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Waldorf-Experiment im Problemviertel: Wie Henri in Fatins Klasse kam

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Wie kommt eine Schule in einem verrufenen Stadtteil an Kinder aus bildungsbeflissenen Familien? In der Regel gar nicht. Um das zu ändern, setzt Hamburg jetzt auf ein gewagtes pädagogisches Experiment.

Schulversuch in Hamburg: Wenn Waldorf auf Staatsschule trifft Fotos
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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Klitzekleine Kinder", ruft der siebenjährige Fatin, "können keinen Kirschkern knacken!" Die Kinder der Klasse 2a stehen im Kreis, in ihrer Mitte brennen vier Kerzen. Sie sprechen den Kirschkernreim und hüpfen im Takt. Erste Stunde in der Ganztagsschule Fährstraße in Hamburg-Wilhelmsburg.

Eine Dreiviertelstunde lang sitzen oder stehen die Kinder im Kreis. Sie singen, machen Bewegungs- und Ratespiele, zählen vorwärts und rückwärts, auf Türkisch und auf Deutsch, und sie frühstücken zusammen. So oder so ähnlich beginnt hier jeder Morgen.

Was danach kommt, ist für eine staatliche Schule noch ungewöhnlicher als ein derart ausführlicher Morgenkreis: Epochenunterricht. Er ist ein Kernstück der Waldorfpädagogik. Drei bis vier Wochen lang haben die Zweitklässler morgens Deutsch, dann drei bis vier Wochen Mathe, drei bis vier Wochen Formenzeichen, dann wieder Deutsch und so weiter.

An diesem Morgen geht's im Epochenunterricht um die Fabel vom Löwen und vom Mäuschen:

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Die Hamburger Grundschule ist bundesweit die erste komplett staatlich finanzierte Schule, in der Waldorfpädagogen und Regelschullehrer zusammen den Unterricht gestalten. Der Schulversuch läuft seit Sommer 2014.

Er hat ein Ziel: Eine Schule im sozial schwierigen Stadtteil Wilhelmsburg attraktiver zu machen für Kinder aus bildungsnahen Familien. Und er entstand aus einer Notlage: Die Fährstraße liegt mitten in dem, was gemeinhin als sozialer Brennpunkt gilt. In Wilhelmsburg sprechen drei Viertel aller Erstklässler zu Hause kein Deutsch. Beinahe jedes zweite Kind ist zumindest teilweise auf Sozialleistungen angewiesen.

Seit einiger Zeit ziehen jedoch auch mehr und mehr Familien ins Viertel, denen Bildung wichtig ist. Als eine Initiative vor fünf Jahren auch noch eine Waldorfschule gründen wollte, schritt die Schulbehörde ein. Waldorfschulen ziehen traditionell vor allem das Bildungsbürgertum an. Man fürchtete, dass die öffentliche Grundschule dann vollends zum Sammelbecken für Kinder aus bildungsfernen Familien verkommen könnte.

Die Behörde machte einen gewagten Vorschlag: Waldorfpädagogik könne doch in die staatliche Schule integriert werden.

Nach über drei Jahren noch kein fertiges Konzept

Das war im September 2012. Dreieinhalb Jahre später steht das Konzept immer noch nicht. Das Kollegium hatte zwar mehrheitlich für den Schulversuch gestimmt. Doch seither wird täglich um viele praktische Fragen gerungen: Wie lange sollen die Kinder im Morgenkreis zusammensitzen? Lernen sie auf Körnerkissen oder auf Stühlen? Lernen sie in der ersten Klasse nur Großbuchstaben, wie es an Waldorfschulen üblich ist?

Und: Sollen die Kinder in den ersten zwei Stunden von montags bis freitags immer denselben Lehrer haben? "Diesen Punkt halten wir für sehr wichtig", sagt Oliver Domzalski vom Verein Interkulturelle Waldorfpädagogik Wilhelmsburg. Eigentlich sei abgemacht gewesen, dass die ersten beiden Stunden durchgehend von einem Lehrer mit waldorfpädagogischen Kenntnissen gehalten würden. Doch das sei im Stundenplan nicht mehr vorgesehen.

Die Abmachung stehe im Kooperationsvertrag zwischen der Waldorf-Initiative, der Schule und der Schulbehörde auch gar nicht drin, entgegnet Schulleiter Jochen Grob. Der 50-Jährige hat seit Mai die Aufgabe, das Projekt voranzubringen.

Schulleiter Jochen Grob: "Didaktische Überzeugungen prallen aufeinander" Zur Großansicht
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Schulleiter Jochen Grob: "Didaktische Überzeugungen prallen aufeinander"

Selbst Grob sagt: "Didaktische Überzeugungen prallen hier durchaus aufeinander". Er muss sich auch mit der Frage auseinandersetzen: Wie hierarchisch soll Schule sein? Waldorfschulen haben keinen Direktor, sondern kollegiale Selbstverwaltung. Und manche Akteure fühlen sich von Grobs Entscheidungen übergangen, zum Beispiel wenn es um den Stundenplan für den Epochenunterricht geht.

Die Situation stört den Bund der Freien Waldorfschulen so sehr, dass der Dachverband nun Druck auf die Schule ausübt: "Wenn die anfänglichen Zusagen nicht umgesetzt werden, müssen wir uns überlegen, die Nutzungserlaubnis für den Begriff 'Waldorfpädagogik' zurückzuziehen", sagte Sprecher Henning Kullak-Ublick.

Für die Schule wäre das schlecht, denn die Werbung mit Waldorf funktioniert: Die Schülerzahl ist mit rund 270 wieder stabil, und inzwischen sind auch mehr Kinder aus Akademikerfamilien darunter, die fehlerfrei Deutsch sprechen - in den ersten Klassen etwa jeder vierte Schüler. Das ist deutlich mehr als noch vor drei Jahren.

"Nachts am Berge tanzen Zwerge"

Regine Göttlich und Sabine Meyer wollen nun zeigen, dass das Experiment den Schulalltag tatsächlich bereichern kann. Und dass Waldorfpädagogik nicht nur etwas für betuchte, bildungsbeflissene Eltern ist, die ihre Sprösslinge vor dem Leistungsdruck an Regelschulen bewahren wollen. Die Waldorfpädagogin und die Staatsschullehrerin gestalten gemeinsam den morgendlichen Unterricht in der 2a.

Regine Göttlich und Sabine Meyer (li.): "Die Dinge sollen sich gut anfühlen" Zur Großansicht
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Regine Göttlich und Sabine Meyer (li.): "Die Dinge sollen sich gut anfühlen"

Sie sagen, dass sie schon viel voneinander gelernt haben. "Es ist eine Erleichterung, nicht mehr alle Aufgaben selbst erfinden zu müssen", sagt Waldorfpädagogin Göttlich. Sie habe gelernt, mit vorgedruckten Arbeitsheften umzugehen. Ihre Kollegin Meyer fügt hinzu: "Ich weiß jetzt, wie man Kinder mit Reimen und anderen kleinen Tricks zur Ruhe bringt". Sie lächelt, tippt ihre Fingerspitzen aneinander und sagt: "Nachts am Berge tanzen Zwerge rasch im Nu. Tanzen schnelle, lachen helle, halten Ruh."

Deutschstunde: Fatin und Büsra, Eslem und Necip, Katarina und Henri sitzen auf roten Körnerkissen und malen Löwen in ihre Epochenhefte. Es sind Hefte mit leeren, weißen Seiten, die die Kreativität anregen sollen. Die Kinder malen mit Stiften und Quadern aus teurer Wachsfarbe, die sie danach in selbst genähte Stoffmäppchen zurückstecken.

"Das ist eher Waldorf: die Bilder, die ästhetischen Mäppchen, die hochwertigen Farben", sagt Lehrerin Göttlich. Hochwertig sollen die Arbeitsmaterialien sein, sich gut anfühlen, sagt sie. Doch eigentlich will Göttlich Waldorf und Regelschule nicht mehr auseinanderdividieren. "Wir wollen nicht in Schubladen denken", sagt auch ihre Kollegin Meyer. In der Fährstraße soll zählen: Was brauchen die Kinder? Ob das dann Waldorfpädagogik oder Staatsschulmethode sei, sei doch "schnuppe".

Nicht alle sind hier so entspannt, wenn es darum geht, wie viel Waldorf es denn sein darf. Aber in einem ist man sich einig: Das esoterische Weltbild von Rudolf Steiner, der die Waldorfpädagogik um 1920 entwickelte, darf im Unterricht keine Rolle spielen. "Wir sind eine staatliche Grundschule mit weltanschaulicher Neutralität und daher Anthroposophie-frei", sagt Schulleiter Grob.

Um auch die übrigen Punkte zu lösen, hat die Schule noch Zeit. Der Schulversuch läuft bis 2022.


Zusammengefasst:

An einer Hamburger Grundschule gestalten Staatsschullehrer und Waldorfpädagogen gemeinsam den Unterricht. Das Projekt soll mehr Kinder aus Akademikerfamilien an die Schule im sozial schwierigen Stadtteil Wilhelmsburg locken. Dieses Ziel scheint der bundesweit einmalige Schulversuch zu erreichen. Aber in der Praxis hakt es noch an vielen Stellen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 88 Beiträge
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1. Großartiges Projekt!
bretone 04.02.2016
Und ob des hehren Anspruchs würde wohl auch Steiner Beifall zollen. Hier kann das Bildungsministerium zeigen, ob es ihm ernst ist mit Integration ...
2. Toi toi toi
WwdW 04.02.2016
Alles Gute. Ich drücke die Daumen. Eine Kombination beider Ansichten wäre vermutlich nicht verkehrt. Und dann gibt es noch die herangehensweise bei Montesori. Von jedem das Beste mit nehmen und das Schechte aus den drei Konzepten landet endlich auf dem Müll.
3. Es
felisconcolor 04.02.2016
ist gut wenn etwas für die Bildung unserer Kinder getan wird. Es ist gruselig das sich ein wie auch immer gearteter Bildungskörper hier ein Spielfeld zur Selbstverwirklichung auf Kosten der Kinder sucht. Wenn alles in der Vergangenheit so schlecht war und meine Vergangenheit mit Schule liegt arg weit zurück (60iger - 70iger Jahre). Dann frage ich mich wie konnte damals soviel lernen. Und wieso haben wir heute ein Bildungsproblem? Ich denke das liegt weniger an den Kindern als an in Selbstverwirklichung schwelgenden Pseudopädagogen.
4.
Olaf 04.02.2016
Merkwürdig, dass es dem Staat alleine offensichtlich unmöglich ist eine gute Schule mit gutem Unterricht und guten Lehrer auf die Beine zu stellen. Möchte mal wissen was das alles kostet. Ist ja schon ein guter Ansatz, letztlich aber auch eine Bankrotterklärung unseres staatlichen Schulsystems.
5. Austausch zwischen sozialen Gruppen
2469 04.02.2016
ist gut und wichtig, aber Waldorfschule halte ich für den falschen Weg. Es ist notwendig, den Schülern wichtige Dinge mit auf den Weg zu geben, mit guten Lehrern und Methoden. In meinem Abitur-Jahrgang befürworteten sicher über 2/3 der Schüler klassischen lehrerzentrierten Unterricht. Aus Namen tanzen, Standbildern erstellen und Gruppenarbeit ist in meinen 12 Jahren Schulzeit nie Vernünftiges herausgekommen. Hört sich verstaubt an, aber ich sage das als junger und absolut nicht konservativer Mensch, und kenne sehr viele Gleichaltrige, die das genauso sehen. Bildung ist nunmal wichtig, wie man in diesen Tagen auf erschreckende Art sieht.
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