Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gewalt an Schulen: Prügeln, bis der Arzt kommt

Jeder fünfte Hauptschüler hat schon einmal so hart zugeschlagen, dass sein Opfer zum Arzt musste. Einer neuen Bochumer Studie zufolge vermöbeln sich Schüler einander nicht öfter als früher - aber deutlich brutaler. Meist geht es um verletztes Ehrgefühl.

Gewalt an Schulen: Prügelei aus Ehrgefühl
DPA

Gewalt an Schulen: Prügelei aus Ehrgefühl

Die Berichte über Gewalt, Erpressungen und Mobbing an Deutschlands Schulen häufen sich. Nach einer Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum hat jeder fünfte Hauptschüler einen anderen Jugendlichen schon einmal so brutal verprügelt, dass dieser zum Arzt musste. Und das gilt nicht nur für Hauptschulen: An Gesamtschulen haben 14 Prozent der Schüler in den letzten zwölf Monaten eine solche Körperverletzung begangen, an Gymnasien sind es acht Prozent.

Der Kriminologie-Professor Thomas Feltes und seine Forscherkollegen haben rund 4000 Achtklässler in Bochum befragt. Wichtiges Erkenntnis der Studie: Die 14-Jährigen prügeln sich meist, weil sie sich beleidigt fühlen. 60 Prozent der befragten Schüler waren der Meinung, dass die eigene Ehre in jedem Fall verteidigt werden müsse. Die Hälfte fand, man solle zurückschlagen, wenn man angegriffen werde.

Eine Frage der Ehre

Ist eine Beleidigung heute schlimmer als eine Ohrfeige? "Die Schüler sind empfindlicher für Ehrverletzungen", sagt Feltes, "sie haben kein Vertrauen in die Zukunft." Deswegen seien die Jugendlichen verunsichert und reagierten auf eine Beleidigung intensiver. Bei den Schlägereien gerät kaum ein Schüler ausschließlich in die Opferrolle. Wer an einem Tag Prügel einstecke, teile am nächsten aus, so Feltes: "Es gibt nur ganz wenige, die permanent Opfer von Gewalt und Schikanen sind."

Aktion "Waffenfreies Bremen": Die Bremer Polizei sammelte an Schulen Wurfsterne und Messer ein
DPA

Aktion "Waffenfreies Bremen": Die Bremer Polizei sammelte an Schulen Wurfsterne und Messer ein

Nach Einschätzung des Kriminologen hat die Zahl der Gewalttaten an Schulen in den letzten Jahren nicht nennenswert zugenommen, doch die Kinder seien brutaler geworden. Sie dreschen länger aufeinander ein, treten noch einmal nach, wenn das Opfer schon am Boden liegt. "Aus einer Rauferei zum Spaß wird schneller als früher eine richtige Prügelei", so Feltes, "das Klima ist rauer, und auch die Angst ist größer."

Viele Schulen versuchen bereits, Schülern alternative Wege der Konfliktlösung zu zeigen. In Rollenspielen und Projekttagen sollen sie lernen, ihr Verhalten zu ändern. In Bochum etwa bietet die Polizei seit fast zehn Jahren Projekttage an, in denen Schüler lernen, sich bei einer Anmache richtig zu verhalten.

Ohne Gewalt stark

In der Bismarck-Schule in Nürnberg helfen sich die Schüler untereinander: In jeder Klasse sitzt ein "Streitschlichter". Jeden Tag treten zwei Schüler aus dem Team "Reden statt Schlagen" zur Pausenaufsicht in der Hauptschule an und tragen orangefarbene Westen, damit die streitenden Kinder sie auch als Ansprechpartner finden.

Streitschlichterprogramme und Projekttage helfen, hat Professor Feltes herausgefunden. Er befragte die Achtklässler in Bochum nämlich sowohl vor als auch einige Wochen nach dem Projekttag "Ohne Gewalt stark". Fazit: 70 Prozent der Schüler fühlten sich nach dem Projekttag weniger ängstlich und hilflos - und reagierten daher in Bedrohungssituationen nicht so aggressiv.


Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks