Turbo-Abi: Bayern versucht den Befreiungsschlag

Bayern reformiert die gymnasiale Mittel- und Oberstufe: Mit einem freiwilligen Wiederholungsjahr will die Regierung das Turbo-Abitur entschleunigen. In elf Fächern, darunter Geschichte und Sprachen, soll Stoff gestrichen werden. Schlechte Schüler könnten an Wochenenden und in den Ferien nachlernen.

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Notoperation am G8: "Lehrerreserve" und weniger Stoff in Geschichte und Sprachen

Lernstress, überfrachtete Lehrpläne und zu wenig Förderung - das sind die wichtigsten Kritikpunkte bayerischer Lehrer-, Schüler- und Elternverbände, seit das achtjährige Gymnasium (G8) vor drei Jahren in Bayern eingeführt wurde. Der Unmut hält seitdem unvermindert an.

Jetzt will die Landesregierung ein gutes Jahr vor der Landtagswahl 2013 beim Turbo-Abi nachbessern. Das Kabinett beschloss am Dienstag ein Änderungspaket, das bayerischen Schülern die verkürzte Gymnasialzeit erleichtern soll.

Die CSU-FDP-Regierung wolle damit auf keinen Fall G8 aufweichen, sagte Henning Gießen, Sprecher des bayerischen Kultusministeriums. Er betonte, es gehe nicht um ein "zusätzliches Schuljahr". Vielmehr würden "im Rahmen des bestehenden Lehrplans bestimmte Förderinstrumente eingeführt". Bis auf Rheinland-Pfalz haben alle Bundesländer das G8 mittlerweile umgesetzt oder beschlossen.

Nach den neuen Plänen sollen einzelne Schüler in Bayern ihre Zeit bis zum Abitur bald freiwillig um ein Jahr verlängern können. Hinkt ein Gymnasiast in der achten, neunten oder zehnten Klasse in einzelnen Fächern hinterher, kann er ein "Flexibilisierungsjahr" einlegen, um seine Lücken zu schließen. Andere Schüler können das Jahr nutzen, um zum Beispiel ins Ausland zu gehen. In die Entscheidung, was "pädagogischen Mehrwert" für einen Schüler habe, sollen die Lehrer seiner Klasse mit einbezogen werden.

Außerdem vereinbarte das Kabinett folgende Maßnahmen:

  • Damit weniger Schulstunden ausfallen, soll bis zum Schuljahr 2014/15 an jedem staatlichen Gymnasium eine "integrierte Lehrerreserve" eingerichtet werden. Das bedeutet, dass die Schulen zusätzliche Stunden im Umfang von mindestens einer Vollzeitstelle zugeteilt bekommen - vorausgesetzt, der Landtag stimmt dem neuen Haushaltsplan für 2013/2014 zu.
  • Die Lehrpläne der älteren Schüler werden entschlackt, und zwar in insgesamt 11 von 25 Fächern, darunter in Geschichte und in modernen Fremdsprachen. Zehnt- und Elftklässler lernen schon im kommenden Schuljahr nach den neuen Plänen, Zwölftklässler dann ab 2013.

  • Die Gymnasien sollen Konzepte für bessere individuelle Förderung entwickeln. Renate Will, bildungspolitische Sprecherin der FDP im Landtag, schlug in der "Süddeutschen Zeitung" vor, schlechte Schüler zum Beispiel für Blockseminare an den Wochenenden oder in den Ferien an die Schulen zu holen. Solche Maßnahmen soll die Schule anbieten, wenn ein Schüler im Halbjahreszeugnis durch schlechte Noten auffällt. Die Regierung nennt das "Frühwarnsystem", es soll das Sitzenbleiben am Jahresende verhindern helfen. Außerdem sollen Ganztagesangebote ausgebaut werden.

Zuletzt hatte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) am Montag zu einem Runden Tisch mit Eltern-, Lehrer- und Schülervertretern eingeladen. Die Gespräche seien die Basis der geplanten Schritte gewesen, heißt es einer Pressemitteilung der Staatskanzlei. Kultusministeriumssprecher Gießen erklärte, die Reform komme jetzt, weil inzwischen zwei komplette Durchgänge des G8-Abiturs evaluiert werden konnten und man erst jetzt konkret sagen könne, an welchen Stellen es noch Verbesserungsbedarf gebe.

Die Opposition im Landtag kritisierte die Reformvorschläge als "Murks" (SPD) und "missglückten Befreiungsschlag" (Grüne). Was Ministerpräsident Seehofer mit den Interessenvertretern "im kleinen Kreis zusammen geschustert" habe, werde nicht helfen, das Vertrauen in die Gymnasien zurückzugewinnen, sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Martin Güll.

Vor allem in den Eingangsjahren würden die Gymnasiasten durch die Reformen der Regierung nicht entlastet. Das "Flexibilisierungsjahr" sei ein "besseres Wiederholungsjahr" ohne pädagogisches Konzept. Dadurch werde letztlich auch die Lehrerreserve aufgezehrt, mit der die Regierung eigentlich die vielen Ausfallstunden bekämpfen wolle, kritisierte Güll.

son/cht

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insgesamt 22 Beiträge
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1. schlechter deal
realburb 31.07.2012
ach ja alle die Jahre haben das extra Jahr Zivi oder Wehrdienst keinem geschadet. Aber hauptsache das Studium fängt jetzt mit 17 an. Ob dann Wissen und Fremdsprachen auf der Strecke bleiben, is wurscht.
2. Ohne wirkliche Auslese zum Gymnasium !
klaus64 31.07.2012
Was nützt es , wenn man eine große Anzahl Schüler zum Gynasium schickt, die dann unter Qualen und Nachhilfe so etwas wie ein bestandenes Abitur erreichen - aber nicht wirklich hochschulreif sind oder eigentlich das Abitur für Ihren Beruf nicht brauchen ? Es ist Verschwendung non Geld, Zeit, Lehrern und unnötige Quälerei für die Kinder. Ich selbst habe unter ausgewählten Schülern nach 12 Jahren Abitur gemacht, ein Universitätsstudium absolviert, promoviert und ein erfolgreiches Arbeitsleben hinter mich gebracht. Überfordert habe ich mich nie gefühlt ! Meiner Ansicht nach wird das Abitur als Krone der Allgemeinbildung immer weiter entwertet.
3. Genial...
divStar 31.07.2012
Als wäre der Schulstress nicht schon genug, jetzt kürzt man und verlangt von den Schülern, dass sie ihre Ferien und ihre Freizeit dafür opfern, noch mehr zu büffeln? Ich will mal Politiker sehen, die in ihrer Freizeit UND im Urlaub arbeiten - erfolgreich und über Jahre hinweg. Die sind manchmal nicht einmal bei Lesungen da! Das ist große Grüze! Ziel ist es dann noch schneller irgendwelche halbausgebildeten Menschen fertigzustellen, die dann weder für die Uni/Hochschule geeignet sind, noch sich in der Arbeitswelt durchschlagen können (denn in dieser bringt ein Gymnasium-Abschluss eh nichts, da man meist zu abgehoben lernt). Dafür dann noch mehr an Stoff kürzen? Warum dann nicht nach einer Orientierungsstufe gleich auf die Uni? Ich meine .. ist ja nicht mehr weit. Ich glaube die Leute haben keine Ahnung wovon sie faseln - das ärgert mich insofern, als dass ich finde, dass man bereits mit nem Gymnasium-Besuch mit 12 Klassen reichlich überfordert ist. Aber vor allem die Aussage, dass man ja dann in Ferien und Freizeit lernen könnte, finde ich absurd.. wer dauerhaft arbeitet, wird krank, noch bevor er richtig angefangen hat zu arbeiten. Wollen wir das alles wirklich?
4.
narumi-chan 31.07.2012
Ich verstehe das Rumgeheule wegen G8 nicht. Sachsen und Thüringen haben nach der Wende das Abitur nach der 12. Klasse beibehalten und diese Länder sind neben Bayern auf Platz 2 und 3 der Pisa-Studie. Da sieht man doch mal das es geht. Und die Gymnasiasten hier sind nicht überfordert und haben ausreichend Freizeit. Sieht man doch das es geht.
5. Sehr schlau
fgalb 31.07.2012
von den Herrn Seehofer und Spaenle: weg mit Geschichte, wahrscheinlich auch noch Sozialkunde, sonst kommen am Ende vielleicht gar selbständig, womöglich gar kritisch denkende Menschen heraus. Sprachen auch weg, dann kann sich der zukünftige Vorzeigebayer mangels Kommunikationsfähigkeit wieder vernünftig auf seine Arbeit konzentrieren und versucht nicht dauernd die gottgegebene Ordnung (wirtschaftliche Interessen über alles und die CSU bekommt mindestens 50% bei jeder Wahl) durch umstürzlerisches Chaotentum (Volksentscheide) umzukrempeln.
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