Integration behinderter Kinder: "Alle sind überfordert"

Von Lena Greiner

Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam lernen dürfen, doch Deutschland kommt bei der Inklusion nur langsam voran. In diesem Jahr soll jetzt alles besser werden, versprechen die Kultusminister. Theoretisch finden das alle gut, praktisch sind vor allem die Lehrer völlig überfordert.

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Hier werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet: Inklusion klappt aber häufig noch nicht

An Lehrern haftet das Vorurteil, sie würden gern meckern. Über ihre Arbeitszeiten, die Schüler und jede Art von Reform. Positiv formuliert: Pädagogen scheuen keine kritischen und offenen Worte. Umso erstaunlicher, dass derzeit ein Thema für Ärger sorgt, über das kaum ein Lehrer öffentlich sprechen will - aus Angst.

Es geht um die Integration behinderter Kinder. Seit 2009 gilt in Deutschland die Uno-Konvention für Behindertenrechte. Kein Kind soll wegen körperlicher oder geistiger Handicaps von einer Regelschule ausgeschlossen werden, steht darin. Vielmehr sollen alle Schüler gemeinsam lernen, sich helfen und fördern.

Ungefähr eine halbe Million Kinder und Jugendliche in Deutschland sind behindert, nur 22 Prozent von ihnen besuchen aber eine reguläre Schule. Die anderen gehen auf Sonder- oder Förderschulen und verlassen diese meist ohne Abschluss und Berufsperspektiven. Im internationalen Vergleich sind laut Bertelsmann-Stiftung durchschnittlich 85 Prozent integriert.

Deutschland will nun aufholen. "Inklusion wird das Thema 2013", kündigt die Kultusministerkonferenz an und mahnt die Länder zur schnelleren Umsetzung. Wie üblich sind auch in diesem Bildungsbereich die Unterschiede gewaltig: Ganz vorn dabei ist Schleswig-Holstein, 49,9 Prozent aller behinderten Schüler waren dort im Jahr 2011 bereits integriert. Auch Berlin (43,9 Prozent) und Bremen (41,2 Prozent) sind schon weit gekommen, während Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen (16,9 und 16,1 Prozent) sowie Niedersachsen (8,5 Prozent) hinterherhinken.

"Es brennt hinten und vorn", stöhnt eine Lehrerin

Zahlen sagen aber nicht alles. Sie sagen zum Beispiel nicht, dass viel Inklusion derzeit vor allem für viel Irritation sorgt. Viele Lehrer befinden sich dabei in einem Dilemma: Sie befürworten die Reform und wollen Integration unterstützen. Doch sie leiden oder scheitern an der Umsetzung. "Zurzeit sind alle überfordert", sagt Norbert Grewe, Psychologieprofessor an der Universität Hildesheim und Leiter der Beratungslehrerausbildung in Niedersachsen. Besonders schlimm ist die Situation in Hamburg. Ties Rabe, scheidender Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) und Schulsenator in Hamburg, treibt hier seit 2010 Inklusion voran. Binnen eines Jahres ist der Inklusionsanteil stetig gestiegen auf 24,4 Prozent im Jahr 2011. Ein Erfolg, findet die Schulbehörde.

"Es brennt hinten und vorn", findet dagegen eine Hamburger Lehrerin. Sie und ihre Kollegen würden sich große Sorgen machen, den Kindern mit Förderbedarf nicht gerecht zu werden. Viele Kollegen seien trotz Engagement sehr unzufrieden "mit den eigenen Wirkungsmöglichkeiten", berichtet die Lehrerin - unter dem dringenden Schutz der Anonymität, denn öffentlich darüber reden möchte niemand. Die Angst, sich und der Schule einen herben Imageverlust zuzufügen, ist zu groß. Niemand will in den Verruf von Diskriminierung geraten.

Und schließlich zeigen Studien, dass gemeinsames Lernen für alle Seiten förderlich sein kann. So streiten Lehrer, Eltern und Ministerien erbittert über die Frage, wie Inklusion nun funktionieren soll. In Nordrhein-Westfalen wurde nach heftigen Protesten von Eltern, Lehrern und Kommunen im Dezember sogar der Gesetzentwurf für gemeinsamen Unterricht ab 2013 gekippt - sie seien noch nicht richtig vorbereitet und ausgestattet, klagten die Gegner.

Doch woran genau droht das Großprojekt zu scheitern?

  • Pädagogen-Ausstattung: Viele Lehrer und Wissenschaftler fordern eine durchgängige Doppelbesetzung für die sogenannten I-Klassen. Doch kein Bundesland kann oder will das bezahlen. In Hamburg stellt die Behörde pro behindertem Kind für 3,5 Stunden in der Woche eine Tandembesetzung bereit. "Es ist eine Illusion, dass Inklusion mit dem derzeitigen Personal funktionieren kann. An einigen Tagen ist schlicht kein Unterricht möglich", sagt Dirk Mescher von der Lehrergewerkschaft GEW. Das sieht man bei der KMK anders: "Eine Doppelbesetzung ist nicht in allen Fällen pädagogisch erstrebenswert. Die Kinder sollen ja wirklich gemeinsam lernen", sagt Peter Wachtel aus Niedersachsen, bei der KMK zuständig für Inklusion, durch zwei Lehrer könnten sie wieder aufgeteilt werden.
  • Pädagogen-Ausbildung: Behinderte Schüler zu unterrichten, haben Lehrer nicht behinderter Schüler nie gelernt. Deshalb gibt es jetzt Mini-Fortbildungen: Fünf Tage sind es beispielweise in Niedersachsen. "Die sind sehr unbeliebt und nicht zielführend", sagt Grewe. Es werde nicht genug differenziert, weder nach Fächern noch nach Behinderungen, hinterher seien sie kaum schlauer, klagen die Pädagogen. Dabei bräuchten doch Autisten eine ganz andere Ansprache als ADHS-Kinder.
  • Problem soziale Vernachlässigung: Wer bei behinderten Schülern nur an Rollstühle, Hörgeräte und Spasmen denkt, liegt falsch. Kaum eine Schule ist bislang barrierefrei, Gehörlose und Blinde werden in der Regel auch nicht integriert. 75 Prozent der Schüler "mit Förderbedarf" haben vielmehr gravierende Probleme beim Lernen, mit der Sprache oder in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung. Ihre Verhaltensauffälligkeiten sind laut Mescher zumeist Folgen von Armut und Vernachlässigung. Es sind Kinder mit großem Störpotential und einem großen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.
  • Problem "Restschulen": Nur 54 der rund 3500 Integrationsschüler in Hamburg besuchen ein Gymnasium. In anderen Bundesländern ist es ähnlich. Auch dort gehen behinderte Schüler zumeist auf Haupt-, Real- oder Gesamtschulen. Und da die meisten von ihnen aus sozial benachteiligten Verhältnissen kommen, sind es fast immer die Schulen in Problemvierteln, die nun doppelt belastet werden. "Die Gefahr besteht, dass einige Schulen zu Restschulen für Bildungsverlierer werden", sagt Mescher. Die Sorge ist nicht unbegründet: "Wenn die Integration wegen fehlender Finanzierung scheitert, wenden sich die an Bildung interessierten Eltern von der Stadtteilschule ab", droht die Hamburger Gemeinschaft der Elternräte an Stadtteilschulen. Auch einige Eltern von behinderten Kindern sind skeptisch. Sie haben Angst, dass Lernen unter diesen Umständen noch schwieriger wird.

Wissenschaftler Grewe fordert vor allem Bedächtigkeit: "Die Schulbehörden sollten mit wenigen Schulen anfangen, die sie richtig gut ausstatten. Dann kann Inklusion Schritt für Schritt ausgebaut werden ohne dass die Kinder ihrem Schicksal überlassen werden."

Derzeit beschwichtige sie noch die Eltern, sagt die Hamburger Lehrerin. Sie hoffe, dass es doch irgendwie gelingt.

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Inklusion: Im internationalen Vergleich sind 85 Prozent der behinderten Kinder integriert

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version der Grafik waren zwei Bundesländer vertauscht. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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insgesamt 269 Beiträge
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1. War das nicht vorhersehbar?
Albalux 11.01.2013
Während sich die Kultusminister noch immer nicht auf einen halbwegs einheitlichen Weg in der Bildungspolitik einigen können, wird ohne ein sinnvolles und umsetzbares Konzept versucht, das Modethema "Inklusion" in die Schulen hineinzudrücken. Das ist doch schon jetzt gescheitert und kostet Zeit, Motivation und viel Geld - und am Ende kommt nichts dabei heraus, besonders für die zu inkludierenden Kinder. Ein sozialpolitischer Großflughafen sozusagen.
2. Wer fragt die Kinder?
DenkZweiMalNach 11.01.2013
Heute wird auf dem Rücken aller möglichen Gruppen (Schul)Politik gemacht. Hauptsache neu und modern - also gut verkäuflich. Schwerst behinderte Kinder - und um die geht es hier - werden besser in Sondereinrichtungen gefördert. Aber das Kindeswohl muss wie bei der Beschneidung hinter Interessen zurückstehen. Als Lehrer habe ich miterlebt, wie der Versuch scheiterte: Ein schwer autistischer Junge war anfangs in der Klasse aufgenommen. Nach einem 1/2 Jahr wurde er ausgestossen, weil er sich an soziale Normen nicht halten kann.
3. Haha
Steinwald 11.01.2013
Kommt auf den Grad der Behinderung an, würd ich sagen. Ansonsten tut man ja weder den Behinderten noch den Nichtbehinderten einen Gefallen, sondern nur sich selbst, weil man dann so ein schönes Image vor sich her tragen kann. Inklusion klingt wieder nach Kampfbegriff, hinter dem die realen Nöte und Notwendigkeiten verschütt gehen. Man kann bekanntlich Behinderten keinen größeren Gefallen tun, als sie in ihrer Behinderung ernstzunehmen. So aber tut man so, als gäbe es keine Behinderung, das heißt, man negiert etwas, was man einfach als Normalität anerkennen sollte, die eine bestimmte Fürsorge benötigt.
4. In der Theorie gut
zufälligfan 11.01.2013
.. aber in der Praxis mehr als schwierig. Meine Tochter saß in der Volksschule in einer Integrationsklasse neben einem spastisch behinderten Jungen. Wenn er Schmerzen hatte, hat er sie manchmal geschlagen. Sie wollte einen Behinderten natürlich nicht zurückschlagen, die Lehrerinnen haben das oft nicht gesehen, und so hat sie still gelitten und hat sich im Unterricht nicht mehr wohl gefühlt. Auch vor den hyperaktiven Jungs hat sie sich gefürchtet. Es ging ihr erst wieder besser, als ich sie in eine normale Klasse wechseln ließ, in der ím Unterricht Ruhe war.
5. Wer sich das hat einfallen lassen der soll unbedingt Lehrer werden
luxus64 11.01.2013
Behinderte Kinder die geistig auf der Höhe sind die würde ich in eine normale Schule einschulen lassen. Aber Kinder die eine geistige Behinderung haben oder eine große Lernschwäche besitzen gehören in Sonderschulen. Ich habe den Eindruck die Beamtenstelle in den Ländern wird nach Parteibuch vergeben ohne das der Ahnung hat vom Schulwesen. Es ist ja auch schlimm das in Deutschland 16 verschiedene Bildungssysteme gibt. Warum gibt es nicht bald eine einheitliche Schulbildung für gesamt Deutschland. Ich möchte das mein Kind gut unterrichtet wird und nicht das die Lehrerin sich um die behinderten Kinder mehr beschäftigen muss. Eine Sonderschule für Behinderte Kinder ist keine Dummschule sonder auch eine Schule mit hohen Zielen. Lehrerausfall am laufendem Band und dann noch den Lehrer die Aufgabe übergeben sich um diese behinderten Kindern zusätzlich zu beschäftigen.
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Fakten zu Förderschulen
Die Schüler
In Deutschland hat nach Angaben der Bertelsmann Stiftung derzeit nahezu eine halbe Million Schüler einen diagnostizierten, sonderpädagogischen Förderbedarf. Davon besuchen über 400.000 Schüler spezielle, eigens auf ihren Förderbedarf zugeschnittene Förderschulen. Weitere 85.000 Schüler lernen mit Gleichaltrigen an allgemeinen Schulen im gemeinsamen Unterricht.
Die Bundesländer
Zwischen den Bundesländern gibt es starke Unterschiede. In Rheinland-Pfalz besuchen 4,4 Prozent aller vollzeitschulpflichtigen Schüler eine Förderschule, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 10,9 Prozent, also mehr als doppelt so viele. Ein anderer Blick auf die Unterschiede: Von den Schülern mit festgestelltem Förderbedarf besuchten in Bremen schon vor der Einrichtung der Inklusionsklassen 45 Prozent allgemeine Schulen, in Niedersachsen jedoch nur fünf Prozent.
Die Ausgaben
Für Förderschulen entstehen laut Bertelsmann Stiftung bundesweit jährlich 2,6 Milliarden Euro zusätzliche Ausgaben, nämlich für zusätzliche Lehrkräfte. Davon entfallen rund 800 Millionen Euro auf die 180.000 Schüler mit Förderschwerpunkt Lernen; die übrigen 1,8 Milliarden Euro fließen in die Förderung von 221.000 Schülern mit anderen Förderschwerpunkten.
Die Uno-Konvention
Deutschland gehört zu den Vertragsstaaten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die seit 1. Januar 2009 rechtskräftig ist. Artikel 24 fordert für behinderte Menschen in der deutschen Übersetzung "ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen". In der englischen und rechtlich entscheidenden Fassung wird allerdings ein "inclusive education system" gefordert - die deutschen Bürokraten operierten das Wort "inklusiv" bei der Übersetzung heraus.

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