Nervös stochere ich in meinem Stück Torte herum. Am liebsten würde ich mich in mein Kinderzimmer zurückziehen, stattdessen unterhalte ich mich mit meinen Eltern über Sex - das Thema war eigentlich seit meiner Pubertät vom Tisch. Mama Sabine, 57, und Papa Jörg, 62, sehen mich erwartungsvoll an. "Watt mutt, datt mutt", denke ich mir und räuspere mich.
Kai: Gehen wir doch erst mal zurück zu eurer Jugend. Ihr seid ja beide Alt-68er.
Mama: Also bitte, 1968 war ich 13!
Kai: Eh, na gut. Aber Papa sollte was wissen. Wie war das damals? Wilde Sexpartys, freie Liebe und noch keine Angst vor Aids?
Papa: Als die Pille aufkam, gab es zum ersten Mal Sexgenuss ohne Angst - eigentlich ziemlich naiv. Geschlechtskrankheiten wurden dadurch nicht verhindert und die Frauen damals litten erheblich unter den Hormondröhnungen der unausgereiften Pille.
Kai: Apropos Leiden: Musstet ihr euch für ein Schäferstündchen eigentlich immer heimlich treffen?
Mama: Ja, aber zum Glück lag Papas Zimmer im Keller mit einem separaten Eingang durch den Garten. Er hatte sich dort ein richtiges Liebesnest eingerichtet.
Papa: Und offiziell kam deine Mutter zur "Physik-Nachhilfe" vorbei.
Meine Mutter schmunzelt verträumt, mein Vater nimmt vielsagend einen Schluck Kaffee. Innerlich klopfe ich ihm auf die Schulter. Bei mir war es damals "Auf das Bio-Abi vorbereiten" mit Sandra.
Papa: Sex war also eher eine Nachmittagsaktivität - oder wir haben es abends gemacht, anstatt ins Kino zu gehen.
Mama: Einmal durftest du aber bei uns übernachten, weil es draußen so stark geregnet hat. Wir mussten allerdings in unterschiedlichen Zimmern schlafen.
Kai: Wurdet ihr überhaupt aufgeklärt von euren Eltern?
Mama: Ich hab mit meiner Mutter nie über Sex geredet, auch in der Schule kam das Thema nicht dran. Alle Infos kamen von Freundinnen.
Kaum vorstellbar zu Zeiten des Internets. Ein Wunder, dass sie nicht zehn statt drei Kindern haben.
Kai: Wie geht man als Elternteil eigentlich damit um, wenn man merkt, dass sich die Sexualität seines Kindes so langsam entwickelt? Ich stell mir das ziemlich komisch vor.
Papa: Nö. Fand ich normal.
Mama: Ich hätte es auffälliger gefunden, wenn es bei euch keine Aktivität gegeben hätte.
Kai: Das hab ich zu spüren bekommen. Als ich gerade in die zehnte Klasse kam und immer noch keine Freundin hatte, hast du mal vorsichtig angefragt, ob ich nicht vielleicht schwul sei.
Die Kaffeetassen fangen unter dem Gelächter meiner Eltern an zu hüpfen. Plötzlich fühle ich mich wie die spießigste Person am Kaffeetisch.
Mama: Damals wollte ich dir wahrscheinlich nur zeigen, dass ich damit kein Problem hätte. Ich wurde mit sehr vielen Einschränkungen und Verboten erzogen und hatte mir vorgenommen, zu meinen Kindern ein vertrauliches Verhältnis aufzubauen.
Kai: Dann hab ich das zu dem Zeitpunkt wohl falsch wahrgenommen und etwas zu verklemmt gesehen.
Mama: Wir finden sowieso, dass du und deine Geschwister viel prüder seid als wir. Deine Schwester würde nie mit zum FKK-Strand kommen, dein Bruder hat sich geweigert, mit uns in die Sauna zu gehen. Da fragt man sich, wo eure Verklemmtheit herkommt - von uns habt ihr das nicht! Wir haben uns damals durch Freizügigkeit bewusst von unseren Eltern abgegrenzt und heute regt ihr euch auf, wenn ich mich auf unserer Terrasse oben ohne sonne.
Wie zum Beweis spüre ich, dass ich rot werde.
Papa: Ich finde es viel interessanter zu sehen, wie Kinder sich verhalten, wenn sie herausfinden, dass ihre Eltern ein sexuelles Verhältnis miteinander haben!
Kai: Na ja, ihr hattet genau dreimal Sex. Zweimal für meine beiden Geschwister und einmal für mich. Das würde ich kaum ein Verhältnis nennen.
Papa: Du erinnerst dich aber schon noch daran, dass du letztens einfach so in unser Schlafzimmer gestürmt bist?
Kai: Ich dachte, ihr guckt Fernsehen! Ihr seid doch schon alt! Und am nächsten Morgen beim Frühstück habt ihr mich gefragt, ob ich jetzt ein Trauma habe.
Zu Recht: Ich versuche, zur Ablenkung an kleine Kuschelhasen auf einer grünen Wiese zu denken.
Mama: Ich glaube, ihr Kinder hattet damit schon immer Schwierigkeiten. Wenn wir geschmust haben, kam immer gleich ein "Ihhh" von euch! Aber jetzt, wo ihr aus dem Haus seid, müssen wir auch nicht mehr Rücksicht nehmen. Wir können die Türen hier alle offen lassen.
Papa: Und können in jedes Zimmer.
Kai: Aber doch bitte nicht in mein Kinderzimmer!
Meine Eltern grinsen verschmitzt und mir wird schlecht. Nicht mein Bett, bitte nicht mein Bett!
Papa: Dein Bett besonders gerne.
Mama: Das ist so schön groß!
Ich verstecke mich unterm Tisch, die Vorstellung an nackte Eltern zwischen meinen Kissen ertrage ich nicht.
Kai: Bitte wartet heute Nacht nicht auf mich, ich schlafe bei Freunden auf der Couch.
Von Kai Rieger (Text) und Marcus Lorenczat (Fotos) für das Jugendmagazin "Spiesser"
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