Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: Gemeinsam einsam

Von

Integration von jungen Flüchtlingen: Putzen, Plätzchen, Pünktlichkeit Fotos
SPIEGEL ONLINE

Sie kamen allein, aus Afghanistan, Iran oder Eritrea. Jetzt sollen sie sich schnell in die deutsche Gesellschaft einfügen. In einem Wohnheim in Neumünster gehen minderjährige Flüchtlinge durch die harte Schule der Integration. Ein Besuch.

Das Sofa ist altmodisch, verblichen, etwas abgenutzt, der Holztisch hat Kratzer. Doch Bettina Schulz denkt gar nicht dran, neue Wohnzimmermöbel zu kaufen. Die 31-Jährige leitet ein Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Neumünster, und die alten Möbel gehören zu ihrem Plan.

Es ist ein großer Plan und er hat ein großes Ziel, es heißt Integration. Schulz und ihre Mitarbeiter wollen dafür sorgen, dass es 18 Jugendliche im Alter von 15 und 17 Jahren schaffen, sich in die deutsche Gesellschaft einzufügen. Die Flüchtlinge aus Afghanistan, Eritrea, Palästina, Iran und dem Irak sollen es hier zu etwas bringen.

Deswegen also gebrauchte Möbel. "Viele Jungs kommen mit der Vorstellung: Deutschland ist reich, in Deutschland gibt es alles neu", sagt Schulz. Im Wohnheim des gemeinnützigen kirchlichen Trägers iuvo sollen sie lernen, verantwortungsvoll mit Geld umzugehen. Lektion eins: Genügsamkeit.

Lektion zwei: Sauberkeit. An einer Pinnwand im Flur hängen ein Reinigungsplan, ein Waschplan, ein Ämterplan. Sie regeln, wer wann seine Wäsche macht und sein Zimmer, sein Bad, die Küche, die Klos putzt. Die Pläne sollen den Flüchtlingen Halt geben. "System und Struktur", sagt Schulz, "sind wichtig."

Bettina Schulz leitet das Wohnheim seit gut einem Jahr. Die Regeln sollen den Flüchtlingen Halt und Sicherheit geben, sagt die 31-Jährige Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Bettina Schulz leitet das Wohnheim seit gut einem Jahr. Die Regeln sollen den Flüchtlingen Halt und Sicherheit geben, sagt die 31-Jährige

In diesem Jahr sind rund 60.000 minderjährige Jugendliche allein nach Deutschland geflüchtet. Sie werden über eine Quotenregel bundesweit verteilt wie erwachsene Flüchtlinge, aber sie genießen besonderen Schutz. Die Jugendämter sind verpflichtet, unbegleitete Minderjährige in ihre Obhut zu nehmen und unterzubringen. Das geschieht oft in Wohngruppen oder Gastfamilien. Erstaufnahmelager bleiben den Jugendlichen in der Regel erspart.

An der Toilettentür in Neumünster hängen Bildtafeln. Sie zeigen - unter anderem - einen Schwamm, eine Flasche Glasreiniger, eine Flasche Universalreiniger, eine Flasche Badreiniger, eine Flasche Toilettenreiniger, einen Eimer und einen Besen. Es ist nicht so, dass diese Dinge allen Flüchtlingen im Wohnheim völlig fremd wären. Doch das Vokabeltraining können alle gebrauchen.

Unter der Woche können WLAN-Passwörter nur morgens vor acht Uhr im Büro abgeholt werden. Die Wäsche muss bis neun Uhr im Keller sein. Taschengeld gibt's auch zu festen Zeiten. Damit die Flüchtlinge Lektion drei lernen: Pünktlichkeit. "Viele würden sonst den ganzen Tag im Bett liegen", sagt Schulz. Das Heimweh lähmt, die schlimmen Erinnerungen, manche leiden unter starken Traumata. "Es fällt ihnen oft schwer, sich selbst zu motivieren."

Binjam mag bunte Socken und Yousuf schläft schlecht

Die Heimleiterin überragt die meisten Flüchtlinge beinahe um einen Kopf. Ihre hohen Schuhe machen sie noch größer. Ihre Fingernägel sind makellos rot lackiert, ihre Wimpern getuscht, sie trägt eine schwarz-weiß gestreifte Bluse und eine feine schwarze Strickjacke.

Man denkt zunächst nicht, dass sich Schulz gern mit entwurzelten, traumatisierten, pubertierenden Jugendlichen herumschlägt, die gegen den Putzplan aufbegehren oder ihre Hausaufgaben nicht machen, wie es in Neumünster ständig vorkommt. Doch dann erlebt man die 31-Jährige, wie sie mit den Jungs scherzt, sie zur Begrüßung kumpelhaft umarmt, sie mit ihrer tiefen Stimme lobt oder zurechtweist. Hier nennen sie alle nur Betty.

Schulz kennt ihre Schützlinge gut. Binjam, der sich in der Schule langweilt und bunte Ringelsocken mag. Yousuf, der schlecht schläft, weil ihm seine Familie so fehlt. Wais, der die Heizung in seinem Zimmer auf volle Pulle gedreht hat, weil ihm kalt ist. Mahdi, der sich von seinem Bekleidungsgeld eine Armbanduhr gekauft hat, weil er gern gut aussehen möchte.

"Er kann es allein schaffen"

Mahdi aus Afghanistan lebt seit mehr als einem Jahr in Neumünster. Als er neun war, schnitten Taliban seinem Vater die Kehle durch, weil sie sein Ackerland haben wollten. Mahdi floh mit seiner Mutter nach Iran. Dort arbeitete er auf dem Feld, durfte nicht zur Schule gehen.

Als er 15 wurde, organisierte ein Onkel Mahdis Flucht nach Deutschland. Seine Mutter und sein kleiner Bruder blieben zurück in Iran. Kinder und Frauen lasse die Polizei dort in Ruhe, "aber wenn sie junge Männer aus Afghanistan erwischen, schicken sie die zurück", sagt Mahdi.

Der 16-Jährige hat mehrere Monate gebraucht, um sich an alle Regeln im Wohnheim zu gewöhnen. Sein Deutsch ist schon sehr gut, neulich hat er ein Praktikum in einem Hotel gemacht. "Das Servieren hat mir besonders gut gefallen", sagt Mahdi. Später möchte er in einem Hotel oder in der Gastronomie arbeiten. Bald soll Mahdi aus dem Wohnheim ausziehen. "Er ist so weit, er kann es allein schaffen", sagt Heimleiterin Schulz.

Mahdi wird sich integrieren, ohne zu wissen, was Integration bedeutet. "Das Wort verstehe ich nicht", sagt er. Er sitzt im Dachgeschoss auf seinem Bett, fährt sich mit der Hand durchs Haar und schaut verunsichert. Wie soll man es ihm auch erklären? Dass er weniger afghanisch und mehr deutsch werden soll? Dass er dafür monatelang trainieren muss, pünktlicher und ordentlicher als viele Deutsche zu sein? "Afghanistan ist meine Heimat", sagt Mahdi und lächelt. "Dort gehöre ich hin."

Kopfschmerztabletten gibt es nur mit Ärzteverordnung

Im Erdgeschoss sitzt Isabella Dlugaj, 45, hinter dem Schreibtisch des Wohnheimbüros. Sie guckt streng und spricht laut. "Du hast gesagt, du hast Beinschmerzen, du gehst jetzt nicht in die Stadt, mein Freund!" Vor dem Tisch steht ein junger Afghane, der am Mittag früher aus der Schule kam, weil er sich gestern beim Fußball übernommen hat. Man sieht ihm an, dass es ihn nervt, gescholten zu werden.

Das Leben im Wohnheim ist nicht einfach. Zu den vielen Regeln kommt die Ohnmacht, nicht über sich selbst bestimmen zu können. Wenn Mahdi Kopfschmerzen hat, darf Isabella ihm ohne Ärzteverordnung zum Beispiel keine Schmerztablette aushändigen. Die Jungs können auch nicht selbst in einen Sportverein eintreten, weil sie minderjährig sind und keinen Vertrag unterzeichnen dürfen.

Immerhin: Viele Vereine lassen Flüchtlinge inzwischen auch erst mal ohne Vertrag und Papiere mitspielen. Keiner der Jugendlichen im Wohnheim hat einen geklärten Aufenthaltsstatus. Oft warten sie schon monatelang auf den Nachweis, dass sie überhaupt einen Asylantrag gestellt haben. "Durch diese elendig langen Prozesse entsteht Wut", sagt die Psychologin Louisa Glaum, 25, die die Wohngruppe regelmäßig besucht.

Für Syrer wurde das Asylverfahren beschleunigt. Warum kann man es nicht auch für alle anderen effizienter machen?, fragt sich Heimleiterin Schulz. Und warum spielt die Nationalität so eine große Rolle? "Es sollte zählen, welche Körner jemand gelegt hat, seit er bei uns ist. Ob er motiviert ist, sich an die Regeln hält", sagt Schulz. Doch niemand von der Einwanderungsbehörde frage je bei ihr danach.

Ein Eritreer hat für seine Mutter dieses Bild gemalt. Es hängt in seinem Zimmer in Neumünster. Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Ein Eritreer hat für seine Mutter dieses Bild gemalt. Es hängt in seinem Zimmer in Neumünster.

Schulz und ihr Team wissen: Integration wirkt zweifach. Die Menschen da draußen müssen sich nicht so sehr vor Parallelgesellschaften fürchten. Und die Flüchtlinge sind glücklicher, je mehr sie in diesem fremden Land verstehen, je mehr sie erreichen können.

Und je mehr sie zu tun haben, desto weniger grübeln die Jugendlichen über das, was war und was werden soll. Deshalb füllen Betreuer und Freiwillige die Zeit möglichst gut mit gemeinsamen Ausflügen, backen Kekse, schlagen Weihnachtsbäume, organisieren Flötenstunden, Grillabende, Malprojekte. "Es geht mir hier total gut", sagt Binjam. Wenn er nur seine Mutter nicht so vermissen würde, die in Eritrea geblieben ist.

Vielleicht gibt es deswegen so wenig Streit im Wohnheim. Die 18 Jungs verbindet wenig. Nicht die Kultur, nicht die Sprache oder die Religion. Manche kommen vom Land, manche aus Städten. Manche kamen freiwillig, andere wurden von ihren Familien geschickt. Doch sie wissen alle, wie es sich anfühlt, einsam zu sein.

Und alle können sich bei Isabella im Büro eine Umarmung abholen, wenn sie das möchten. "Zusammenscheißen und knuddeln." So fasst die fröhliche Frau mit der Lücke zwischen den Schneidezähnen und der lilafarbenen Strähne im Haar ihre alltägliche Arbeit zusammen.

Denn bei allen Regeln und Ritualen: Die Jungs brauchen auch Zuneigung. Die Betreuer in Neumünster wissen das.

Privatinternat nimmt Flüchtlinge auf: Jogginghosen verboten
  • SPIEGEL ONLINE
    Ruhe, Frieden - und eine Menge Regeln: Das norddeutsche Privatinternat Marienau hat syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die müssen sich nun in die behütete Schulgemeinschaft einfügen.
  • Eine schwierige Aufgabe, für beide Seiten.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Social Networks