SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Januar 2013, 11:39 Uhr

Integration behinderter Kinder

"Alle sind überfordert"

Von

Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam lernen dürfen, doch Deutschland kommt bei der Inklusion nur langsam voran. In diesem Jahr soll jetzt alles besser werden, versprechen die Kultusminister. Theoretisch finden das alle gut, praktisch sind vor allem die Lehrer völlig überfordert.

An Lehrern haftet das Vorurteil, sie würden gern meckern. Über ihre Arbeitszeiten, die Schüler und jede Art von Reform. Positiv formuliert: Pädagogen scheuen keine kritischen und offenen Worte. Umso erstaunlicher, dass derzeit ein Thema für Ärger sorgt, über das kaum ein Lehrer öffentlich sprechen will - aus Angst.

Es geht um die Integration behinderter Kinder. Seit 2009 gilt in Deutschland die Uno-Konvention für Behindertenrechte. Kein Kind soll wegen körperlicher oder geistiger Handicaps von einer Regelschule ausgeschlossen werden, steht darin. Vielmehr sollen alle Schüler gemeinsam lernen, sich helfen und fördern.

Ungefähr eine halbe Million Kinder und Jugendliche in Deutschland sind behindert, nur 22 Prozent von ihnen besuchen aber eine reguläre Schule. Die anderen gehen auf Sonder- oder Förderschulen und verlassen diese meist ohne Abschluss und Berufsperspektiven. Im internationalen Vergleich sind laut Bertelsmann-Stiftung durchschnittlich 85 Prozent integriert.

Deutschland will nun aufholen. "Inklusion wird das Thema 2013", kündigt die Kultusministerkonferenz an und mahnt die Länder zur schnelleren Umsetzung. Wie üblich sind auch in diesem Bildungsbereich die Unterschiede gewaltig: Ganz vorn dabei ist Schleswig-Holstein, 49,9 Prozent aller behinderten Schüler waren dort im Jahr 2011 bereits integriert. Auch Berlin (43,9 Prozent) und Bremen (41,2 Prozent) sind schon weit gekommen, während Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen (16,9 und 16,1 Prozent) sowie Niedersachsen (8,5 Prozent) hinterherhinken.

"Es brennt hinten und vorn", stöhnt eine Lehrerin

Zahlen sagen aber nicht alles. Sie sagen zum Beispiel nicht, dass viel Inklusion derzeit vor allem für viel Irritation sorgt. Viele Lehrer befinden sich dabei in einem Dilemma: Sie befürworten die Reform und wollen Integration unterstützen. Doch sie leiden oder scheitern an der Umsetzung. "Zurzeit sind alle überfordert", sagt Norbert Grewe, Psychologieprofessor an der Universität Hildesheim und Leiter der Beratungslehrerausbildung in Niedersachsen. Besonders schlimm ist die Situation in Hamburg. Ties Rabe, scheidender Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) und Schulsenator in Hamburg, treibt hier seit 2010 Inklusion voran. Binnen eines Jahres ist der Inklusionsanteil stetig gestiegen auf 24,4 Prozent im Jahr 2011. Ein Erfolg, findet die Schulbehörde.

"Es brennt hinten und vorn", findet dagegen eine Hamburger Lehrerin. Sie und ihre Kollegen würden sich große Sorgen machen, den Kindern mit Förderbedarf nicht gerecht zu werden. Viele Kollegen seien trotz Engagement sehr unzufrieden "mit den eigenen Wirkungsmöglichkeiten", berichtet die Lehrerin - unter dem dringenden Schutz der Anonymität, denn öffentlich darüber reden möchte niemand. Die Angst, sich und der Schule einen herben Imageverlust zuzufügen, ist zu groß. Niemand will in den Verruf von Diskriminierung geraten.

Und schließlich zeigen Studien, dass gemeinsames Lernen für alle Seiten förderlich sein kann. So streiten Lehrer, Eltern und Ministerien erbittert über die Frage, wie Inklusion nun funktionieren soll. In Nordrhein-Westfalen wurde nach heftigen Protesten von Eltern, Lehrern und Kommunen im Dezember sogar der Gesetzentwurf für gemeinsamen Unterricht ab 2013 gekippt - sie seien noch nicht richtig vorbereitet und ausgestattet, klagten die Gegner.

Doch woran genau droht das Großprojekt zu scheitern?

Wissenschaftler Grewe fordert vor allem Bedächtigkeit: "Die Schulbehörden sollten mit wenigen Schulen anfangen, die sie richtig gut ausstatten. Dann kann Inklusion Schritt für Schritt ausgebaut werden ohne dass die Kinder ihrem Schicksal überlassen werden."

Derzeit beschwichtige sie noch die Eltern, sagt die Hamburger Lehrerin. Sie hoffe, dass es doch irgendwie gelingt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version der Grafik waren zwei Bundesländer vertauscht. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH