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Minister contra Schulkritik: Bitte das Zeugnis nicht rauchen! 

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Sonderbare Protestaktion: Zeugnis auf Lunge? Fotos

Eine sonderbare Anti-Schul-Kampagne ruft zum Anzünden und Inhalieren von Schulzeugnissen auf. Jetzt hat der Kultusminister Mecklenburg-Vorpommerns auf die Initiative reagiert. Sein Haus empfiehlt: Bitte rauche dein Zeugnis nicht!

Viele Schüler fürchten zwei Termine pro Schuljahr: die Tage der Zeugnisvergabe, wenn die Lehrer wieder Papiere austeilen, auf denen schulischer Erfolg und Mitarbeit in Zahlen bewertet und dokumentiert werden. Das Problem: Schlechte Noten machen schlechte Laune. Sie können die Versetzung gefährden, und sie kommen bei Eltern nicht gut an.

Einen radikalen Ausweg will nun eine Berliner Initiative bieten, die sich Leonidas-Net-Stiftung nennt und die mit unschulbar.net eine Kampagnenseite ins Netz gestellt hat. Die empfiehlt gegen Zeugnisstress und Leistungsdruck: Raucht das Zeugnis doch einfach auf!

Unter dem Motto "Du bist nicht deine Schulnoten" rufen die Initiatoren Schüler dazu auf, ihre Zeugnisse aufzurollen, anzustecken und in Rauch aufgehen zu lassen. Dann sollen die Schüler ihren Eltern und Lehrern ein Zeugnis ausstellen und Noten für Aufmerksamkeit, Ermutigung und Fairness vergeben.

Minister Brodkorb kritisiert "Verachtung und Geringschätzung"

Was nach einem antiautoritären Witz klingt, hat einen halbernsten Anstrich: Mit einem Bus will die Initiative im März durch Deutschland fahren, bei 16 Kundgebungen in allen Bundesländern Flyer verteilen und zum Schulzeugnisse anzünden animieren. Die Auftaktveranstaltung in Berlin soll am 21. März steigen und ist bei den Behörden angemeldet.

Ernst nimmt man die Sache offenbar im Kultusministerium von Mecklenburg-Vorpommern, denn Ende März soll die Rauchtour auch in Rostock Halt machen. Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) warnt deshalb die Eltern im Nordosten vor möglichem Familienkrach. Die Eltern sollten vor der Zeugnisausgabe vorsorglich mit ihren Kindern über die geplante Aktion sprechen, um "diesen Unsinn zu verhindern", schrieb Brodkorb in einer Pressemitteilung. An dem Aufruf sei "bemerkenswert, mit welcher Verachtung und Geringschätzung die Initiatoren agieren". Lehrer und Eltern würden gleichermaßen beschimpft, kritisiert der Minister.

Hinter der satirisch anmutenden Aktion steckt wohl ein besorgter Berliner Vater, der sich George Papa nennt. Am Telefon sagt er, das jüngste seiner vier Kinder komme bald in die Schule, und er mache sich deshalb Sorgen um das Wohl des Sohnes. Seine Kampagne lehnt die Schule in einem Begründungsschreiben pauschal ab: Sie sei nur dazu da, "funktionierende Arbeiter und Angestellte" heranzuziehen, junge Leute würden zu Opfern einer "ausbeuterischen, egozentrischen, geldsüchtigen und gierigen Gesellschaft".

Mit unschulbar.net wolle er darauf aufmerksam machen, dass das Schulsystem inadäquat und weltfern sei. Schüler, die den schulischen Anforderungen nicht entsprechen, würden als Verlierer abgestempelt. Daher rate man zum Zeugnisse anzünden und zum Schulabbruch - denn Abbrecher seien oft sehr schlaue und leidenschaftliche, begabte Menschen.

Unter der teils wirren bis aggressiven Generalabrechnung mit Bildungspolitik, Eltern und Schulsystem hätten viele positive Kommentare von Schülern gestanden, versichert der Initiator. Wegen zu vieler Beschimpfungen habe er die Kommentare allerdings abschalten müssen. Wie weit der Aufruf, Zeugnisse aufzurauchen trägt, wird sich Ende März zeigen. Für Berlin hat Papa selbstbewusst 1000 Teilnehmer vor dem Brandenburger Tor angemeldet.

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Nur gerecht
rumtreiber35 22.01.2014
Ich finde diese Aktion, gerade in dieser durchaus provokanten Weise, doch ganz gut. Im Prinzip und wenn man das aussprechen würde was man denkt, ist das doch wahr. Ich als Schüler kanns eigentlich nur bestätigen was darin steht. Das Heranzüchten einer Funktionselite steht hier doch ganz im Vordergrund. Man sieht es schon daran, dass Leute die anscheinend wirklich gar kein Hirn (im Bezug auf wirkliche Bildung bzw. Allgemeinbildung), keine wirklichen Talente, keine Führungsqualitäten und auch keine Kreativität haben, das "Abitur" mal eben bekommen. Das hat doch nix mit unserer vermeintlichen Bildungselite zu tun, die wir da darstellen sollen...Wenn ich denke das manche dieser sogenannten Abiturienten nach ihrem Studium oder ihrer Ausbildung Führungspostionen in Wirtschaft und Staat übernehmen sollen, wird mir schlecht
2. Wirre Argumentation?
Bubonicus 22.01.2014
Zum Text auf der Homepage der Aktion unter "Warum?" kann ich nur sagen: Amen!
3. Die Karriere der Prominenten der Fotostrecke
cottagermanicus 22.01.2014
sagt alles aus über ihren schulischen Erfolg. Sie haben weder während der Schulzeit gearbeitet noch danach ihren Lebensunterhalt mit einer ernst zunehmenden Arbeit verdient. Möglicherweise gehört Papa Georg auch zu dieser Klasse.
4.
1234.5 22.01.2014
Wer Schule so verteufelt sollte mal über eine Welt ohne Schule und Leistungsdruck nachdenken. Ich hätte jedenfalls nie so viel gelernt und viele Personen in der Geschichte sicherlich auch nicht. Viele Erfindungen wären nicht gemacht worden, weil deren Erfinder sicherlich nie mit der Materie in berührung gekommen wären. Also wäre der Gründer bereit auf die Annehmlichkeiten der Neuzeit zu verzichten?
5.
istnurmeinemeinung 22.01.2014
Also ich habe die Schule auch mal abgebrochen, inklusive so unschöner Konsequenzen wie Ordnungsgeld gegen meine Eltern, etc. Ein paar Jahre später bin ich also zur VHS gegangen und habe meinen Abschluss nachgeholt. Meine Intelligenz ist überdurchschnittlich, mein Querdenkerfaktor ebenfalls. Da ich aber kein Bock hatte, aus meinen Fähigkeiten eigenverantwortlich Kapital zu schlagen, also eine eigene Firma gründen, ständig Entscheidungen treffen usw., brauchte ich dann doch einen Schulabschluss. So war es viel einfacher einen Arbeitgeber zu finden, der mir all die lästigen Verantwortlichkeiten abnimmt und mir sagt was erledigt werden soll. Hätte ich als jugendlicher das direkt erledigt, hätte ich mir später den Stress an der Abendschule nach der Arbeit sparen können. Ein Zeugnis zu haben, hindert einen übrigends nicht an der freien Entfaltung aller persönlichen Ideen und Wertvorstellungen. Aber kein Zeugnis zu haben, kann einen wirklich einschränken.
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