Heraufgesetzte Noten: Kultusministerium bestätigt Abi-Wunder von Coburg

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Bayerische Abi-Prüfung (Archiv): Nur die Note zählt

Einen Punkt mehr für alle: Der Rektor eines Coburger Gymnasiums hat alle Abi-Klausur-Noten im Fach Deutsch um einen Punkt hochgesetzt - das bestätigt jetzt das bayerische Kultusministerium. Der Lehrer muss nun erklären, warum er die Arbeiten nach oben korrigierte.

Wollte er, dass seine Schüler besonders gut abschneiden? Vertraut er den Einschätzungen seiner Lehrer nicht? Warum Burkhard Spachmann, Rektor des Gymnasiums Casimirianum im bayerischen Coburg, die Deutsch-Noten der diesjährigen Abiturienten verschönern wollte, ist unklar. Klar ist: Der Rektor hat alle Abi-Arbeiten im Fach Deutsch eigenhändig um einen Punkt nach oben korrigiert. Das bestätigte nun das bayerische Kultusministerium.

Das Kultusministerium hatte die Korrektur und Bewertung der Klausuren überprüfen lassen, nachdem kürzlich die Vorwürfe gegenüber Spachmann, selbst Deutschlehrer und Drittkorrektor, bekannt wurden. 30 Einser- und 24 Zweier-Abiturienten verließen in diesem Sommer das Casimirianum - eine ungewöhnlich hohe Zahl. Spachmann hatte sich dafür noch überschwänglich bei seinem Lehrerkollegium bedankt, die Lehrer hätten die Abiturienten "auf die Erfolgsspur gesetzt".

Jetzt hat das Kultusministerium bestätigt: "Der Direktor des Gymnasiums hatte in einem ersten Schritt - wie es die Schulordnung vorsieht - die Bewertung aller Abiturarbeiten durchgesehen. Der Direktor - selbst Deutschlehrer - hat dabei Mängel bei der Korrektur und dem Bewertungsmaßstab festgestellt." Daraufhin habe Spachmann alle 91 Arbeiten um einen Punkt geändert. "Dieses Verfahren ist schulrechtlich nicht vorgesehen", so das Kultusministerium. Der Rektor hätte bei einer Notenänderung den Beschluss der Lehrerkonferenz einholen müssen.

Rektor muss sich erklären

Der Ministerialbeauftragte, der die Prüfung durchgeführt hat, habe allerdings bestätigt, dass einige Arbeiten zuvor "im Wesentlichen zu hart beurteilt worden waren", sagte Ministeriumssprecher Ludwig Unger. Der Rektor habe daraufhin seine Notenänderungen auf den Prüfungsbögen deutlich gemacht. In keinem anderen Fach hat es laut Ministerium Veränderungen der Ergebnisse des Erst- und Zweitkorrektors gegeben.

Rektor Spachmann muss sich nun vor dem Kultusministerium erklären. "Er wird begründen müssen, warum er das gemacht hat", sagte Unger. Die Schüler hingegen haben Glück gehabt: Sie genießen für ihre Leistungen Vertrauensschutz, ihre im Abiturzeugnis ausgewiesenen Noten bleiben also unverändert.

Das Casiminiarum gehört zu jenen 100 Gymnasien, die Kultusminister Ludwig Spaenle auserkoren hat, den größten Makel des bayerischen Schulsystems zu beheben: den Mangel an Durchlässigkeit. Das Casimirianum nimmt auch Realschüler auf, und zwar in Ergänzungsklassen in der 10. Stufe.

Einige Bürger Coburgs sehen darin den Grund für Spachmanns Noten-Tuning: Ihm sei es gelungen, viele Realschüler an die Schule zu holen und zu integrieren. Allerdings kämpfe er schulintern mit ehrgeizigen Studienräten alten Schlages, die hohe gymnasiale Standards durchsetzen wollten - und extrem streng benoten. Andere hingegen bezeichnen den Schulleiter als arrogant und autoritär, der seine Schule stets als Musterschule verkaufen will.

lgr

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Erheblichkeit?
Stawi 18.07.2013
Wenn ich es richtig sehe, schlägt sich eine Änderung der Abiturnote eines Faches um einen Punkt mit maximal vier Punkten in der mehrere hundert Punkte umfassenden Abiturnote nieder. Dies allein kann doch nicht erklären, warum eine "ungewöhnlich hohe Zahl" von Einser- und Zweier-Abiturienten in diesem Jahrgang war?
2.
opinion13 18.07.2013
Jaja, die "ehrgeizigen Studienräte alten Schlages". Was die heute als hohe Standards einfordern, war vor 20 Jahren eine Drei minus. Und alt, ehrgeizig und noch Studienrat, das gibt's wirklich nicht. Es gibt in Bayern auch keine "10. Stufe", es gibt auch keine "Ergänzungsklassen". Und einen "Rektor" gibt es am Gymnasium auch nicht. Recherchegenauigkeit ungenügend! Trotzdem: 91 Arbeiten einfach pauschal hochkorrigieren, das darf in Bayern nur der Minister, wie letztes Jahr beim Abitur geschehen.
3. 1 Punkt = 4 Punkte...
Sollbruch 18.07.2013
Wenn ich mich an mein Abi richtig erinnere, werden Abi Klausuren mit 4 multipliziert. D.h. jeder Schüler erhält insg. 4 Punkte mehr. Das alleine führt sicher nicht zu diversen 1er und 2er Schnitten, weil die jeweiligen Notengrenzen schon weiter auseinanderliegen und dann ja diverse Schüler nah einer höheren Notengrenze hätten liegen müssen. Mich wundert viel mehr das pauschale Aufwerten, weil 1 Punkt auch nicht besonders viel ist, wenn man im "Wesentlichen zu hart beurteilt worden war"...
4. Einser in Deutsch
Beobachter123 18.07.2013
Bei uns war es zu Schulzeiten nahezu unmöglich in Deutsch einen Einser zu kekommen. Vielleicht wollte der Rektor den Notenschnitt fairerweise an die anderen Fächer angleichen.
5. Bin mal gespannt, wie lange es dauert,
elvis12 18.07.2013
bis irgendwelche Wähler von rot-grün die Schuld wieder bei Spaenle suchen. Das KM hat hier übrigens vorbildlich gehandelt und ist den Vorwürfen schnellstmöglich nachgegangen.
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