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Umstrittene Zuteilung: So tricksen Eltern ihre Kinder auf die Wunschgrundschule

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Erstklässlerinnen in München: Eltern tricksen für die Wunschgrundschule Zur Großansicht
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Erstklässlerinnen in München: Eltern tricksen für die Wunschgrundschule

Der Wohnort der Familie bestimmt meistens die Grundschule der Kinder. Doch viele Eltern wollen sich damit nicht abfinden - und legen sich Scheinadressen zu. Doch wehe, der Betrug fliegt auf.

Marie Walz* ist gerade in ihre neue Wohnung im Berliner Bezirk Wedding gezogen, als sie merkt, dass sie ein Problem hat. Ihre Tochter ist fast fünf Jahre alt, sie wird bald eingeschult. Doch aus Sicht der Mutter soll sie auf keinen Fall auf die Schule in der Nachbarschaft gehen.

Denn wie es dort zugeht, meint die 36-Jährige von den Kindern ihrer türkischstämmigen Nachbarn zu wissen. "Da sind zu 95 Prozent Schüler, die Deutsch nicht als Muttersprache haben", erzählt sie. Schon in der ersten Klasse gebe es Schlägereien. Walz sagt: "Man könnte diese Kinder viel besser fördern." Sie sagt auch: "Ich weiß, was ich für meine Tochter will, und das ist es nicht."

Marie Walz will sich nun von einem Anwalt beraten lassen. "Vielleicht kann ich ja Widerspruch einlegen und behaupten, dass meine Tochter ein ganz besonderes Schulprofil braucht, das es nur im Nachbarbezirk gibt", überlegt sie. Und falls das nicht klappt? Walz antwortet ohne Zögern: "Dann mache ich lieber etwas Verbotenes, als dass meinem Kind Bildung verwehrt wird."

Die meisten Bundesländer legen für jede Gegend eine bestimmte Grundschule fest, so auch Berlin. Kinder bekommen also an der Schule einen Platz, in deren Einzugsgebiet sie leben. Für die Kommunen ergibt das Sinn: Sie sorgen dafür, dass die Einrichtungen gleichmäßig ausgelastet sind. Die Eltern aber wünschen sich häufig eine andere Schule als die zugeteilte. Allerdings auch dort, wo Eltern frei wählen können, wie in Nordrhein-Westfalen und Hamburg, landet längst nicht jeder an seiner Traumschule. Denn sobald eine Schule zu viele Anmeldungen hat, kann sie sich die Kandidaten aussuchen. Dann entscheiden beispielsweise Begabung, die Nähe zum Wohnort oder das Los.

Dank Anwalt auf die Wunschschule

"Viele Eltern wollen sich mit der Schulzuweisung nicht abfinden", sagt der Erziehungswissenschaftler Thomas Koinzer von der Berliner Humboldt-Universität. In einem Forschungsprojekt mit der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat er rund 1000 Berliner Familien befragt, worauf sie bei der Schulwahl achten. Die Studie ist erst in ein paar Wochen komplett ausgewertet, aber bereits jetzt ist klar: "Die meisten Eltern machen sich eine Menge Gedanken über die Schulwahl." Wie groß sind die Klassen? Was für ein Freizeitangebot gibt es? Kann das Kind zum Unterricht laufen? Und, ganz wichtig: Stimmt das Bauchgefühl?

Falls Familien mit der zugeteilten Schule nicht einverstanden sind, können sie Widerspruch einlegen. Wird dem nicht stattgegeben, können sie vor dem Verwaltungsgericht klagen. Oder sie schicken ihr Kind auf eine Privatschule, eine einfache, aber kostenpflichtige Alternative.

Einige Eltern greifen auch zu illegalen Mitteln: Sie behaupten, dass sie im Einzugsgebiet der Schule leben oder arbeiten, obwohl das nicht stimmt. Oder sie legen einen Vertrag mit einer Tagesmutter vor, die dort wohnt - geben das Kind aber gar nicht zu ihr.

"Wir lachten darüber, dass wir etwas Illegales machen"

So wie Daniela Schrader*. Sie wollte, dass ihre Tochter eine Reformschule im Berliner Norden besucht. Dort erhalten Kinder verschiedener Jahrgänge gemeinsam Unterricht. "Wenn man das richtig macht, profitieren die Jungen von den Älteren und umgekehrt", schwärmt die Mutter, die selbst Lehrerin ist.

Die Enttäuschung kam mit dem Brief der Schulbehörde: Demnach sollte die Tochter auf eine Schule gehen, die näher an ihrem Zuhause liegt. Von der hatte die Mutter aber nur Schlechtes gehört: "Da müssen die Kinder immer das Gleiche machen, ohne Rücksicht auf unterschiedliche Begabungen."

Also zog Schrader kurzerhand zu einer Freundin, zumindest auf dem Papier. Die wohnt gleich neben der Wunschschule. Bei einem Glas Wein setzten die beiden einen Mietvertrag auf: "Wir lachten darüber, dass wir tatsächlich etwas Illegales machen."

Beim Gang zum Bürgeramt wurde der Lehrerin dann doch etwas mulmig: "Was, wenn jemand merkt, dass ich lüge?" Dann musste sie auch noch der Sekretärin der gewünschten Grundschule Bescheid geben, dass sie nun woanders wohnt. "Die guckte komisch", sagt Schrader. Erst als sie einen Brief der Krankenkasse mit der neuen Adresse vorlegte, schwand das Misstrauen. Kurz darauf wurde die Tochter an der Schule angenommen - es hatte funktioniert.

Fliegt der Betrug auf, müssen die Kinder sofort von der Schule

Die Bezirksstadträtin in Pankow, Lioba Zürn-Kasztantowicz, kennt solche Fälle: "Es gab sicher Zeiten, in denen jede dritte Adresse der Eltern nicht stimmte." Eine Weile prüfte das Amt deshalb jede Anschrift genau. "Das hat zu einem Rückgang der Scheinanmeldungen geführt, weil die Eltern wussten, dass sie damit nicht durchkommen." Seitdem verteilten sich in Pankow die Anmeldungen wieder gleichmäßiger auf die Schulen.

Heikel wird es für die Familien, wenn sie jemand bei der Behörde anschwärzt. "Den Anzeigen gehen wir immer nach", sagt Peter Albrecht, Sprecher der Hamburger Schulbehörde. Schließlich nehmen die Familien dadurch womöglich Kindern die Plätze weg, die wirklich im Einzugsgebiet leben.

Fliegt der Betrug auf, droht den Eltern ein Bußgeld, und die Kinder müssen sofort die Schule wechseln - dass sie dort womöglich bereits Freunde gefunden haben, spielt keine Rolle. "In Hamburg gibt es hin und wieder solche Einzelfälle, aber sicher eine noch größere Dunkelziffer", sagt Albrecht.

Aus Angst vor Konsequenzen meldete sich Schrader ein paar Monate später wieder unter ihrer richtigen Adresse an. "Das sah dann wohl so aus, als ob ich mich wieder mit meinem Partner vertragen hätte." Sie ist zufrieden darüber, wie es gelaufen ist: "Wir fühlen uns an der Schule gut aufgehoben."

Als eine Freundin wenig später ebenfalls eine Schule für ihr Kind suchte, empfahl sie ihr die ihrer Tochter. Auch die Freundin lebt nicht im Einzugsgebiet, aber zufälligerweise deren Mutter - und die Freundin jetzt auch.

*Name von der Redaktion geändert

Hier berichten Erstklässler aus Hamburg von Zuckertüten, neuen Freunden und schlaflosen Nächten.

Helena, 6: Wenn ich auf die Tüte drücke, dann merke ich, dass da etwas Hartes drin ist. Vielleicht sind es Schulsachen? Ich bin sehr aufgeregt, ich freue mich, dass die Schule beginnt.

Line, 6: In der ersten Stunde haben wir uns selbst mit Buntstiften gemalt. Meine Klassenkameraden finde ich sehr nett. Meine Schultüte packe ich später zu Hause aus. Ich habe keine Ahnung, was da drin sein könnte.

Lori, 6: In meiner Zuckertüte ist eine kleine Figur. Ein Pferd. Und Süßigkeiten. Und dann ist da noch eine andere kleine Figur drin. Ein Fuchs. Ich habe ganz unruhig geschlafen, weil ich sehr aufgeregt bin. Aber ich kenne schon ein paar andere Kinder aus dem Kindergarten.

Matti, 7: In der Schule freue ich mich am meisten auf das Rechnen. Ich rechne manchmal auch schon selbst: Vier plus vier macht acht. Ich kenne auch schon ein paar Buchstaben: A, B, C, D, E, F, G. Die sind vom Alphabet. In meiner Schultüte sind ganz viele tolle Sachen drin. Auch Steine. Die kann man saubermachen.

Fiete, 6: Was in meiner Schultüte ist, weiß ich noch nicht. Aber ich freue mich auf meine Einschulung. Ich habe keine Ahnung, was da alles passiert. Wir haben im Kindergarten schon gehört, was in der Schule kommt. Aber das habe ich vergessen.

Romy, 6: Wir haben gesungen und wir haben kleine Schultüten ausgepackt, die uns die Lehrerin geschenkt hat. Was in der richtigen Tüte ist, weiß ich nicht. Die packe ich dann zu Hause aus. Ich freue mich am meisten auf den Musikunterricht.

Alkan, 7: Die erste Stunde war gut. Wir saßen im Kreis, haben Fotos gemacht und geredet und dann waren wir schon fertig. Ich freue mich auf alles in der Schule. Ich weiß nicht, was in meiner Schultüte ist, die packe ich gleich aus. Ich habe noch eine große Schwester, die ist schon in der Schule.

Jameel, 6: Heute ist ein sehr besonderer Tag für mich, weil heute meine erste Einschulung ist. In der Schule kann man sehr viel lernen, Spaß haben und viele neue Freunde finden. Einen habe ich schon kennengelernt, aber ich weiß seinen Namen nicht mehr. Meine Schultüte durfte ich noch nicht aufmachen, das mache ich dann zu Hause.

Sophia, 6: Die erste Schulstunde war toll. Wir haben die Namensschilder angemalt. Ich kenne zwei andere Kinder. Paul und Antonia. Meine Zuckertüte mache ich am Nachmittag auf. Morgen gehe ich wieder in die Schule, ich weiß aber nicht, wann ich da sein muss.

Paul, 6: In der Schule macht man Mathe, Deutsch und Englisch. Und mehr weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, was sonst so in der Schule passiert. Aber ich kenne die Buchstaben, die in meinem Namen vorkommen. P, A, U und L. Heute haben wir noch nichts gelernt, aber Schultüten angemalt.

Liv, 7: Wir sind in den Gruppenraum gegangen und haben uns in einen Kreis gesetzt. Jeder hat seine Hobbys erzählt und wie er heißt. Und dann haben wir ein paar Aufgaben gekriegt. Wir sollten unsere Namen auf die Blätter einer Papier-Sonnenblume malen. Mein Hobby ist Reiten, aber das geht oft nicht, weil ich in der Stadt wohne. Und da steht nicht an jeder Ecke ein Pferd.

Noah, 6: Ich weiß noch nicht, was in meiner Schultüte ist, die darf ich erst am Nachmittag aufmachen. Ich glaube aber, darin sind Süßigkeiten und ein Buch. Was das für eins ist, weiß ich nicht. Ich freue mich auf die Schule, vor allem auf Turnen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 212 Beiträge
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1. wir soll sich die Situation
no_reservations 24.02.2016
in diesen Bezirken denn dann verbessern, wenn nicht mal die Eltern im Einzugsgebiet ihre Kinder auf die entsprechenden Schulen schicken? Wohnen ja, Schule dort besuchen nein? Da sicher auch gerade die Schulen in den entsprechenden Miet- und Quadratmeterpreisen eingepreist sind, sollte man sich wohl eher nicht beschweren, wenn man das bekommt, was man bezahlt. Ähnliches Verständnis hab ich für Leute, die neben einen Flughafen oder eine Bahnstrecke oder Autobahn ziehen, günstig Baugrund erworben haben und dann noch die Lärmbelästigung wegklagen wollen. Versuchen kann man es ja... Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn Dinge an Schulen oder anderswo schieflaufen, wenn ansonsten gebildete Mitbürger das System derart unterminieren...
2.
Seraphan 24.02.2016
Das nennt man Selbsthilfe. Wenn der Staat nicht in der Lage ist, einigermaßen für Gleichwertigkeit der Schuleinrichtungen zu sorgen, muss man zur Selbsthilfe greifen.
3.
skylarkin 24.02.2016
So kommt es, dass hier in HH an sowieso schon benachteiligten Schulen die Quote an Kindern mit Migrationshintergrund noch höher ist, als sie dem Umfeld nach sein müsste. Dies führt zu einer immer stärkeren Segregation im Bildungsbereich und zwar von Anfang an. Da hört bei vielen Eltern halt die Nächstenliebe auf, wenn dem Kind Benachteiligung droht.
4. Warum sollen die Eltern im Wedding...
stempelchen 24.02.2016
Zitat von no_reservationsin diesen Bezirken denn dann verbessern, wenn nicht mal die Eltern im Einzugsgebiet ihre Kinder auf die entsprechenden Schulen schicken? Wohnen ja, Schule dort besuchen nein? Da sicher auch gerade die Schulen in den entsprechenden Miet- und Quadratmeterpreisen eingepreist sind, sollte man sich wohl eher nicht beschweren, wenn man das bekommt, was man bezahlt. Ähnliches Verständnis hab ich für Leute, die neben einen Flughafen oder eine Bahnstrecke oder Autobahn ziehen, günstig Baugrund erworben haben und dann noch die Lärmbelästigung wegklagen wollen. Versuchen kann man es ja... Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn Dinge an Schulen oder anderswo schieflaufen, wenn ansonsten gebildete Mitbürger das System derart unterminieren...
...ein anderes Sozialverständnis haben als die Eltern in Dahlem? Nur weil sie im Wedding wohnen dürfen sie doch für ihre Kinder ebenso das vermeintlich Bestmögliche wünschen und versuchen durchzusetzen! Wir haben das ähnlich gemacht. Bei der Wahl, ob integrierte Gesamtschule oder Gymnasium haben wir ganz nach Eigensinn entschieden. Das war sogar legal.
5. gescheiterte Schulen sofort schließen!
muttisbester 24.02.2016
ich bin für den Amerikanischen/britischen Ansatz: Wenn Schulen zweimal scheitern, also wenn sie nur Schulversager oder zu schlechte Schüler produzieren sollten sie geschlossen werden. Ohne wenn und aber! Klappt in England mittlerweile sehr gut. Da gibt es eine jährliche Tabelle, danach wird gehandelt. Lehrer/Direktoren/Schüler werden dann eben ausgewechselt. So ein Neustart hat ja auch bei der berüchtigten Rütlischule funktioniert. Und vielleicht sollte man eben auch Grundschüler mit Migrationshintergrund mit Zwangsmaßnahmen in die besseren Stadtteile zur Schule schicken. Kann ja nicht sein, dass nur "besseren" Eltern ihre Kinder umverteilen.
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