Inklusion: "Es gibt kein Kind, das nicht integriert werden könnte"

Deutschland ist Europas Schlusslicht in Sachen Inklusion. Auch an der St.-Konrad-Schule in Neuss weiß man, dass die Integration behinderter Schüler an Regelschulen Arbeit macht und Geld kostet. Aber auch, wie sie funktioniert - und alle davon profitieren. 

Inklusion: Mega-Aufgabe für Deutschlands Schulen Fotos
DPA

Zwei plus acht? Unlösbar, findet Mick. Seine Tischnachbarin Anna hadert mit dem Buchstaben M. Beide Erstklässler sind lernbehindert - und gehen doch in eine Regelschule. Ihr Arbeitsblatt sieht aber anders aus als das der Mitschüler. In der 2c nebenan lernt die geistig und körperlich behinderte Nikola gemeinsam mit nichtbehinderten Klassenkameraden. Inklusion nennt sich das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. Seit 2009 die Uno-Behindertenrechtskonvention in Kraft trat, müssen deutsche Schulen sie anbieten, wenn Eltern es wünschen. Aber kann das überhaupt funktionieren? Ja, sagen die Schulen, die es praktizieren - bisher sind es noch wenige.

Die St.-Konrad-Schule im nordrhein-westfälischen Neuss gehört zu den Schulen, die sich der Aufgabe stellen. In acht von zwölf Klassen wird "inklusiv" gearbeitet. Einfach ist das nicht. Das Unterrichtskonzept müsse die unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder berücksichtigen, sagt Schulleiter Winfried Godde. "Die Lehrer gehen ihren Unterricht anders an, planen ihn gemeinsam mit einem Sonderpädagogen." Godde beobachtet, dass beide, behinderte und nichtbehinderte Kinder, von dem Konzept profitieren: "Die behinderten Kinder lernen von den anderen. Sie imitieren, sind motiviert und strengen sich mehr an. Es gibt hier mehr Impulse für diese Kinder als in Einrichtungen, wo alle stark lernbehindert oder geistig behindert sind". Und auch die "Regelkinder" hätten deutliche Vorteile. "Sie erwerben zusätzlich soziale Kompetenzen," sagt der Schulleiter.

Noch bekommt Deutschland schlechte Noten bei der Pflichtaufgabe Inklusion: Nur 20 Prozent von bundesweit 485.000 Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen an einer Regelschule, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung vom September 2011 zeigt. International sind es 85 Prozent. "Bei der Inklusion sind wir erst am Anfang in Deutschland - und Schlusslicht in Europa", kritisiert Adolf Bauer, Präsident des Sozialverbands Deutschland (SoVD). "Die Bereitschaft, für behinderte Kinder wirklich etwas zu tun, ist leider gering."

Die Bundesländer sind laut SoVD unterschiedlich weit: Während gerade Bildungsschlusslicht Bremen voranprescht und auch Schleswig-Holstein vorne liegt, haben Niedersachsen und Hessen großen Nachholbedarf, NRW liegt mit 15 Prozent unter der durchschnittlichen Quote. "Es ist ärgerlich, dass der Bund nicht den Weg weist. Wir nehmen behinderten Kindern die Chance auf eine optimale Förderung und Ausbildung. Wir gliedern sie aus", sagt Bauer. Allerdings haben Studien zufolge viele Eltern Vorbehalte gegen den gemeinsamen Unterricht - vor allem, wenn es um geistig behinderte oder verhaltensauffällige Kinder geht. Bauer meint, in manchen Fällen - etwa bei autistischen Kindern - sei die Regelschule wohl überfordert. Aber insgesamt sei mehr Tempo nötig: "Der Inklusion wird nicht die nötige Priorität eingeräumt."

"Die Nikola ist nie allein"

Ähnlich sieht es auch Bildungsforscher Klaus Klemm von der Uni Duisburg-Essen. "In den Grundschulen sind wir zwar schon relativ weit fortgeschritten mit dem inklusiven Unterricht, aber dann kommt es bei den weiterführenden Schulen in allen Bundesländern zu einem Bruch", sagt Klemm. Zwei von drei Kindern würden dann die Erfahrung machen, dass sie doch nicht dazugehören und müssten an eine Spezialeinrichtung wechseln. Außerdem gebe es das große Problem, dass man die Inklusionsarbeit vor allem den Hauptschulen aufbürde.

Ein Grund für die schleppende Umsetzung der Uno-Konvention: Inklusion kostet Geld und macht Arbeit. "Der Unterricht muss gut organisiert sein, ist sehr intensiv, weil wir parallel verschiedene Lerninhalte haben", erklärt Lehrerin Gisela Stark. In Kernfächern wie Mathe oder Deutsch nimmt Sonderpädagoge Hans-Joachim Boos schwache Kinder aus allen drei ersten Klassen auch schon mal raus: "Wir arbeiten dann in kleiner Gruppe da weiter, wo die Schüler gerade stehen. Sonst sind die Kinder immer zusammen, das fördert und baut Berührungsängste ab."

Auch die Sorge mancher Eltern, ihre leistungsstarken Sprösslinge würden ausgebremst, ist nicht zu unterschätzen. Die Angst allerdings sei unbegründet, betont Stark. "Die Kinder schaffen den vorgesehenen Level." Boos ergänzt: "Und die Kinder mit besonderem Förderbedarf lernen hier schnell und mit viel Freude. Das Ziel ist aber nicht, dass sie am Ende das Gleiche schaffen." Schulleiter Godde ist überzeugt: "Es gibt kein Kind, das nicht integriert werden könnte, aber man muss den Schulen schon die Voraussetzungen geben." Dazu gehören Baumaßnahmen, Sonderpädagogen, Integrationshelfer. Eine solche Kraft hilft auch Rollstuhlfahrerin Nikola im Schulalltag - etwa beim Umziehen oder bei Toilettengängen.

"Nikola benötigt wegen ihrer Tetraspastik Hilfe beim Schreiben, Malen und Ausschneiden durch eine Schulbegleiterin. Sie macht gute Lernfortschritte und ist total beliebt in der Klasse", erzählt Sonderpädagogin Gabriele Sponheimer-Golüke. "Ohne Schulbegleitung und Sonderpädagogen wäre das für uns Lehrer aber nicht zu stemmen", sagt Klassenlehrerin Irmgard Schymura. Mitschülerin Vera geht Nikola derweil im Sachunterricht beim Gestalten eines Tierplakats zur Hand: "Wir helfen der Nikola auch manchmal. In der Pause dürfen wir sie schieben. Die Nikola ist nie allein."

Yuriko Wahl-Immel, dpa / seh

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1. "Es gibt kein Kind, das nicht integriert werden könnte"
krk62 12.02.2012
Doch, diese Kinder gibt es. Auch wenn es in der Öffentlichkeit nicht gerne wahrgenommen wird, muss man einfach einmal zu diesen pädagogischen Träumereien klar Stellung beziehen. Die zu inkludierenden (und nicht zu integrierenden) SchülerInnen sind nun mal nicht nur der Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen, der nette Schüler mit Down Syndrom oder die Schülerin im Rollstuhl, an der die ganze Klasse ihr Verhalten gegenüber Menschen mit Handicap erfahren kann. Es sind eben auch die Kinder mit dem Förderschwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung, die teilweise nicht nur ihren Mitschülern gegenüber hochaggressiv und destruktiv auftreten, sondern auch gegenüber dem Lehrpersonal. Ich würde gerne einmal den Experten wie Klemm und Preuss-Lausitz die Gelegenheit bieten, eine Woche an unserer Schule (ESE) den Unterricht mitzuerleben. Leider sitzen diese Herren aber im Elfenbeinturm ihrer Fakultäten und haben den Bezug zur Schulwirklichkeit schon lange verloren.
2. Das Sparmodell schadet den Kindern!
isses_so 12.02.2012
Zitat von sysopDPADeutschland ist Europas Schlusslicht in Sachen Inklusion. Auch an der St.-Konrad-Schule in Neuss weiß man, dass die Integration behinderter Schüler an Regelschulen Arbeit macht und Geld kostet. Aber auch, wie sie funktioniert - und alle davon profitieren. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,814458,00.html
Um es vorweg klarzustellen: Ich bin froh, dass behinderte Kinder endlich das Recht haben, in Regelschulen unterrichtet zu werden. Ich kenne die gesetzlichen Vorgaben in NRW. Ich kenne die Umsetzung in die Praxis aus eigener längjähriger Erfahrung (sonderpäd. Förderung von Kindern mit Lern- und Entwicklungsstörungen in 8 Regelschulen). Man sollte die Fakten sprechen lassen: In NRW sah und sieht es im gesetzlich geregelten "Gemeinsamen Unterricht" seit 1995 bisher so aus: Pro Kind im so genannten "GU" werden der Regelschule wöchentlich 2 Stunden (in Ausnahmefällen 3 Stunden) durch einen Sonderpädagogen zugewiesen. Es ist nicht vorgesehen, dass sich daran unter der neuen Bezeichnung "Inklusion" künftig etwas ändern wird, denn es dürfen keine Mehrkosten entstehen. In der Praxis bedeutet das: Von 20-24 Wochenstunden in der Grundschule bzw. 28-30 Wo.-Std. in der Sekundarstufe sind die behinderten Kinder fast die ganze Zeit OHNE sonderpädagogische Betreuung, es sei denn, mehrere Inklusionskinder sind in einer Klasse, dann addieren sich die Förderstunden pro Kind. Oft ist aber nur ein GU-Kind in einer Klasse. Im Krankheitsfall ist keine Vertretung für die Sonderpädagogen vorgesehen. Zum Vertretungsunterricht für ausgefallene Regelschullehrer werden Sonderpädagogen ebenfalls herangezogen. Das ist zwar inoffiziell, wird aber in der Praxis oft so gehandhabt. Dies bedeutet für ein behindertes Kind zeitweilig einen Totalausfall der sonderpädagogischen Förderung. Die Regelschullehrer stehen in den meisten Fällen völlig unvorbereitet dem Umgang und dem Unterricht mit behinderten Kindern gegenüber, da ihr Studium keine verpflichtende, umfassende Vorbereitung dafür vorsieht. Ein nicht dafür ausgebildeter Lehrer kann daher nicht wissen, welche behindertenspezifischen Anforderungen er an ein Kind richten kann, ohne es zu über- oder zu unterfordern. Er kann auch nicht ständig neben dem Kind sitzen und ihm Hilfestellung leisten, wenn der Sonderpädagoge nicht da ist, denn die Mehrzahl von Kindern mit Lern- und Entwicklungsstörungen und erst recht Kinder mit geistiger Behinderung sind oft laut und unruhig und können nur selten selbständig und konzentriert arbeiten. Die Eltern der behinderten Kinder sollten sich von den Politikern keinen Sand in die Augen streuen lassen, denn eine intensive Förderung für ihr Kind werden sie bei diesem Sparmodell derzeit nur in seltenen Fällen in einer Regelschule finden.
3.
Peace123 12.02.2012
Zitat von krk62Doch, diese Kinder gibt es. Auch wenn es in der Öffentlichkeit nicht gerne wahrgenommen wird, muss man einfach einmal zu diesen pädagogischen Träumereien klar Stellung beziehen. Die zu inkludierenden (und nicht zu integrierenden) SchülerInnen sind nun mal nicht nur der Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen, der nette Schüler mit Down Syndrom oder die Schülerin im Rollstuhl, an der die ganze Klasse ihr Verhalten gegenüber Menschen mit Handicap erfahren kann. Es sind eben auch die Kinder mit dem Förderschwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung, die teilweise nicht nur ihren Mitschülern gegenüber hochaggressiv und destruktiv auftreten, sondern auch gegenüber dem Lehrpersonal. Ich würde gerne einmal den Experten wie Klemm und Preuss-Lausitz die Gelegenheit bieten, eine Woche an unserer Schule (ESE) den Unterricht mitzuerleben. Leider sitzen diese Herren aber im Elfenbeinturm ihrer Fakultäten und haben den Bezug zur Schulwirklichkeit schon lange verloren.
Und was würden Sie Ihrer Meinung nach mit den hochaggressiv, destruktiv und nicht integriebaren Schülern machen wollen? Weiterhin aus der Gesellschaft ausgrenzen? Vielleicht in Sonderschulen stecken? Das ist doch überhaupt erst der Grund für Ihr Verhalten. Vielen Schüler mit Problemen fühlen sich ausgegrenzt. Chancenlos. Das führt oft zu destruktivem Verhalten. Dann hoffe ich nur, dass Sie diese Kinder nicht unterrichten. Sonst haben Sie wirklich nie eine richtige Chance gehabt.
4. Probleme
Forumkommentatorin 12.02.2012
Zitat von Peace123Und was würden Sie Ihrer Meinung nach mit den hochaggressiv, destruktiv und nicht integriebaren Schülern machen wollen? Weiterhin aus der Gesellschaft ausgrenzen? Vielleicht in Sonderschulen stecken? Das ist doch überhaupt erst der Grund für Ihr Verhalten. Vielen Schüler mit Problemen fühlen sich ausgegrenzt. Chancenlos. Das führt oft zu destruktivem Verhalten. Dann hoffe ich nur, dass Sie diese Kinder nicht unterrichten. Sonst haben Sie wirklich nie eine richtige Chance gehabt.
Kinder mit geistigen Behinderungen und Kinder mit Verhaltensproblemen werden nicht von der Gesellschaft ausgegrenzt, wenn ihnen ein besonderer Förderbedarf attestiert wird und sie für viel Geld sonderpädagogisch gefördert werden. Oben genannte Kinder werden vernachlässigt, wenn sie einfach so in normale Schulklassen gesteckt werden und dort, spätestens ab der Pubertät immer wieder ihre Defizite im Vergleich zu den anderen spüren müssen. Dann fangen sie noch mehr an zu stören. Sie können nicht mithalten, bei dem was in Englisch, Deutsch, Mathematik, Physik usw. gefordert wird. Also fangen sie an, sich einen anderen Weg der Anerkennung zu suchen. Sie stören und behindern die Mitschüler. Die Inklusion ist ein Sparmodell auf Kosten der Kinder mit Förderbedarf und auf Kosten der Kinder, die Lernen möchten.
5.
Neurovore 12.02.2012
---Zitat von Schulleiter Godde--- Inklusion : "Es gibt kein Kind, das nicht integriert werden könnte, aber man muss den Schulen schon die Voraussetzungen geben." ---Zitatende--- "Es gibt keinen Menschen, den man nicht auf den Mond befördern kann, aber man muß dafür schon ein wenig Geld in die Hand nehmen." ist von ähnlicher Aussagekraft, wenn es um Bildungspolitik geht. Das weder das Interesse noch der Wille besteht, Schulen angemessen personell und finanziell auszustatten, sieht man doch am Thema Schulsozialarbeiter/-psychologe.
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Fakten zu Förderschulen
Die Schüler
In Deutschland hat nach Angaben der Bertelsmann Stiftung derzeit nahezu eine halbe Million Schüler einen diagnostizierten, sonderpädagogischen Förderbedarf. Davon besuchen über 400.000 Schüler spezielle, eigens auf ihren Förderbedarf zugeschnittene Förderschulen. Weitere 85.000 Schüler lernen mit Gleichaltrigen an allgemeinen Schulen im gemeinsamen Unterricht.
Die Bundesländer
Zwischen den Bundesländern gibt es starke Unterschiede. In Rheinland-Pfalz besuchen 4,4 Prozent aller vollzeitschulpflichtigen Schüler eine Förderschule, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 10,9 Prozent, also mehr als doppelt so viele. Ein anderer Blick auf die Unterschiede: Von den Schülern mit festgestelltem Förderbedarf besuchten in Bremen schon vor der Einrichtung der Inklusionsklassen 45 Prozent allgemeine Schulen, in Niedersachsen jedoch nur fünf Prozent.
Die Ausgaben
Für Förderschulen entstehen laut Bertelsmann Stiftung bundesweit jährlich 2,6 Milliarden Euro zusätzliche Ausgaben, nämlich für zusätzliche Lehrkräfte. Davon entfallen rund 800 Millionen Euro auf die 180.000 Schüler mit Förderschwerpunkt Lernen; die übrigen 1,8 Milliarden Euro fließen in die Förderung von 221.000 Schülern mit anderen Förderschwerpunkten.
Die Uno-Konvention
Deutschland gehört zu den Vertragsstaaten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die seit 1. Januar 2009 rechtskräftig ist. Artikel 24 fordert für behinderte Menschen in der deutschen Übersetzung "ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen". In der englischen und rechtlich entscheidenden Fassung wird allerdings ein "inclusive education system" gefordert - die deutschen Bürokraten operierten das Wort "inklusiv" bei der Übersetzung heraus.

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