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Flüchtlingskinder: "In der Schule nennen mich einige Schokolade"

Wie geht es Flüchtlingskindern in Deutschland? Was erleben sie in der Schule? Wie war ihre Flucht? Neun Kinder aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder dem Kosovo erzählen.

Kleines Mädchen versteckt sich hinter ihrer Mutter (Symbolbild) Zur Großansicht
REUTERS

Kleines Mädchen versteckt sich hinter ihrer Mutter (Symbolbild)

"Ich habe von einem Bekannten gehört, dass nachts die Polizei kommt", sagt Jakob, 10, aus dem Kosovo. "Diejenigen, die nicht in Deutschland bleiben dürfen, werden nachts geholt und wieder zurückgeschickt. Ich kann deshalb nicht gut schlafen, weißt du?"

Wissenschaftler der Goethe Universität Frankfurt und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf haben zusammen mit dem Kinderhilfswerk World Vision neun Flüchtlingskinder im Alter von zehn bis 13 Jahren aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Serbien, dem Iran und Kosovo über ihre Flucht und ihr Leben in Deutschland befragt. Der Ansatz: "Nicht über, sondern mit den Kindern sprechen."

Die Forscher ließen dabei nur Flüchtlinge zu Wort kommen, die zusammen mit ihren Familien nach Deutschland gekommen sind. Denn diese Kinder würden bisher weit weniger beachtet als unbegleitete Minderjährige, kritisiert World Vision.

Die Interviewer lernten die Kinder in der Flüchtlingsambulanz der Hamburger Uniklinik und über den Verein "Aktion Integration" in Ludwigsburg kennen. Die Ergebnisse der qualitativen Studie sind nicht repräsentativ. Sie zeigen aber, dass die geflüchteten Kinder trotz ihrer individuellen Geschichten vieles gemeinsam haben. So ist Schulunterricht für sie zum Beispiel enorm wichtig.

Josephina, 13 Jahre, aus Eritrea: "Als wir ins Flugzeug nach Deutschland gestiegen sind, war es am schlimmsten für mich, dass ich meine Freundin in Eritrea zurücklassen musste. Ich hatte sie so lieb, wir haben jeden Tag zusammen gespielt. Hier in der Schule nennen mich einige 'Schokolade' - wegen meiner Hautfarbe. Das geht ja noch, finde ich, Schokolade ist ja lecker. Aber einmal hat mich einer wegen meiner Hautfarbe so richtig beschimpft, das kapiere ich einfach nicht, was das soll. Mein Lehrer sagt dann immer: 'Ins eine Ohr rein und durchs andere Ohr wieder raus.' Das versuche ich zu beherzigen."

Edgar, zwölf Jahre, Kosovo: "Im Kosovo, da wurde ich [in der Schule] geschlagen, wenn ich mal was nicht richtig beantwortet habe oder kein Heft für den Unterricht dabei hatte. Hier ist das ganz anders: Die Lehrerin fragt mich, wie es mir geht und wie ich zurechtkomme. Das finde ich so nett, das kenne ich so gar nicht! Meine älteren Brüder sind zuerst allein weggegangen aus dem Kosovo. Als sie Deutschland erreicht hatten, haben sie uns angerufen, und dann hat sich auch der Rest der Familie auf den Weg gemacht. Wir haben alle geweint, als wir uns wieder gesehen haben, denn zwischenzeitlich sah es so aus, als könnten wir meine Brüder nicht wiederfinden."

Bojan, zehn Jahre, Roma aus Serbien: "Ich möchte gerne hier in Deutschland bleiben, denn hier habe ich ein gutes Leben. In Serbien hatten wir nicht viel, meine Kleidung hat mir nicht gepasst und zum Heizen mussten wir im Wald nach Holz suchen. Meine Eltern konnten mir für die Schule keine Hefte und Stifte kaufen. Deswegen habe ich von meinen Lehrern Ärger bekommen und wurde geschlagen. Hier habe ich alles, was wir zum Leben brauchen. Außerdem habe ich schon sehr viele Freunde gefunden. Aber irgendwann müssen wir wohl wieder zurück."

Kabira, zehn Jahre, aus Syrien: "Als wir mit dem kleinen Schiff über das Meer gefahren sind, hat es total geschaukelt und langsam ist alles voll Wasser gelaufen. Ich hatte große Angst. Irgendwann kam dann ein riesiges Schiff, das uns aufgesammelt hat, da mussten wir hoch und immer höher klettern. Ich hatte lange Zeit Albträume. Als wir endlich mit dem Schiff in Italien angekommen waren, hatten meine Geschwister, meine Mutter und ich solchen Hunger! Wir haben dort meinen Papa wieder getroffen und er hat uns erst mal Hühnchen gekauft, das haben wir uns mit den Händen in den Mund reingeschaufelt, solchen Hunger hatten wir. Unser altes Haus haben wir im Fernsehen gesehen, es ist kaputt."

Jakob, zehn Jahre, Kosovo: "Ich gehe schon in eine richtige Schule, nicht zu einer Vorbereitungsklasse wie die anderen Kinder aus dem Flüchtlingsheim. Ich will unbedingt Deutsch lernen, ich will das ganz alleine schaffen. Mathe interessiert mich auch sehr! Am liebsten würde ich selber später gerne Lehrer werden und den Kindern etwas beibringen. Wenn ich mal was nicht richtig sage, zum Beispiel "Blaum" anstatt "Baum", dann helfen mir meine Freunde, dann sagen sie mir, wie das Wort richtig heißt. Meine Freunde sind sehr wichtig für mich."

Samir und Farid, zehn und zwölf Jahre, Afghanistan: "In Afghanistan war es sehr gefährlich. Eines Tages wollte unser Vater uns nicht mehr alleine in die Schule gehen lassen, weil er Angst hatte, dass uns auf dem Schulweg etwas passieren könnte. Anfangs hat er uns noch begleitet, doch nach einiger Zeit war auch das zu gefährlich und so sind wir gar nicht mehr in die Schule gegangen. Hier in Deutschland kommen wir regelmäßig in die Flüchtlingsambulanz und können von unseren Erlebnissen berichten."

Shirin, elf Jahre, Iran: "Wir sind Christen. In der Schule [im Iran] musste ich immer ein Kopftuch tragen. Einmal habe ich richtig Ärger bekommen, weil mein Kopftuch verrutscht und ein Teil meiner Haare zu sehen war. Da durfte ich ein paar Tage nicht zur Schule kommen. Ich möchte später eine richtig gute Arbeit haben, vielleicht werde ich Modedesignerin. Mir ist es wichtig zu arbeiten, wenn ich groß bin. Wir waren sehr froh, als wir [nach dem Leben in der Flüchtlingsunterkunft] wieder eine eigene Küche hatten, meine Mutter kocht seitdem wieder iranisches Essen, das schmeckt mir einfach am besten."

Marlon, elf Jahre, Kosovo [lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft, zwei Familien teilen sich ein Zimmer]: "Ich mache meine Aufgaben halt auf dem Boden, das geht auch. Hier in Deutschland kann mein Vater mir wenigstens das Material kaufen, das ich für die Schule brauche. Die Reise hier nach Deutschland war sehr sehr anstrengend. Wir sind viele Tage zu Fuß gelaufen, an einem großen Fluss entlang. Für meine kleine Schwester war das sehr schlimm, denn sie ist ja noch ein Baby. Sie hat viel geweint und geschrien."

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fok

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