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Gewalt an Schulen: Als Ein-Euro-Schutzmann auf dem Pausenhof

Von Khuê Pham

Sie tragen blaue Uniformen, stehen am Schulhofrand und sollen das Gröbste verhindern. Berliner Arbeitslose wie Volker Anton, 49, passen als Ein-Euro-Jobber auf Grundschüler auf und werden so zu Wachmännern geschult. Den Umgang mit Kindern müssen sie aber erst lernen.

Volker Anton ist 49 Jahre alt und hat nachmittags schulfrei. Er arbeitet an einer Berliner Grundschule – als Ein-Euro-Jobber. In der Hofpause beaufsichtigt er die Kinder und schlichtet Streit. Und das, obwohl er gar nicht pädagogisch ausgebildet ist. Und eigentlich Wachmann werden will.

Schulposten Volker Anton: Streitschlichter zwischen Kindern
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Schulposten Volker Anton: Streitschlichter zwischen Kindern

Anton ist einer von 20 Erwerbslosen, die vom freien Träger "Forum Arbeit & Projekte" an fünf Berliner Grundschulen in den Bezirken Kreuzberg, Friedrichshain und Schöneberg vermittelt wurden. Als blau uniformierte Aufsichtskräfte zeigen sie seit letzten September auf dem Pausenhof Präsenz, sollen Randale verhindern und die Schüler vor Eindringlingen beschützen. Gleichzeitig werden sie in den neun Monaten zu Wachschutz- und Sicherheitspersonal ausgebildet.

"Ihre Aufgabe ist es, für die Sicherheit der Kinder zu sorgen", erklärt die Vereinsleiterin Marianne Haller. "Sie helfen den Lehrern bei der Pausenaufsicht, gehen bei Streit dazwischen und achten bei Veranstaltungen auf die Besucher. Bei Bedarf begleiten sie die Schüler auch auf ihrem Schulweg."

"Ich verhindere, dass ihr euch die Köpfe einschlagt"

Dass Hilfskräfte ohne pädagogische Ausbildung auf Kinder aufpassen, findet Haller nicht riskant, schließlich habe es "strenge Kriterien bei der Auswahl" gegeben. Alle Bewerber mussten ein polizeiliches Führungszeugnis und Schuldenfreiheit nachweisen und wurden zu ihrer Beziehung zu Kindern befragt. Zehn Kandidaten wurden im Vorfeld aussortiert. Auf den Umgang mit Kindern habe man sie zwei Wochen lang mit Unterricht in zwischenmenschlichem Verhalten vorbereitet.

Anton, der nach 20 Jahren selbstständiger Tätigkeit vor sechs Jahren arbeitslos wurde, hat zwar nach eigenen Angaben "einen guten Draht zu Kindern", aber keine Arbeitserfahrung mit ihnen. Trotzdem hat er sich an der Lemgo-Schule in Kreuzberg gut eingelebt und fühlt sich von Lehrern und Schülern voll akzeptiert. So bitten ihn die Kinder manchmal um Hilfe bei den Hausarbeiten oder vertrauen ihm persönliche Probleme an. "Aber da ziehe ich dann die Grenze." Den Schülern habe er gleich am Anfang gesagt: "Meine Aufgabe ist zu verhindern, dass ihr euch gegenseitig die Köpfe einschlagt."

Auch Detlef Marschner, Erzieher an der Schöneberger Spreewald-Grundschule, betont, dass die Tätigkeit der Ein-Euro-Jobber genau abgesteckt werden müsse. Fünf Aufsichtskräfte arbeiten an seiner Schule, und "im Großen und Ganzen sind wir mit ihnen zufrieden". Wegen der fehlenden erzieherischen Ausbildung müsse man die Aufpasser allerdings stets im Auge behalten.

Denn anfangs hätten sich noch einige Sicherheitsleute den Schülern gegenüber im Ton vergriffen. Als "Experiment an Kindern" hatte deshalb die Schulstadträtin vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrman, das Projekt bezeichnet. Aber so experimentell ist es eigentlich nicht. Laut Haller arbeiten Ein-Euro-Jobber bereits seit mehreren Jahren an Schulen sowie in Kinder- und Jugendfreizeiten als Aufsichtskräfte.

Konfliktzone Grundschule

Dass letztes Jahr erstmals eine umfassende Maßnahme für die Vermittlung von Schulaufsichtskräften gestartet wurde, liege an der steigenden Gewalt an Berliner Schulen, erklärt Haller. Auch die Grundschulen sind längst keine harmlosen Spielplätze mehr: Laut Berliner Senat hat sich die Zahl der gemeldeten Gewaltvorfälle dort im letzten Jahr mehr als verdoppelt. Während 2005 noch 237 gemeldet wurden, waren es 2006 schon 628.

Die Lehrer und Politiker haben eine zwiespältige Meinung zum Thema Ein-Euro-Sicherheitskräfte. Natürlich sei man froh über die zusätzliche Unterstützung, sagt Marschner, aber sie könnten ausgebildetes schulisches Personal nicht ersetzen. Auch der Sozialstadtrat des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, Knut Mildner-Spindler (PDS), steht dem Projekt skeptisch gegenüber: "Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, an Schulen, wo es an Lehrern und Erziehern wegen Einsparungen mangelt, MAE-Kräfte einzusetzen."

Volker Anton, der Ein-Euro-Schutzmann, hat jedenfalls alle Hände voll zu tun. Prügeleien auf dem Pausenhof gehören zur Tagesordnung, auch im Klassenzimmer bricht schon mal Streit aus. Allerdings hält sich die Gewalt meist in Grenzen. "Krankenwagen mussten wir noch nicht bestellen, es kommt höchstens mal zu einer Platzwunde auf der Stirn", so Anton.

Ob ihm seine Arbeit an den Schulen auch zu einem Platz im Arbeitsmarkt verhelfen wird, ist noch offen. Zurzeit büffelt Anton für seine Gewerbeprüfung. Falls sich die Modellmaßnahme als erfolgreich erweist und die Wachmänner vermittelt werden, sollen bald die nächsten Euro-Jobber auf die Schulhöfe dürfen.

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