltseinbußen hinnehmen will.

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1.
egoshooter 03.09.2014
Der Arme jetzt wird er bestimmt gleich wieder von allen Seiten angepöbelt. Traurig, dass es in diesem Forum zu häufig darum geht anderen noch eins mit zu geben, obwohl man selbst keine Ahnung hat.
2. Typisch
bo73 03.09.2014
So kenne ich den öffentlichen Dienst auch - jahrelang hängt man sich rein, vertritt an mehreren Standorten parallel unbesetzte Vollzeitstellen, arbeitet deshalb teilweise bis in die Nacht und am Wochenende - und zur "Belohnung" erhält man am Ende - nichts, weil die erste genehmigte Beförderungsstelle seit Jahren an den faulsten Schlunz der ganzen Verwaltung geht - der aber im Ortsverband der regierenden Partei seit Jahren herumwuselt... Es gibt kein System, das Leistung, Engagement und Mehrarbeit so gnadenlos abstraft wie der deutsche öffentliche Dienst!
3.
pepe_sargnagel 03.09.2014
Zitat von bo73So kenne ich den öffentlichen Dienst auch - jahrelang hängt man sich rein, vertritt an mehreren Standorten parallel unbesetzte Vollzeitstellen, arbeitet deshalb teilweise bis in die Nacht und am Wochenende - und zur "Belohnung" erhält man am Ende - nichts, weil die erste genehmigte Beförderungsstelle seit Jahren an den faulsten Schlunz der ganzen Verwaltung geht - der aber im Ortsverband der regierenden Partei seit Jahren herumwuselt... Es gibt kein System, das Leistung, Engagement und Mehrarbeit so gnadenlos abstraft wie der deutsche öffentliche Dienst!
Na ja - dieses System wird mittlerweile auch in den Unternehmen kopiert. Da ist das dann einer, der gute Beziehungen nach oben hat. Der Rest darf schauen, dass er noch bei einer Zeitarbeitsfirma unterkommt - dort wird dann das letzte bisschen "Leistung herausgekitzelt". Dabei erhält man in der Zeitarbeit für mehr Flexibilität weder einen Lohnaufschlag, noch die gleiche Behandlung wie Stammmitarbeiter. Obwohl man sich immer wieder darauf beruft, soetwas kann das klasische neoklassische Modell gar nicht erklären (die Monopsontheorie könnte hier helfen). Es gibt gerade in beiden Bereichen, ob Staat oder Privat, einige Fehlentwicklungen, die Leistung und Flexibilität nicht belohnen. Daher wird sich die Arbeitswelt wandeln - und das ist auch gut so. Es wird irgendwann auch der Leidendruck groß genug, so dass wieder ein Umdenken stattfinden wird: Dann wird auch Fleiß wieder lohnen.
4. Kenne ich, geht aber noch schlimmer...
madison0815 03.09.2014
... ich bin Grund-, Haupt- und Werkrealschullehrer in Baden-Württemberg, meines Zeichens Spezialist insbesondere für Kinder aus bildungsfernen Familien und lernschwache Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe 1 mit vielen Jahren Erfahrung in diesem Bereich. Ich habe Ambitionen auf eine Schulleiterstelle, was mir aber verwehrt bleibt, da Haupt- und Werkrealschulen unter Grün/Rot mehr und mehr zurückgehen und bald gänzlich geschlossen sein werden. Als verbeamteter Lehrer werden wir nun entweder an Grundschulen abgeschoben oder "dürfen" an Realschulen unterrichten, wo uns allerdings die Möglichkeit einer Schulleitung verwehrt bleibt. Dies bleibt studierten Realschullehrern vorbehalten, obwohl die Realschulen in BW die neuen Hauptschulen sein werden, denn dort werden seit dem Wegfall der verpflichtenden Grundschulempfehlung die schwächsten Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Es bleibt also keine Perspektive. Motivierte und geeignete Lehrer werden aus Abstellgleis gestellt. So läuft's im Ländle unter Ex-Lehrer W.K.
5. Hut ab vor soviel Engagement
mrmajestyk 03.09.2014
..nur leider wird man es ihm nicht danken..eine kleine Richtigstellung sei aber erlaubt, was die Attraktivität des Lehrerberufes als Beamter in der Grundschule! hinsichtlich der Bezahlung angeht. A13=3700€ zuzgl. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für bis zu 2Jahren in voller Höhe. Nicht wie bei normalen Angestellten 6 Wochen dann Krankengeld 72 Wochen und dann Sozialhilfe. Pension statt Rente..und und und..also bitte nicht immer Äpfel mit Birnen vergleichen.
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