Iglu-Ländervergleich: Fast jeder zweite Grundschüler erhält falsche Schulempfehlung

Von Marion Schmidt

Neue Ergebnisse aus der Grundschulstudie Iglu zeigen: Über ein Drittel der Viertklässler scheitert an einfachen Texten, allerorten prägt Ungerechtigkeit das deutsche Schulsystem. Die Lehrer sieben oft falsch aus, Kinder betuchter Eltern landen auch mit mäßigen Noten leichter auf dem Gymnasium.

Lesende Kinder: Na also, geht doch - und das sogar auf Englisch
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Lesende Kinder: Na also, geht doch - und das sogar auf Englisch

Ganz schön kokett und selbstironisch sind sie: "Wir können alles. Außer Hochdeutsch", behaupten die Baden-Württemberger in einer Werbekampagne. Von wegen, zumindest in der Grundschule sprechen und verstehen die kleinen Schwaben und Badenser die deutsche Sprache offenbar richtig gut. Baden-Württemberg hat nämlich die Nase vorn bei der neuen Auswertung der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu), die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Auch andere Bundesländer, die sonst eher für ihren starken Akzent belächelt werden, punkten bei der Studie: Bayern und Hessen schneiden fast ebenso gut ab. Nordrhein-Westfalen landet im Mittelfeld, Schlusslicht sind Brandenburg und Bremen. Die Thüringer Ergebnisse wurden nicht in die Studie aufgenommen, die übrigen Bundesländer hatten sich gar nicht erst am Ländervergleich beteiligt.

Bildungsforscher Bos: "Soziale Auslese ist ein Riesenproblem"
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Bildungsforscher Bos: "Soziale Auslese ist ein Riesenproblem"

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind gravierend: Schüler in Bremen etwa hinken denen in Baden-Württemberg um ein ganzes Schuljahr hinterher. Immerhin liege Deutschland beim internationalen Vergleich unter 35 Staaten "bei den Grundschulen im oberen Leistungsdrittel", sagt der Iglu-Forschungsleiter Wilfried Bos - was die deutschen Bildungspolitiker mit einem unüberhörbaren Aufatmen quittiert hatten, nachdem sie unter den blamablen Pisa-Ergebnissen leiden mussten.

Die recht guten Ergebnisse können gleichwohl nicht hinwegtäuschen über den hohen Anteil der deutschen Schüler, die auch am Ende der vierten Klasse noch nicht richtig lesen und schreiben können. Bei 38 Prozent reicht die Lesefähigkeit nicht, um den Sinn kurzer Texte zu erschließen. Und jeder zehnte ist sogar nahezu Analphabet und kann allenfalls gesuchte Wörter in einem Texte erkennen, aber nicht wirklich lesen.

Die Gelenkstelle quietscht gewaltig

In diese "Risikogruppe" fallen vor allem Kinder aus Migrantenfamilien und aus sozial schwachen Familien. Sie sind es auch, die bei den Übergangsempfehlungen am Ende der vierten Klasse benachteiligt werden. "Die Tochter der türkischen Putzfrau hat es trotz guter Leistungen deutlich schwerer, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten als der Sohn des Chefarztes, der nur mittlere Schulleistungen bringt", sagte der Erziehungswissenschaftler Bos in Berlin.

Iglu-Vergleich international: Deutschland auf Rang 11
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Insgesamt erhalte fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler nach der vierten Klasse falsche Schulempfehlungen, was Wilfried Bos als "bildungspolitischen Skandal" wertet. Beim Übergang zu weiterführenden Schulen finde eine "soziale Auslese" statt: "Das ist ein Riesenproblem. Schule ist genau dafür da, diese Defizite auszugleichen."

Nach Auffassung von Bos funktioniert die "Gelenkstelle Übergangsempfehlung" viel zu schlecht. Ein Grund sei die "Zensurenungerechtigkeit". Schulnoten seien nur bedingt vergleichbar, eine Note 3 in einem sozialen Brennpunkt anders zu bewerten als in einem "Nobelviertel".

"Unverantwortlich" nennt Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn die Schwächen der Schulempfehlungen, "wir verbauen Kindern damit die Chance auf ihre Zukunft". Eva-Maria Stange, Chefin der Bildungsgewerkschaft GEW, sprach von einer "Farce". Die frühe Auslese verschärfe die soziale Ungerechtigkeit durch das Bildungssystem.

Iglu-Studie: Alarmierende Quote von "Risikokindern"

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"Iglu zeigt, dass die Probleme an den Schulen erst nach Klasse vier mit der Aufteilung der Kinder in Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten richtig massiv werden. Unser Auslesesystem ist international ein Auslaufmodell: Wir müssen künftig auf eine Schule für alle Kinder setzen", fordert Stange.

Eine längere gemeinsame Grundschulzeit wurde von der GEW, Teilen der Grünen und der PDS, aber auch von renommierten Erziehungswissenschaftlern wie Jürgen Oelkers von der Uni Zürich immer wieder in die Diskussion gebracht. Ob sie wirklich das Problem lösen könnte, ist fraglich. Bildungsforscher Bos meint, dass dadurch ein ungerechtes System nur "ein wenig ungerechter" gemacht werden könne.

Schlusslicht Bremen: Armer Willi

Niedersachsen hat die in den siebziger Jahren eingeführte "Orientierungsstufe" für die Klassen 5 und 6 gerade abgeschafft; Bremen hatte lange Zeit eine sechsjährige Grundschule, die jedoch kürzlich wieder auf vier Jahre reduziert wurde. Bremen ist aber auch das Bundesland mit den schwächsten Schülern. Nach den neuen IGLU-Ergebnissen verfügt hier ein Fünftel der getesteten Schüler nur über einfachste Lesekenntnisse, doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt.

Pisa-Rangliste: Deutschland weit schlechter
DER SPIEGEL

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Der Stadtstaat hatte bereits beim Pisa-Ländervergleich den letzten Platz belegt und wird bei Iglu erneut abgewatscht. "Äußerst deprimierend" findet das Bremens Bildungssenator Willi Lemke (SPD), der nun externe Expertengruppen in die Schulen schicken will. Eva-Maria Stange von der GEW mahnte, es reiche aber nicht, "nach besserem Unterricht zu rufen und ein paar Computer in die Schulen zu stellen". In der Bildungs- und Sozialpolitik der Hansestadt laufe offenbar grundlegend etwas falsch. "Da ist ein Kurswechsel nötig."

Vielleicht sollten sich die Hanseaten ebenfalls einen stärkeren Dialekt zulegen. In Baden-Württemberg, Bayern und Hessen scheint das zu helfen.


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