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Europarat-Rüge wegen Prügelstrafe: Ohrfeige für Frankreich

Von , Paris

Französische Schulklasse (Archiv): Schläge auf den Po als Hilfe beim Nachdenken? Zur Großansicht
REUTERS

Französische Schulklasse (Archiv): Schläge auf den Po als Hilfe beim Nachdenken?

Der Europarat hat die französische Regierung gerügt, weil sie körperliche Züchtigungen von Kindern noch immer per Gesetz erlaubt. Anhänger der Prügelstrafe befürchten einen Verfall der elterlichen Autorität.

Einen Klaps auf den Hintern oder auf die Wange: In Frankreich dürfen Kinder von ihren Eltern noch immer körperlich bestraft werden, so steht es im Gesetz. Der Europarat in Straßburg rügte nun das Land und erhöht so den Druck auf die Regierung in Paris.

Das Komitee für soziale Rechte des Europarats entschied an diesem Mittwoch über eine Beschwerde der britischen Kinderschutzorganisation Approach. Dass Frankreich - anders als etwa Deutschland - Prügelstrafen für Kinder nicht völlig verboten hat, wertet das Gremium als Verstoß gegen die Europäische Sozialcharta.

In Frankreich sind zwar Schläge in der Schule und Jungendhaftanstalten verboten, das Gesetz erlaubt jedoch in der Familie "leichte" Züchtigungen zu "erzieherischen Zwecken". Artikel 17 der Europäischen Sozialcharta verpflichtet die Unterzeichnerstaaten hingegen, "jede Form" von Gewalt gegen Kinder mit "klaren, verbindlichen und präzisen" Regelungen zu unterbinden. Von den insgesamt 47 Europaratsländern haben 27 jede Form körperlicher Strafen für Kinder verboten. Vorreiter war 1979 Schweden, zehn Jahre später folgte Österreich, erst im Jahr 2000 dann auch Deutschland.

Die Entscheidung aus Straßburg hat nun in Frankreich die langjährige Debatte über das Für und Wider von familiären Handgreiflichkeiten erneut entfacht. Die Mehrheit der Franzosen ist einer gelegentlichen Ohrfeige nicht abgeneigt: In einer repräsentativen Umfrage von 2009 sprachen sich 82 Prozent der Franzosen gegen ein Verbot physischer Strafen aus, 67 Prozent gaben zu, Kinder geschlagen zu haben und knapp die Hälfte der Befragten sagte, Kindern werde so "Respekt vor der Autorität" beigebracht.

Lehrer, die schlagen, erhalten landesweit Unterstützung

Vor einigen Jahren erhielt ein Lehrer landesweit Unterstützung, der einen Schüler geschlagen hatte, nachdem dieser ihn als "Arschloch" beschimpft hatte. Selbst der damalige Premierminister François Fillon zeigte Verständnis.

Für landesweites Aufsehen sorgte auch ein Vorfall aus dem Wahlkampf 2002: François Bayrou, damals Präsidentschaftskandidat, hatte einem Jungen, der versuchte ihn zu bestehlen, vor laufenden Kameras eine Ohrfeige verpasst. Hinterher verteidigte er sich mit dem Hinweis, es sei "die Geste eines Familienvaters gewesen, ohne schwerwiegende Folgen" - eine Begründung, die dem Spitzenpolitiker überwiegend Sympathien einbrachte.

Kinderschutzorganisationen in Frankreich fordern hingegen schon lange, Züchtigungen von Kindern ganz zu verbieten. "In Frankreich hat man nicht das Recht, auf Tiere einzuprügeln, man darf aber Kinder schlagen", sagt Gilles Lazimi, Arzt und Kampagnenleiter der Stiftung für das Kind. Solche Strafen seien nicht nur ineffizient, sie könnten auch "verheerend für die Gesundheit sein", warnt Lazimi. Würden Kinder wiederholt geschlagen, setze das bei ihnen Stresshormone frei. Die Entwicklung des Gehirns könnte beeinträchtigt, die Beziehung der Kinder zu den Eltern nachhaltig erschüttert werden.

Schläge auf den Po bringen "ein Kind zum Nachdenken"

Bereits die konservative Regierung unter Präsident Nicolas Sarkozy versuchte sich vor einigen Jahren an einem Prügelverbot. Doch was als "kleine Revolution" gegen rabiate Eltern angekündigt worden war, blieb ohne gesetzliche Folgen. Im Frühjahr 2014 legten Frankreichs Grüne noch einmal nach, der Verbotsantrag fand in der französischen Nationalversammlung jedoch erneut keine Mehrheit.

Auch die zuständige Staatssekretärin für Familie und Senioren, Laurence Rossignol, lehnt ein Verbot ab: Sie befürwortet zwar eine "Erziehung ohne Gewalt", setzt statt eines Gesetzes jedoch auf eine "Entwicklung der französischen Gesellschaft".

Befürworter physischer Züchtigungen warnen gar vor einer unzulässigen Verquickung von justiziabler Kindesmisshandlung mit gebräuchlichen Erziehungsmaßnahmen. "Der Staat hat sich nicht in die Aufgaben der Eltern einzumischen", sagte Thierry Vidor, Chef der konservativen Interessenvertretung Frankreichs Familien. Er befürchtet einen Verfall elterlicher Autorität: "Aufwachsen ohne Strafen ist verhängnisvoller als eine kleine physische Strafe zu erleiden." Schläge auf den Po sollten zwar kein Erziehungsprinzip sein, aber könnten, so Vidor, ausnahmsweise verabreicht, "ein Kind bisweilen zum Nachdenken über sein Verhalten bringen".

Der Entscheid des Europarats ist zwar - anderes etwa als beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte - nicht bindend. Die Unterzeichner der Sozialcharta, zu denen Frankreich gehört, haben sich aber verpflichtet, die Bestimmungen einzuhalten.

"Gewiss keine Revolution", kommentierte daher France Inter die Verurteilung aus Straßburg. Aber die symbolische Wirkung sei mit Sicherheit "eine Ohrfeige für die Befürworter der Prügelstrafe".

Mit Material von AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 115 Beiträge
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1. ein klapps
mynonys 04.03.2015
hat halt wirklich noch keinem geschadet, manche kinder heute hätten es als kleinkinder mal verdient einen klapps zu bekommen um die entwicklung zu steuern
2. Ich
zickezackehoihoihoi 04.03.2015
hab' beruflich viel mit Kunden in Europa und damit auch in Frankreich zu tun. Und bei aller Liebe muss ich sagen - die ham' teilweise echt nen Knall.
3. Vive La France
ls-rio 04.03.2015
Offensichtlich der letzte Hort der elterlichen Vernunft.
4. wo ist die Grenze zur Prügelstrafe?
freiheitimherzen 04.03.2015
Ist wohl eher ein Frage wo die Grenze gezogen wird zwischen einer (seltenen) Ohrfeige und einer (regelmäßigen) Prügelstrafe. Alle Eltern kennen die Situation, daß heranwachsende Kinder ab und zu ihre Grenzen kennenlernen wollen. Da macht es auch nichts aus, wenn in seltenen Fällen diese Grenzen auch spürbar aufgezeigt werden. Was anderes ist es, wenn das nicht rechtzeitig geschehen ist bzw. die Autorität der Eltern sowieso verloren gegangen ist. Dann hilft auch keine Prügelstrafe mehr. Viele Grüße
5. Auch die Schweiz...
gerhard5260 04.03.2015
Auch in der Schweiz ist körperliche Züchtigung von Kindern nach wie vor erlaubt. Die Schweiz wurde nur deshalb nicht gerügt, weil sie die Europäische Sozialcharta bis heute nicht ratifiziert hat. Ein Armutszeugnis. Und das sage ich als Schweizer.
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