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31. März 2011, 16:30 Uhr

Geschlachtet in der Schule

"Tschüss, liebes Kaninchen"

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Es sollte Unterricht ganz nah an der Realität sein: In Schleswig-Holstein bestellten Lehrer ein Kaninchen zum Sterben in die Schule. So sollten die Kinder lernen, dass Essen in der Steinzeit nicht in der Tiefkühltruhe lag. Auch eine Unterschriften-Aktion der Schüler konnte das Tier nicht retten.

Bevor der Landwirt das Kaninchen erschlug, durften die Schüler sich noch verabschieden. Er stand auf dem Schulhof, das Tier klemmte zwischen seinen Beinen, die Kinder hatten einen Kreis darum gebildet. Sie sollten einzeln in die Mitte kommen, sagte der Landwirt, damit das Tier sich nicht so erschrecke. "Tschüss, liebes Kaninchen", sagten die Kinder und bedankten sich, dass sie es später verspeisen durften.

Der Landwirt aus Schleswig-Holstein hatte das Schlachtkaninchen, grau-weiß, flauschig, große Augen, mit in die Schule gebracht. Auf dem Stundenplan der Cesar-Klein-Schule in Ratekau stand die Projektwoche "Steinzeit", die seit Jahren zum Weltkundeunterricht in den fünften Klassen gehört. Die Schüler sollten dabei unter anderem lernen, dass es früher keine Tiefkühltruhe gab, aus der Menschen ihr Essen holen konnten.

Der Landwirt, selbst Vater einer Fünftklässlerin, kam mit besten Absichten. Vor drei Jahren hatte er schließlich schon einmal Hühner in einer Grundschule geschlachtet. "Alles hundertprozentig nach der Tierschutz-Schlachtverordnung", versichert er. Damals habe sich auch niemand aufgeregt. Deswegen rechnete er nicht damit, dass sich dieses Mal sogar das Bildungsministerium in Schleswig-Holstein mit seiner Aktion beschäftigen würde.

Schüler wollten das Kaninchen mit Unterschriften-Aktion retten

Am Montag vor einer Woche, zu Beginn des Projektes, schlug er den Klassenlehrern der Fünftklässler vor, ein Kaninchen zu schlachten. "Es ging nicht darum, den Kindern das Töten zu zeigen", sagt er. "Wir wollten den großen Zusammenhang zeigen: Wir töten das Tier und übernehmen die Verantwortung. Danach dürfen wir das Tier essen."

Die Klassenlehrer wussten zunächst nicht recht, wie sie mit dem Vorschlag umgehen sollten. Dann stimmten sie ab: Sechs waren dafür und zwei dagegen. Danach versäumten sie allerdings, den Eltern von ihrem Beschluss zu erzählen. Auch der Schulleiter, Georg Krauß, sagt, er habe nichts davon gewusst. Er persönlich sei der Meinung, eine Schlachtung gehöre nicht in die Schule. "Aber das Ganze ist ja nicht aus Sensationslust passiert", betont er. "Früher wussten Kinder noch, dass das, was auf den Tisch kommt, vorher mal gelebt hat." Die Lehrer wollten einfach nur die Wertschätzung der Kinder für Fleisch steigern.

Bis zum Schlachtfest blieben noch drei Tage Zeit, in denen der Landwirt die Kinder vorbereitete. Das war ihm wichtig, schließlich ist er nicht nur Landwirt, sondern auch Sozialpädagoge und hat den verantwortlichen Umgang mit Menschen studiert.

Einen Tag vorher versuchten einige Fünftklässler, das Tier zu retten und sammelten 30 Unterschriften gegen die Schlachtung. Davon habe er nichts gewusst, sagt der Landwirt. Die Lehrer zeigten sich von der Aktion unbeeindruckt. "Wir haben diese Form der Petition zurückgewiesen", sagten die Lehrer den "Lübecker Nachrichten".

"Man kann ja auch keine Unterschriften gegen eine Mathe-Arbeit vorlegen!"

Insgesamt nahmen rund 100 Schüler an der Projektwoche teil, etwa 50 Kinder davon versammelten sich am Donnerstag vor einer Woche freiwillig um den Landwirt. Bevor er begann, sagte der Mann: Es sei nichts Monströses und auch nichts Ekeliges, das werde jeder bestätigen, der einmal dabei war.

Eltern beschweren sich über "barbarische Vorfälle" in der Schule

Dann nahm der Landwirt den Hammer und schlug zu. Einem Kind wurde schwarz vor Augen, andere weinten. Anschließend schnitt er dem Kaninchen mit einem Messer die Kehle durch und trennte den Körper auf, nahm es aus, zog das Fell ab und hängte es zum Ausbluten auf. Einen Tag später wurde das Kaninchen auf dem Schulhof gegrillt und gegessen. Natürlich stilecht, wie in der Steinzeit, auf einem heißen Stein. Auch einige Väter und Mütter, die zum Abschlussfest gekommen sind, hätten probiert, erinnert sich der Landwirt.

Kurz darauf riefen entrüstete Eltern bei den "Lübecker Nachrichten" an und beschwerten sich über "barbarische Vorfälle". "Mein Sohn kam käseblass nach Hause", sagte eine Mutter der Zeitung. "Er schläft seitdem schlecht, hat lange Zeit nichts gegessen." Kurz darauf beschäftigte sich sogar das schleswig-holsteinische Bildungsministerium mit dem Fall. "Den Vorgang an sich halten wir pädagogisch für problematisch", sagt der Ministeriumssprecher Thomas Schunck. Das dürfe sich nicht wiederholen.

Deswegen wird der Schulleiter Krauß auch "dienstliche Gespräche" mit den verantwortlichen Kollegen führen. Er wird sich auch bei einem Elternabend dafür entschuldigen, dass die Schule die Eltern nicht schriftlich informiert hat. Außerdem interessiere ihn sehr die Meinung von allen Eltern, es habe nämlich auch positive Reaktionen gegeben. "Diejenigen, die sich beschwert haben, haben nicht mit mir gesprochen, sondern gleich mit der Presse", sagt Krauß.

Der Vorsitzende des Landeselternbeirats für Gemeinschaftsschulen, Stefan Hirt, findet es zwar sinnvoll, den Kindern beizubringen, dass es nicht nur Tiefkühlkost gibt. "Aber die Umsetzung mit der Holzhammermethode finde ich pervers", sagt er. "Das ist für Zehnjährige ein Schock fürs Leben. Die haben ihre Plüschtiere doch noch im Bett."

Das sei Unsinn, sagte der Landwirt. Nicht die Kinder hätten das Problem, sondern die Eltern. Die wollten nämlich nicht wahrhaben, dass für eine Wurst auch ein Tier getötet werden müsse. Vielleicht, sagt er, habe er mit seiner Aktion etwas gegen die Wegschaumentalität getan. Schließlich schrieb eine Mutter in einer Mail an die Schule: "Jetzt habe ich noch mehr Probleme, wie ich meinen Kind erklären soll, wo das Fleisch herkommt."

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