Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Studie zur Bildungspolitik: Bundesregierung: Setzen, vier minus!

Mehr als jeder siebte junge Erwachsene in Deutschland hat keinen Schul- oder Berufsabschluss, so eine neue Studie. Das sind viel zu viele, findet der Deutsche Gewerkschaftsbund: Die Bundesregierung verfehle damit ihre Bildungsziele dramatisch.

Setzen, vier minus: Ein schlechtes Zeugnis stellt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) der Bundesregierung für Teile ihrer Bildungspolitik aus. Vor allem bei Schülern und Auszubildenden, die die Schule oder Lehre ohne Abschluss abbrechen, habe die Bunderegierung die selbstgesteckten Ziele bisher verfehlt - und es sei auch nicht abzusehen, wann sich die Bilanz bessern werde. Laut DGB-Bildungsbericht liegt die Zahl der jungen Erwachsenen ohne Schul- oder Berufsabschluss bei 13,8 Prozent.

Die Zahlen stammen aus der Studie "Bildungsgipfel-Bilanz 2014", die der DGB vom Essener Bildungsforscher Klaus Klemm anfertigen ließ. Im Oktober 2008 hatten Bund und Länder in Dresden einen Bildungsgipfel durchgeführt und zahlreiche bildungspolitische Ziele verkündet, die bis 2015 erreicht werden sollten. Damals fiel auch erstmals das Schlagwort von der "Bildungsrepublik Deutschland". Klemm analysierte nun, wie es um die damals verkündete Ziele steht - und diese Bilanz fällt schlecht aus:

  • Die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss sollte von acht auf vier Prozent sinken. Tatsächlich lag sie 2014 bei 5,7 Prozent, die angestrebte Halbierung bis zum kommenden Jahr sei "nicht absehbar", heißt es in der Studie.
  • Auch das Ziel, die Zahl junger Erwachsener ohne abgeschlossene Berufsausbildung zu halbieren, sei "nicht in Sicht". Die Quote lag 2013 bei 13,8 Prozent und damit weitab der angestrebten 8,5 Prozent. Es bestehe "kein Anlass, optimistisch in die nähere Zukunft zu blicken".
  • Die gesamten Bildungsausgaben sollten bis 2015 auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts ansteigen, so die Ankündigung im Herbst 2008. Tatsächlich lagen sie 2012 erst bei neun Prozent. Die Bildungsforscher zeigen sich auch in diesem Punkt "wenig optimistisch".
  • Fortschritte sieht der Bericht dagegen beim Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige. Außerdem seien die beim Bildungsgipfel 2008 formulierten Zielquoten für den Anteil der Studienanfänger je Jahrgang "weit übertroffen" und die Weiterbildungsbeteiligung unter Berufstätigen "nahezu erreicht" worden, resümiert Klemm.

Insgesamt zeichne sich die deutsche Bildungspolitik jedoch nach wie vor durch eine "soziale Schieflage" aus. So kommen ausgerechnet Arbeitslose, Migranten sowie Menschen ohne Berufsausbildung bei der Weiterbildung kaum zum Zug, heißt es in dem Bericht. Unter den Studenten bleibe der Anteil aus Arbeiterfamilien mit 27 Prozent zu gering.

"Diese Entwicklung macht deutlich: Im deutschen Bildungssystem wird das Auseinanderklaffen zwischen der Lage von Begünstigten und der von Benachteiligten weiter verfestigt und immer wieder reproduziert", bilanziert Klemm. Ein Ergebnis, zu dem auch andere Untersuchungen immer wieder kommen. Zudem fehlten insgesamt die ökonomischen Ressourcen für den weiteren Ausbau des Bildungssystems.

Um Abhilfe zu schaffen, fordert der Gewerkschaftsbund deshalb einen neuen Bildungsgipfel. "Bund, Länder und Kommunen müssen zusammen mit den Sozialpartnern eine gemeinsame Bildungsstrategie entwickeln. Ansonsten droht unsere Gesellschaft, ihre Zukunftsfähigkeit zu verlieren", sagte die DGB-Vizevorsitzende Elke Hannack. Die vermeintliche Bildungsrepublik Deutschland jedenfalls bleibe bisher ein sozial gespaltenes Land.

loe/afp

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bildungsziele?
kritischer-spiegelleser 07.01.2015
Da hat unsere Politik nun mal andere Prioritäten. Das Geld geht nach Brüssel zur Rettung von Banken und überschuldeten EU-Staaten. Da bleibt dann in Deutschland für Bildung, Infrastruktur oder soziales leider nichts mehr übrig.
2. Im deutschen Bildungssystem ...
AxelSchudak 07.01.2015
Nicht "das deutsche Bildungsssytem" verfestigt die "Vererbung" von Bildung, sondern die Familie. Wer zu Hause vorgelesen bekommt, hat mehr Spass am selber Lesen, kommt in der Schule besser mit Schulbüchern klar und wird weiter kommen. Was will Klemm hier? Das die Familie aus den Bildungseinflüssen der Kinder entfernt wird? Das man Eltern zwangserzieht? Bei solchen Schlüssen kann man über "Bildungsforscher" wirklich nur den Kopf schütteln. Das Geld wäre in der Bildung besser angelegt gewesen.
3.
mnbvc 07.01.2015
In einem Land mit kostenfreiem Schulsystem und weitgehend kostenfreiem Studium liegt der Bildungserfolg zum Großteil beim Individuum. Der hier bemühte Strukturalismus ("das System ist schuld") ist aus meiner Schulerfahrung verfehlt. Das ändert nichts daran, dass Eltern und Lebensumstände ein Klotz am Bein von Schülern sein können, doch um den Abschluss nicht zu schaffen, muss man mit seinen Leistungen schon deutlich unter den Anforderungen liegen. Mit dem Dauerblick auf Strukturen erreicht man eher nicht, dass Schüler Verantwortung für ihr Handeln im Unterricht und vor den Prüfungen übernehmen. Aber nur wer das tut, ist einigermaßen selbstbestimmt und nicht dazu verdammt, immer nur von anderen "behandelt" zu werden.
4. Dass das deutsche Bildungssystem
pratter 07.01.2015
inhaltlich schwerwiegende Mängel aufweist ist seit Urzeiten unbestritten. dazu hat es keiner neuen Studie bedurft. Das Traurige und damit der Betrug an etlichen Generationen von Schülern, Auszubildenden und Studenten ist, dass es in Deutschland auch nicht mit noch soviel geld besser würde, wenn nicht ein grundlegendes inhaltliches Umdenken in Vorschul- und Schulbildung erfolgt. Der seit Jahrzehnten anhaltende dramatische Niveauverlust an deutschen Schulen hat nichts mit Geld in erster Linie zu tun sondern mit grenzenloser unfähigkeit verantwortlicher Bildungspolitiker.
5. Alles in allem würde
tennislehrer 07.01.2015
ich der Bundesregierung eine 6 geben. Die schlechteste Regierung seit 1945
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks