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Flüchtlingskinder an Schulen: In welche Klasse soll Akilah, die kein Deutsch spricht?

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Willkommensklasse in Potsdam: Kinder von Asylbewerbern und Flüchtlingen werden hier neben dem Schulunterricht bis zu fünf Stunden in der Woche gefördert. Zur Großansicht
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Willkommensklasse in Potsdam: Kinder von Asylbewerbern und Flüchtlingen werden hier neben dem Schulunterricht bis zu fünf Stunden in der Woche gefördert.

Hunderttausende Flüchtlingskinder kommen in deutschen Schulen an. Nun sprachen die Kultusminister erstmals gemeinsam über die vielen Aufgaben für Lehrer und Schulen - und über die große Frage: Wer zahlt für was?

Wenn die Kultusminister in Klausur gehen, steht meist Großes bevor. Einmal sperrte der Minister Bayerns seine Kollegen ein, alle Beamten und Sprecher mussten den Saal verlassen. Er ließ die Minister so lange nicht gehen, bis man sich geeinigt hatte.

Das war Anfang der Achtzigerjahre, und damals beschlossen die Minister die Anerkennung der Gesamtschule. Am Mittwochabend war es wieder so weit. Diesmal zogen sich die Kultusminister der 16 Bundesländer in Berlin zurück. Sie wollten herausfinden, wie man am besten mit geflüchteten und traumatisierten Kindern Schule macht. Ergebnis: Flüchtlingsklassen mit Zehntausenden, vielleicht Hunderttausenden Schülern sind eine nationale Aufgabe.

Knapp 100.000 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter sind im Jahr 2014 nach Deutschland zugewandert. Die Zahl hat sich seit 2006 vervierfacht, wie eine Studie des "Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache" und des "Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln" zeigt. Dennoch macht der Anteil der Flüchtlingskinder im Verhältnis zur Gesamtschülerschaft bisher nur ein Prozent aus.

Nicht in allen Bundesländern herrscht Schulpflicht für Flüchtlingskinder gleichermaßen. Nur in Berlin und im Saarland bestehe laut Studie von Beginn an eine gesetzliche Pflicht zum Unterrichtsbesuch auch ohne Aufenthaltsstatus und schon vor Beginn des Asylverfahrens.

Zwei Drittel sind zwischen zehn und 18 Jahre alt

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in den Schulen ankommen, wird weiter stark ansteigen. Doch wohin sollen Kinder wie Akilah und Rahaf gehen, wenn sie kein Deutsch sprechen? Die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Heike Kahl, geht davon aus, dass das Schulsystem etwa 200.000 Schüler zusätzlich aufnehmen wird, die Lehrergewerkschaft GEW sogar von 300.000. Laut der Mercator-Studie sind mehr als zwei Drittel der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahre alt - die meisten besuchen demnach gleich nach ihrer Ankunft weiterführende Schulen.

Problematisch ist der Studie zufolge, dass in vielen Bundesländern nicht systematisch erhoben wird, wie viele neu zugewanderte Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse tatsächlich an den Schulen sind. Ohne diese Planungsgrundlage sei es jedoch kaum möglich, den Bedarf an Lehrkräften und weiteren Ressourcen rechtzeitig einzuschätzen.

Die Kinder der Geflüchteten besuchen an den Schulen meist zunächst so genannte Willkommensklassen. Das sind Lerngruppen, in denen die Kinder möglichst schnell so viel Deutsch lernen sollen, damit sie bald die regulären Schulklassen mit einheimischen Kindern besuchen können. Die Klassen heißen in allen Bundesländern anders, in Bayern spricht man von Übergangsklassen, in Nordrhein-Westfalen von internationalen Klassen.

"Man weiß nie, wer alles kommt"

Bayern etwa hatte bereits zum Schulbeginn in diesem Sommer 471 Übergangsklassen, Berlin 400, in Sachsen und Niedersachen waren es jeweils 300 Integrationsklassen. Und die Zahl steigt ständig. Allein in Sachsen-Anhalt sind aus elf Willkommensklassen aktuell 260 Lerngruppen für Flüchtlinge geworden - innerhalb von zwei Jahren.

"Willkommensklassen sind jeden Tag wie eine Wundertüte - man weiß nie, wer alles kommt", sagt Ursula Huber, Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache an der Carl-Kraemer-Grundschule in Berlin. Manche Kinder seien noch nicht einmal alphabetisiert, nicht wenige haben traumatische Erlebnisse hinter sich. Manche verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind - weil sie wieder abgeschoben werden.

Unklar ist auch nach wie vor, wie die Integration der Flüchtlingskinder an den Schulen finanziell bewältigt werden soll. Die Unterbringung und Beschulung eines minderjährigen unbegleiteten Flüchtlings kostet bis zu 4.000 Euro pro Monat. Wer diese Kosten tragen soll - darauf hatten die Kultusminister am Mittwochabend noch keine Antwort: Zwar ist Bildung Ländersache, hinter vorgehaltener Hand hieß es jedoch: "Ich glaube nicht, dass wir in den Schulen ohne das Geld des Bundes hinkommen werden."

"Die Bildungsministerin will nur Sahnehäubchen obenauf setzen"

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Sachsens Schulministerin Brunhild Kurth (CDU), spekuliert darauf, dass von den Milliarden des Flüchtlingsgipfels auch etwas für die Schulen abfällt. "Die drei Milliarden Euro, die den Ländern zur Verfügung gestellt werden, sind ein guter Anfang. Davon muss auch der Bildungsbereich einen erheblichen Teil bekommen", fordert Kurth. Ihr Kollege Stephan Dorgerloh aus Sachsen-Anhalt ist bislang unzufrieden. "Beim Hochwasser haben wir dankbar erlebt, wie schnell und unkompliziert Geld vom Bund gekommen ist. Wenn jetzt Menschen kommen, die in großer Zahl auch bleiben werden, muss das genauso möglich sein", sagte Dorgerloh gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Dass es bald eine große Lösung - wie die Aufhebung des Kooperationsverbots, wonach der Bund sich nicht in die Schulangelegenheiten der Länder einmischen darf - geben wird, ist derzeit nicht abzusehen. Die Bundesländer werden sich vermutlich dort Geld für Flüchtlinge vom Bund holen, wo es möglich ist. So soll es Mittel geben für die Ausbildung der Lehrer mit dem Profil "Deutsch als Zweitsprache" und für die Anerkennung der Zeugnisse von Schülern. Auch Sprachkurse für Flüchtlinge in der Berufsbildung kann Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) finanzieren.

Einige Ländervertreter sind darüber erbost. "Die Länder tragen die ganze Last der Willkommensklassen. Und dann kommt die Bundesbildungsministerin und will ein paar Sahnehäubchen obenauf setzen", hieß es am Rande des Treffens.

Die große Idee, wie Flüchtlinge gut unterrichtet werden können, gibt es also noch nicht. Vielleicht wird es Zeit, dass Bayerns Kultusminister seine Kollegen wieder mal einsperrt.

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