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Smartphone-Verbot auf Klassenfahrt: "12.000 Nachrichten auf meinem Handy - völlig verrückt"

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Max S., 14: "Normalerweise führe ich ein Tumblr-Blog, das habe ich während der Woche pausiert." Zur Großansicht
Fabienne Kinzelmann

Max S., 14: "Normalerweise führe ich ein Tumblr-Blog, das habe ich während der Woche pausiert."

Auf Klassenfahrt einen Gletscher besteigen und dann nicht mal ein Selfie posten - gibt es etwas Grausameres für Schüler? Schweizer Jugendliche haben den kollektiven Handyverzicht geprobt. Hier sind ihre Entzugserscheinungen.

Der letzte Blick von Schülern vor dem Einschlafen und der erste gleich nach dem Aufwachen fällt, na klar, aufs Handy. Und so geht es den ganzen Tag über weiter. Facebook, WhatsApp, Snapchat: Überall ist etwas los, ständig gibt es etwas zu besprechen, zu liken, zu lesen.

Die Schweizer Lehrerin Franziska Tanner versuchte es trotzdem: eine Klassenfahrt ohne Handys. Wie es dazu kam und ob das gutging, erzählt sie im Interview. Was die Schüler davon hielten, erzählen sie in der Bilderstrecke.

Zur Person
  • Franziska Tanner, Jahrgang 1985, ist Klassenlehrerin an der Sekundarschule in Dietlikon (Kanton Zürich). Gemeinsam mit der Klasse entwickelte sie die Idee zur "Challenge Week", bei der sich die Schüler einer besonderen Herausforderung stellen sollten: Freiwillig verzichteten die Schüler während der Klassenfahrt auf ihre Smartphones. Stattdessen ging es auf Wanderrouten und mit dem Fahrrad durch die Schweizer Berge.
SPIEGEL ONLINE: Eine Woche auf das Handy verzichten - wie kam es, dass Ihre Schüler der Idee zugestimmt haben?

Tanner: Wir wollten eine Projektwoche machen, bei der die Schüler Herausforderungen wahrnehmen. Ich habe den Schülern zunächst eine Schreibaufgabe gegeben: "Was ist für mich eine Herausforderung?" Viele haben geschrieben, dass sie nicht ohne Handy könnten oder Sport eine Herausforderung sein kann. Gemeinsam haben wir dann entschieden, in den Bergen zu wandern und Fahrrad zu fahren - und die Handys zu Hause zu lassen. Mir war wichtig, dass alle einverstanden sind.

SPIEGEL ONLINE: Und die Schüler fanden das gleich super?

Tanner: Nein, die hatten gewaltig Respekt! Es gab eine Phase, in der sie gefragt haben, ob das wirklich sein müsse. Die Schüler sollten aber auch lernen zu erkennen, wie sie selbst mit der Herausforderung umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Eltern der Schüler darauf reagiert?

Tanner: Sehr positiv. Viele von ihnen waren selbst noch nie auf einem Gletscher und empfanden deswegen vor allem den Sportteil als herausfordernd. Vielleicht waren sie auch ein bisschen besorgt, aber das Loslassen hat ganz gut geklappt.

HIER SIND DIE ERLEBNISBERICHTE DER SCHÜLER:

Noël B., 15 Jahre

"Ich benutze Facebook, Instagram und ein paar kleine Games, auf WhatsApp schreibe ich meist mit meinen Klassenkameraden – und die waren auf der Klassenfahrt ja alle dabei. Deswegen hatte ich auch nur so hundert Nachrichten, als ich das Handy wieder in Empfang nehmen durfte – die meisten davon waren von der Parallelklasse."

Zakareeya "Zacki" F., 15 Jahre

"Am Anfang dachte ich noch: Wie wird das wohl ausgehen? Aber dann lief es richtig super, wir haben viel persönlicher, offener und insgesamt auch mehr miteinander geredet. Auf meinem Smartphone schaue ich neben dem Chatten auch Videos auf YouTube oder nutze Facetime und Snapchat."

Chantal R., 15 Jahre

"Die sechsstündige Gletschertour war viel anstrengender, als die ganze Woche ohne Handy klarzukommen! Normalerweise verbringe ich zwei Stunden am Tag mit chatten, Snapchat und anderen sozialen Netzwerken. Nach der Klassenfahrt hatte ich vor allem Nachrichten zum Training und Saisonstart meiner Uni-Hockeymannschaft verpasst."

Leila D., 15 Jahre

"Ich fand die Woche sehr anstrengend, weil ich eher unsportlich bin. Mir hat aber gut gefallen, dass wir abends immer Spiele gespielt haben. Das hätten wir sicher nicht gemacht, wenn wir alle unsere Handys gehabt hätten. Trotzdem hatte ich ein bisschen Heimweh und habe dann mit meinen Eltern telefoniert."

Max S., 14 Jahre

"In den Sommerferien hatte ich morgens mal 12.000 Nachrichten auf meinem Handy, völlig verrückt! Ich musste damals mein Handy mehrmals neu starten. Die Klassenfahrt ohne Handy fand ich aber gar nicht so schlimm. Normalerweise führe ich auch ein Tumblr-Blog, auf dem ich Sprüche und Bilder poste. Das habe ich während der Woche pausiert."

Alexandra K., 14 Jahre

"Wenn ich von der Schule nach Hause komme, schaue ich normalerweise als erstes aufs Handy. Ich war unsicher, ob ich eine Woche ohne Smartphone schaffe – dann habe ich aber selbst gar nicht mehr daran gedacht! Ich habe völlig vergessen, dass ich kein Handy dabei hatte, weil wir überhaupt keine Zeit dafür hatten."

Sara B., 15 Jahre

"Eigentlich checke ich abends vor dem Schlafengehen immer noch mal Nachrichten. Während der Klassenfahrt habe ich das nicht vermisst, mir hat besonders das Fahrradfahren Spaß gemacht. Aber ich bin auch Leiterin bei den Pfadfindern, und da habe ich in der Woche alles verpasst, was wichtig ist. Ich hatte aber meine Kollegen informiert, dass ich nicht erreichbar bin."

Jason R., 15 Jahre

"Ich benutze mein Handy eher wenig und spiele lieber am Computer oder Playstation. Das hat mir auf der Tour gefehlt. Und dass ich News verpasst habe, wie zum Beispiel, dass der FC Zürich ein Spiel verloren hat."

Kaelah S., 15 Jahre

"Ich habe vor allem Musik vermisst. Normalerweise höre ich die immer mit dem Handy, unterwegs mit Kopfhörern und daheim bei den Hausaufgaben. Wir hatten keinen CD-Player dabei, weil da einfach niemand dran gedacht hat. Und einen MP3-Player besitze ich gar nicht."

Yannic M., 15 Jahre

"Ich chatte nur mit Leuten aus der Klasse, dann verabreden wir, wann wir Fußball spielen, shoppen oder in die Stadt gehen. Da wir aber zusammen unterwegs waren, hat mir das nicht gefehlt. Auf dem Handy von unserer Lehrerin habe ich mal meine Mails gecheckt und hatte eine Einladung zum Vorstellungsgespräch als Informatiker. Da habe ich schnell zurückgeschrieben und dann das Handy zurückgegeben."

SPIEGEL ONLINE: Hatten die Schüler überhaupt keinen Kontakt nach Hause?

Tanner: Doch, wir hatten das Schulhandy dabei, von dem aus manche abends ihre Eltern angerufen haben. Weil gerade Bewerbungsphase war und einige ihre Mails checken mussten, habe ich mein Smartphone noch zur Verfügung gestellt. Ich denke, das Experiment war wichtig für die Zufriedenheit: Die Erfahrung zu machen, dass man eben nicht allem nachrennen und sich ständig inszenieren muss.

SPIEGEL ONLINE: Hat das funktioniert?

Tanner: Die Schüler wirkten viel zufriedener, was bestimmt auch an der körperlichen Herausforderung lag. Und wir hatten wirklich nie Streitereien. Ich denke, übers Handy gibt es bei der Kommunikation oft viel mehr Missverständnisse. Zum Beispiel hatten die Schüler wohl eine Woche nach der Rückkehr über WhatsApp richtig Krach mit der Parallelklasse.

SPIEGEL ONLINE: Bewerten die Schüler die Woche auch so positiv?

Tanner: Ja, in der Rückmeldung haben viele gesagt, wie schön sie es fanden, dass abends immer Kartenspiele gespielt wurden. Im Alltag wäre der Handyverzicht aber natürlich viel schwieriger durchzuziehen. Das war ja wirklich eine Ausnahmesituation: Auf einer Hütte hatten wir nicht mal warmes Wasser.

SPIEGEL ONLINE: Und was bleibt von der Woche?

Tanner: Ich wollte den Schülern zeigen, dass sie das schaffen können. Wenn die Jugendlichen am Ende ihrer Schulzeit keine Angst mehr vor Herausforderungen haben, dann haben wir alles richtig gemacht.

  • Corbis
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insgesamt 105 Beiträge
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1. Umgang mit diesen Medien im Betrieb
archi47 29.10.2015
Schon vor 10 Jahren haben wir den privaten Gebrauch dieser Medien im Betrieb untersagt. Am Anfang haben wir es hingenommen. Bis dann immer mehr Fehlleistungen durch Schusseligkeiten die Qualität unserer Arbeit beschädigte. Manche Mitarbeiter konnten während der Chefbesprechung es nicht über sich bringen, den Handyanruf nicht entgegenzunehmen. Also hörte ich: "Entschuldigung, da ist meine Freundin. Ich muß mal schnell ... " - und dann stand ich daneben und wartete bis das vorbei war. Solange die Arbeitsergenisse paßten habe ich das noch hingenommen. Als es gerade bei den derart "Abhängigen" zu ernsten Fehlern kam, kam auch das Handyverbot. Wir benutzen unsere Mailaccounts nur betrieblich. Ich selbst halt mich von "sozialen" Netzwerken fern, bis auf Xing als Ausnahme - und bin gut damit gefahren. Nach einer Woche Urlaub befindet sich auf meinem Betriebsmailaccount trotzdem ca. ein halbes Tausend Schrottmails. Der Spamfilter reduziert zwar, aber die Spamer finden immer wieder neue Absender und Müllsysteme ... Ich kann mir nicht vorstellen, daß es noch zu nennenswerten Arbeitsleistungen oder einem angemessenen Sozialverhalten kommen kann, wenn man sich diesen Medien unterwirft.
2. und wo
schneemann3 29.10.2015
kommen jetzt die 12.000 Nachrichten her, die nur reisserisch im Titel auftauchen?
3. Sehr gut!
Gerdd 29.10.2015
(aber wo die Zahl 12000 herkam, wüßte ich auch gerne.) Zitat: "Ich wollte den Schülern zeigen, dass sie das schaffen können. Wenn die Jugendlichen am Ende ihrer Schulzeit keine Angst mehr vor Herausforderungen haben, dann haben wir alles richtig gemacht." EIn ausgezeichnetes Fazit. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, daß man das auch mit Erwachsenen machen kann, die diese Erfahrung in ihrer Jugend verpaßt haben. Für den Anfang stelle ich mir die bayrische Staatskanzlei vor - dann versteht man dort auch das Motto "Wir schaffen das." - und als kleiner positiver Nebeneffekt wäre da eine Woche ohne Radau aus der Richtung ...
4.
_gimli_ 29.10.2015
Zitat von archi47Schon vor 10 Jahren haben wir den privaten Gebrauch dieser Medien im Betrieb untersagt. Am Anfang haben wir es hingenommen. Bis dann immer mehr Fehlleistungen durch Schusseligkeiten die Qualität unserer Arbeit beschädigte. Manche Mitarbeiter konnten während der Chefbesprechung es nicht über sich bringen, den Handyanruf nicht entgegenzunehmen. Also hörte ich: "Entschuldigung, da ist meine Freundin. Ich muß mal schnell ... " - und dann stand ich daneben und wartete bis das vorbei war. Solange die Arbeitsergenisse paßten habe ich das noch hingenommen. Als es gerade bei den derart "Abhängigen" zu ernsten Fehlern kam, kam auch das Handyverbot. Wir benutzen unsere Mailaccounts nur betrieblich. Ich selbst halt mich von "sozialen" Netzwerken fern, bis auf Xing als Ausnahme - und bin gut damit gefahren. Nach einer Woche Urlaub befindet sich auf meinem Betriebsmailaccount trotzdem ca. ein halbes Tausend Schrottmails. Der Spamfilter reduziert zwar, aber die Spamer finden immer wieder neue Absender und Müllsysteme ... Ich kann mir nicht vorstellen, daß es noch zu nennenswerten Arbeitsleistungen oder einem angemessenen Sozialverhalten kommen kann, wenn man sich diesen Medien unterwirft.
Lassen Sie mich raten: Ihre Firma gehört zu denjenigen, die sich über Nachwuchsmangel beschwert. Und Homeoffice ist auch eine ganz üble Sache. Ohne Frage muss die Nutzung von Medien zu privaten Zwecken während der Arbeit von allen Beteiligten mit Augenmaß stattfinden. Aber wer das Kind mit dem Bade ausschüttelt, hat etwas Grundsätzliches nicht begriffen, wo der Trend hingeht. Meine Firma (Großkonzern) toleriert Anwendungen wie WhatsApp zu privaten Zwecken auf dem Firmenhandy, erlaubt explizit die gelegentliche Nutzung des Internets zu privaten Zwecken und betreibt ein internes Social Network. Der Kontakt zu Kunden und Partnern wird u.a. über Facebook und Youtube gehalten. Und die Leute werden angehalten, 1-2 Tage pro Woche Homeoffice zu machen (Stichwort: Flexible Office-Konzept) So klappt's auch mit dem Nachwuchs. Und das funktioniert in der Praxis, wenn man die richtigen Leute einstellt. Grüße aus dem Mittleren Management
5. Gut und schlecht
hektor2 29.10.2015
Gut finde ich die Aktion der Klasse! Habt Ihr gut gemacht und wahrscheinlich noch mehr über einander gelernt. ;-) Schlecht ist die Überschrift mit den 12000 Nachrichten. Mal kurz runterrechnen: Bei 7 Tagen wären das pro Stunde 71,43 Nachrichten. Kann ich mir nicht vorstellen.
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