Frankreichs Schüler: Kampf für "Egalité" im Abitur erfolgreich

Gegen 100.000 wütende Gymnasiasten, Eltern und Lehrer auf den Straßen kann man Schulreformen schwerlich durchsetzen. Das merkte Frankreichs Bildungsminister François Fillon in den letzten Wochen - und wich vor den Demonstranten zurück, die vor einer sozialen Schieflage bei den Abiturienten warnen.

In der föderal organisierten Bundesrepublik sind Schülerproteste dieser Größenordnung schwer vorzustellen. Wenn aber die Regierung im zentral regierten Frankreich eine umfassende Bildungsreform plant, dann betrifft das die Schüler im ganzen Land. "Alle zusammen gegen Fillons Reformen" und "Fillon - du bist verrückt" stand auf den großen Transparenten, als Zehntausende von Schülern am Dienstag durch die Pariser Innenstadt zogen. Am Rande der Großdemo meldete die Polizei auch Randale: Jugendbanden nutzten die Kundgebung, um Läden, Telefonzellen und Autos zu demolieren.

Schülerin in Toulouse: Abiturienten im Aufruhr
AP

Schülerin in Toulouse: Abiturienten im Aufruhr

Auch in anderen französischen Städten gingen Schülern am Dienstag auf die Straßen. Die Proteste gegen Regierungspläne für Schulreformen halten schon seit Wochen an. Und sie haben gefruchtet: Unter dem Druck von Schülern, Lehrern und Eltern machte Bildungsminister François Fillon einen Rückzieher. Als das Parlament gestern über den Gesetzentwurf zu einer umfassenden Schulreform debattierte, war von der Umstrukturierung des Baccalauréat, des Zentralabiturs in Frankreich, nicht mehr die Rede.

Auch in Deutschland wird immer wieder über das Zentralabitur diskutiert, das es bisher nur in wenigen Bundesländern gibt. Bayern zum Beispiel sieht es als Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Bundesländern: Alle Abiturienten stehen am selben Tag vor den gleichen Aufgaben. Auf die zentral gestellten Klausuren können sie sich nicht gezielt vorbereiten, weil den Lehrern der einzelnen Gymnasien die Themen bis zum Prüfungstag selbst nicht bekannt sind.

Furcht vor sozialer Diskriminierung

In Frankreich bringen die Verfechter des Zentralabiturs ein ganz anderes Argument vor. Sie befürchten weniger einen Qualitätsverlust als soziale Diskriminierung. Der Status quo: Bis dato reichen die französischen Gymnasien die Abiturklausuren der Schüler beim Staat ein. Die Arbeiten werden dann von Lehrern korrigiert, die nicht einmal wissen, von welcher Schule die Prüfungsaufgaben stammen.

Wütende Proteste: Schüler setzen die Regierung unter Druck
AFP

Wütende Proteste: Schüler setzen die Regierung unter Druck

In der Neuregelung, die Bildungsminister François Fillon anstrebte, sollte diese Anonymität aufgehoben werden. Im stark von Prestigedenken geprägten Schulsystem könnte deshalb künftig das Abitur eines renommierten Pariser Gymnasiums mehr zählen als das eines Massengymnasiums in armen Vorstädten oder auf dem Land. Das befürchten zumindest Schüler, Lehrer und Eltern in Frankreich.

Ihre bange Prophezeiung: Die Spaltung in Elite- und Massennachwuchs würde dann schon bei den Schülern beginnen - der Einstieg in ein Zwei-Klassen-System. Bisher sind die Chancen für junge Menschen in Frankreich zumindest bis zum Abitur relativ gleich. Die Wahl der Hochschule legt dann in der Regel ohnehin fest, ob der akademische Nachwuchs auf eine Bilderbuchkarriere hoffen kann oder nicht. Der Hochschulbereich zerfällt in Frankreich längst in Eliteschmieden für wenige und die universitären Armenhäuser für die Masse der Studenten.

Regierung zum Einlenken gezwungen

So weit darf es nach Auffassung der Demonstranten an den Schulen nicht kommen - und das Zentralabitur bleibt nun bis auf weiteres erhalten. Mit ihrem Protest haben die Gymnasiasten nicht nur die Anonymität ihres Abiturs verteidigt. Sie haben vorerst auch den Plan vereitelt, die im Abiturjahr erbrachten Schulleistungen in die Abiturnote einfließen zu lassen. Weiterhin zählt nur die schriftliche Prüfung für die Abschlussnote. Darauf drängten die Fillon-Kritiker, weil sie wollen, dass nicht das - renommierte oder weniger renommierte - Gymnasium den Erfolg des einzelnen Schülers bestimmt.

Die Aufrührer haben die Regierung zum Einlenken gezwungen, doch damit geben sie sich nicht zufrieden. Die Massenproteste sollen weitergehen. Allein in Paris waren es am Dienstag fast 60.000 Schüler und Lehrer, in Bordeaux etwa 15.000. Selbst auf der fernen Insel La Réunion demonstrierten rund 5000 Schüler.

Sie wehren sich auch gegen andere Bestandteile der umfassenden Schulreform, mit denen die französische Staatskasse durch Einsparungen entlastet werden soll. Die Regierung will die Klassen auf rund 30 Schüler vergrößern, bestimmte Fächer wie "seltene" Fremdsprachen streichen sowie schon im nächsten Schuljahr bis zu 3800 Lehrerstellen nicht mehr besetzen, die durch Pensionierungen frei werden.

Von Mirjam Gollmitzer

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