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Große Schülerbefragung: Bundeskanzler Honecker, SED-Chef Adenauer

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18 Jahre Einheit und kein bisschen Wissen: Eine Befragung Berliner Schüler offenbart, wie wenig sich Jugendliche in der deutsch-deutschen Geschichte auskennen. Viele halten die Stasi für einen ganz normalen Geheimdienst und Konrad Adenauer für einen DDR-Politiker.

Hamburg - Sie war das Symbol für das geteilte Deutschland, im Propaganda-Jargon der DDR als "antifaschistischer Schutzwall" bezeichnet: Die Berliner Mauer, die vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 einen Teil der innerdeutschen Grenze markierte und an der mindestens 133 Menschen bei ihrem Fluchtversuch in den Westen starben.

Aber was wissen deutsche Schüler über die Geschichte der beiden Teilstaaten? Was über die DDR? Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin hat 5000 Schüler aus den Klassen 9 bis 11 in vier Bundesländern befragt. Die ersten Ergebnisse aus der Befragung von 2400 Berliner Schülern liegen inzwischen vor - und sie bieten überraschende Erkenntnisse.

Verklärung, Unwissenheit und falsche Einschätzungen tragen demnach zu einem merkwürdigen Geschichtsbild vieler Jugendlicher bei.

Generell wissen die Jugendlichen - sowohl aus dem West- als auch aus dem Ostteil der Stadt - wenig über die DDR. Mehr als 40 Prozent der befragten Schüler wussten der Befragung zufolge nicht, in welchem Jahr die Berliner Mauer gebaut wurde. Nur rund einem Drittel war bekannt, dass die DDR für den Bau verantwortlich war. "Das Bild der Schüler über das geteilte Deutschland gründet weniger auf Wissen denn auf Vermutungen und Vorurteilen", heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse.

Keine Ahnung von der Todesstrafe

So fragten die Wissenschaftler auch nach der Todesstrafe. Die Schüler sollten zuordnen, in welchem der beiden Teilstaaten Menschen von Staats wegen getötet wurden. Die Mehrheit der Befragten wusste nicht, dass die DDR unter anderem Mord, NS-Kriegsverbrechen, Hochverrat und Spionage als todeswürdig betrachtete. Nur 17 Prozent im Ost- und 26 Prozent im Westteil der Stadt gaben mit "DDR" die richtige Antwort an. Der Befragung zufolge wollten einige Ost-Berliner Schüler selbst nach der Erläuterung der Wissenschaftler nicht glauben, dass es in der DDR die Todesstrafe gab.

Diffus ist auch das Wissen über die Politiker beider Staaten. Viele Staatsmänner werden von den Schülern falsch zugeordnet: Lediglich ein Viertel der Befragten kennt Ludwig Erhard als bundesdeutschen Politiker. Fast jeder dritte Schüler hält Konrad Adenauer, den ersten deutschen Bundeskanzler, für einen Politiker der DDR.

Insgesamt 18 Wissensfragen wurden gestellt. Hiervon konnten etwa 70 Prozent der Ost-Berliner und 65 Prozent der West-Berliner Schüler nur die Hälfte oder weniger richtig beantworten.

Stasi als normaler Geheimdienst

Besorgniserregend: Viele Schüler aus dem Osten Berlins sind nicht imstande, klar zwischen Demokratie und Diktatur zu trennen. "So verneint nicht einmal jeder zweite die Aussage, die DDR sei keine Diktatur gewesen, sondern die Menschen hätten sich nur wie überall anpassen müssen." 60 Prozent der West-Berliner Schüler widersprechen dieser Aussage.

Auch die Stasi wird von vielen Schüler in einem milden Licht gesehen: Rund 40 Prozent der Ost-Berliner und knapp 25 Prozent der West-Berliner Schüler halten die Stasi "für einen Geheimdienst, wie ihn jeder Staat hat".

Stark verbreitet ist unter den Ost-Berliner Schülern der Wunsch nach einem regulierenden Staat. Mehr als drei Viertel von ihnen finden, dass es gut sei, "wenn der Staat die Löhne bestimme, auch wenn der Wohlstand für alle geringer ausfalle". Auch im Westteil stimmen immerhin knapp 50 Prozent für diese Aussage. Viel Zuspruch erhielt auch die Aussage "Die Wirtschaft kann nur gut funktionieren, wenn der Staat alles plant und lenkt": Nicht einmal jeder zweite Schüler lehnte diese Ansicht ab.

Das Fazit der Wissenschaftler ist ernüchternd: Die Schüler wissen nur wenig über die DDR und die deutsch-deutsche Geschichte - offenbar werde darüber in der Familie und mit Freunden nur wenig gesprochen, auch komme das Thema in der Schule "anscheinend nur am Rande" vor. Hierfür spricht auch die bedenkliche Erkenntnis, dass selbst viele befragte Lehrer nichts von der Todesstrafe in der DDR wussten.

Bei den Wissensfragen stellten die Forscher Unterschiede zwischen Gymnasiasten und Gesamtschülern fest. Der Wissensgrad über die DDR sei aber unter Gymnasiasten erstaunlicherweise "nicht viel höher". Auch gab es einen Ost-West-Unterschied: Bei den abgefragten Themen verfügten die Ost-Berliner Schüler über geringere Kenntnisse als die Jugendlichen aus dem Westteil der Stadt. Für auffällig hielten die Wissenschaftler zudem die Neigung befragter Schüler aus dem Osten Berlins, negative Bereiche der DDR auszublenden. Die Ost-Berliner Schüler sind mehrheitlich der Auffassung, die DDR habe eine bessere Umweltpolitik gemacht als die alte Bundesrepublik- als Begründung wird dafür genannt, dass es in der DDR weniger Industrie und weniger Autos gegeben habe.

Entsprechend stellten die Forscher bei der Bewertung von Staat und Gesellschaft ein gespaltenes Bild der beiden deutschen Staaten fest: West-Berliner bevorzugten "auf nahezu allen Feldern die alte Bundesrepublik, Ost-Berliner Schüler mehrheitlich die DDR". Viele Ostdeutsche bewerten die beiden deutschen Staaten als gleichrangig, was bei einigen zu der Behauptung führt, die DDR und die alte Bundesrepublik seien zwar anders gewesen, aber keiner der beiden Staaten könne "in der Gesamtschau als besser oder schlechter beurteilt" werden.

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