Sexgespräch am Esstisch: "Iiih, nackte Eltern zwischen meinen Kissen!"

Der Kuchen steht auf dem Tisch, der Kaffee ist frisch gebrüht: Für Kai Rieger, 23, ist das der richtige Rahmen, um mit seinen Eltern über Sex zu reden. Er entlockte ihnen für die Jugendzeitschrift "Spiesser" intime Geheimnisse. Und musste feststellen: Seine Eltern finden ihn verklemmt.

Kaffeekränzchen mal anders: Wie, ihr habt noch Sex? Fotos
Marcus Lorenczat

Nervös stochere ich in meinem Stück Torte herum. Am liebsten würde ich mich in mein Kinderzimmer zurückziehen, stattdessen unterhalte ich mich mit meinen Eltern über Sex - das Thema war eigentlich seit meiner Pubertät vom Tisch. Mama Sabine, 57, und Papa Jörg, 62, sehen mich erwartungsvoll an. "Watt mutt, datt mutt", denke ich mir und räuspere mich.

Kai: Gehen wir doch erst mal zurück zu eurer Jugend. Ihr seid ja beide Alt-68er.

Mama: Also bitte, 1968 war ich 13!

Kai: Eh, na gut. Aber Papa sollte was wissen. Wie war das damals? Wilde Sexpartys, freie Liebe und noch keine Angst vor Aids?

Papa: Als die Pille aufkam, gab es zum ersten Mal Sexgenuss ohne Angst - eigentlich ziemlich naiv. Geschlechtskrankheiten wurden dadurch nicht verhindert und die Frauen damals litten erheblich unter den Hormondröhnungen der unausgereiften Pille.

Kai: Apropos Leiden: Musstet ihr euch für ein Schäferstündchen eigentlich immer heimlich treffen?

Mama: Ja, aber zum Glück lag Papas Zimmer im Keller mit einem separaten Eingang durch den Garten. Er hatte sich dort ein richtiges Liebesnest eingerichtet.

Papa: Und offiziell kam deine Mutter zur "Physik-Nachhilfe" vorbei.

Meine Mutter schmunzelt verträumt, mein Vater nimmt vielsagend einen Schluck Kaffee. Innerlich klopfe ich ihm auf die Schulter. Bei mir war es damals "Auf das Bio-Abi vorbereiten" mit Sandra.

Papa: Sex war also eher eine Nachmittagsaktivität - oder wir haben es abends gemacht, anstatt ins Kino zu gehen.

Mama: Einmal durftest du aber bei uns übernachten, weil es draußen so stark geregnet hat. Wir mussten allerdings in unterschiedlichen Zimmern schlafen.

Kai: Wurdet ihr überhaupt aufgeklärt von euren Eltern?

Mama: Ich hab mit meiner Mutter nie über Sex geredet, auch in der Schule kam das Thema nicht dran. Alle Infos kamen von Freundinnen.

Kaum vorstellbar zu Zeiten des Internets. Ein Wunder, dass sie nicht zehn statt drei Kindern haben.

Kai: Wie geht man als Elternteil eigentlich damit um, wenn man merkt, dass sich die Sexualität seines Kindes so langsam entwickelt? Ich stell mir das ziemlich komisch vor.

Papa: Nö. Fand ich normal.

Mama: Ich hätte es auffälliger gefunden, wenn es bei euch keine Aktivität gegeben hätte.

Kai: Das hab ich zu spüren bekommen. Als ich gerade in die zehnte Klasse kam und immer noch keine Freundin hatte, hast du mal vorsichtig angefragt, ob ich nicht vielleicht schwul sei.

Die Kaffeetassen fangen unter dem Gelächter meiner Eltern an zu hüpfen. Plötzlich fühle ich mich wie die spießigste Person am Kaffeetisch.

Mama: Damals wollte ich dir wahrscheinlich nur zeigen, dass ich damit kein Problem hätte. Ich wurde mit sehr vielen Einschränkungen und Verboten erzogen und hatte mir vorgenommen, zu meinen Kindern ein vertrauliches Verhältnis aufzubauen.

Kai: Dann hab ich das zu dem Zeitpunkt wohl falsch wahrgenommen und etwas zu verklemmt gesehen.

Mama: Wir finden sowieso, dass du und deine Geschwister viel prüder seid als wir. Deine Schwester würde nie mit zum FKK-Strand kommen, dein Bruder hat sich geweigert, mit uns in die Sauna zu gehen. Da fragt man sich, wo eure Verklemmtheit herkommt - von uns habt ihr das nicht! Wir haben uns damals durch Freizügigkeit bewusst von unseren Eltern abgegrenzt und heute regt ihr euch auf, wenn ich mich auf unserer Terrasse oben ohne sonne.

Wie zum Beweis spüre ich, dass ich rot werde.

Papa: Ich finde es viel interessanter zu sehen, wie Kinder sich verhalten, wenn sie herausfinden, dass ihre Eltern ein sexuelles Verhältnis miteinander haben!

Kai: Na ja, ihr hattet genau dreimal Sex. Zweimal für meine beiden Geschwister und einmal für mich. Das würde ich kaum ein Verhältnis nennen.

Papa: Du erinnerst dich aber schon noch daran, dass du letztens einfach so in unser Schlafzimmer gestürmt bist?

Kai: Ich dachte, ihr guckt Fernsehen! Ihr seid doch schon alt! Und am nächsten Morgen beim Frühstück habt ihr mich gefragt, ob ich jetzt ein Trauma habe.

Zu Recht: Ich versuche, zur Ablenkung an kleine Kuschelhasen auf einer grünen Wiese zu denken.

Mama: Ich glaube, ihr Kinder hattet damit schon immer Schwierigkeiten. Wenn wir geschmust haben, kam immer gleich ein "Ihhh" von euch! Aber jetzt, wo ihr aus dem Haus seid, müssen wir auch nicht mehr Rücksicht nehmen. Wir können die Türen hier alle offen lassen.

Papa: Und können in jedes Zimmer.

Kai: Aber doch bitte nicht in mein Kinderzimmer!

Meine Eltern grinsen verschmitzt und mir wird schlecht. Nicht mein Bett, bitte nicht mein Bett!

Papa: Dein Bett besonders gerne.

Mama: Das ist so schön groß!

Ich verstecke mich unterm Tisch, die Vorstellung an nackte Eltern zwischen meinen Kissen ertrage ich nicht.

Kai: Bitte wartet heute Nacht nicht auf mich, ich schlafe bei Freunden auf der Couch.

Von Kai Rieger (Text) und Marcus Lorenczat (Fotos) für das Jugendmagazin "Spiesser"

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insgesamt 38 Beiträge
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1. verklemmte Jugend
old_spice 17.09.2012
Zitat von sysopMarcus LorenczatDer Kuchen steht auf dem Tisch, der Kaffee ist frisch gebrüht: Für Kai Rieger, 23, ist das der richtige Rahmen, um mit seinen Eltern über Sex zu reden. Er entlockte ihnen für das Jugendzeitschrift "Spiesser" intime Geheimnisse. Und musste feststellen: Seine Eltern finden ihn verklemmt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,855574,00.html
stimmt - wenn in unserer 10. Klasse der Lehrer nicht aufpasste gingen wir gemeinsam duschen. Und ein Mädchen daß sich nicht oben ohne am See sonnte wurde ausgelacht. Meine Töchter benehmen sich heute so, wie ich es von meinen Eltern gewohnt war - selbst zum Haare waschen schließen sie sich im Bad ein. Und im Urlaub ging die Jüngere nicht mehr ins Wasser, weil am Ende der Bucht einige nackt badeten. Vermutlich werden meine Enkel dann nackt im Supermarkt rumlaufen, um ihre Eltern zu ärgern. Oder mit Burka.
2. Die Idee...
Beka 17.09.2012
das ältere Menschen kein Sex mehr haben, finde ich sehr weltfremd, und die Angst, darüber zu sprechen oder nachzudenken seltsam. Man ist weniger skandalisiert wenn 11 jährige Sex haben als 60 jährige, das sagt ja schon viel aus über uns...Ich denke, der Sex hat nicht viel mit dem zu tun, was man mit 23 kennt, gut findet oder gewohnt ist, sondern ein ganz anderes Verhältnis von Vertrauen und auch der Notwendigkeit, sich immer wieder neu kennenzulernen, auch nach vielen Jahren zusammen. Wenn zwei Menschen Jahre zusammen verbracht haben, oder auch wenn sie sich erst im "Alter" (deine Eltern sind ja noch jung!) kennen und lieben gelernt haben, macht es doch Sinn, dass sie auch das Intimste teilen wollen miteinander...Wenn von Paaren gesprochen wird, wo ein großer Altersunterschied besteht, entsteht selten eine Reaktion, dass das seltsam oder gar eklig sei, aber sobald beide Partner etwas älter sind wird es gleich etwas, wovor man sich am liebsten unterm Tisch verstecken würde? Sicher wirst du, lieber Kai, mit 62 zurückschauen und denken: yup, die hatten Recht. Es ist immer noch toll.
3.
DMenakker 17.09.2012
Zitat von old_spicestimmt - wenn in unserer 10. Klasse der Lehrer nicht aufpasste gingen wir gemeinsam duschen. Und ein Mädchen daß sich nicht oben ohne am See sonnte wurde ausgelacht. Meine Töchter benehmen sich heute so, wie ich es von meinen Eltern gewohnt war - selbst zum Haare waschen schließen sie sich im Bad ein. Und im Urlaub ging die Jüngere nicht mehr ins Wasser, weil am Ende der Bucht einige nackt badeten. Vermutlich werden meine Enkel dann nackt im Supermarkt rumlaufen, um ihre Eltern zu ärgern. Oder mit Burka.
Stimmt, BH's waren so verpönt wie heute Gummistiefel im Sommer. Man war eigentlich alles in allem lockerer. Die heutige Generation ( meine Tochter ist gerade 19 ) ist verklemmter, als es Eltern jemals waren. Beides nicht unwahrscheinlich! Denn Sinn von Protest ist ja, dass alle beteiligten Generationen "geschockt" sind.
4. super Artikel
zebigbos 17.09.2012
Ich wurde von meinen Eltern (Ich bin MItte 30) auch noch total spiessig erzogen, auch wenn Sie es sicher nicht so empfunden haben. Irgendwann lag da mal ein Buch "Junge, Mädchen, Mann & Frau", ein Aufklärungsbuch der 70er. Nur schematische Zeichnungen, keine expliziten Bilder. Aber man konnte sich so etwas zusammenreimen. Mit 12 oder 13 bin ich dann an explizites Schmuddelmaterial herangeraten. Ein Glück! :o) Mein Ziel ist nur, dass meine Kinder nicht denken, dass Mama und Papa genau 1x pro Kind Verkehr hatten und nach dem letzten Sprößling ad hoc sämtliche Sexualität eingefroren wurde. :o) *ICH* habe meine Eltern nie "erwischt", oder es auch nur "mitbekommen". Für mich waren sie asexuell. Ich werde meinem Sohn, nicht verbieten, sich im Internet schlau zu machen. MAn kann es eh nicht in Zeiten von Smartphones und WLAN. Spätestens in der Schule wird Material ausgetauscht. Eltern früher dachten halt, was sehr schön in dem Artikel herauskommt, dass man "nur nachts schwanger werden kann"...
5. Verklemmmt...
gracie 17.09.2012
Zitat von sysopMarcus LorenczatDer Kuchen steht auf dem Tisch, der Kaffee ist frisch gebrüht: Für Kai Rieger, 23, ist das der richtige Rahmen, um mit seinen Eltern über Sex zu reden. Er entlockte ihnen für das Jugendzeitschrift "Spiesser" intime Geheimnisse. Und musste feststellen: Seine Eltern finden ihn verklemmt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,855574,00.html
Unsere Kinder sind verklemmt, ziehen sich aber Pornos rein und haben kaum Ahnung von Empfängnisverhütung. Es werden Kleider und Schuhe getragen die ich früher in spezialisierten Boutiquen am Kiez gesehen habe, aber es sonnt sich niemand mehr oben ohne, auch nicht an der Côte Azur. Eine Umfrage ergab letztes Jahr, dass sie Kate und William als Vorbild haben. Na ja, ich finde beide ganz nett, aber wirklich sehr bieder. Vor zwei Jahre lud eine Freundin die frühere Clique zur Neujahrfeier bei sich ein. Ihre Tochter (19) war mit Freunden unterwegs, taucht aber um 23:30 wieder auf und feierte etwas mit. Legte sich kurz nach Mitternacht schlafen um sich 02:30 lautstark zu beschweren wir wären zu laut. Ich finde unsere Kids wirklich in ordung und ganz nett, aber was zum Teufel ist mit euch los ?
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