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Kinder mit und ohne Behinderung: Inklusive Schulen, exklusive Kosten

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Kinder mit und ohne Behinderung: Was kostet gemeinsamer Unterricht?

Was kostet es, Regelschulen so auszurüsten, dass behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen können? Ein Gutachten beziffert die nötigen Ausgaben allein für zwei Kommunen in NRW mit mindestens 25 Millionen Euro. Wie teuer wird die Inklusion wirklich?

Im Kreis Borken leben fast 120 Kinder mit Seh- oder Hörschwierigkeiten, das hat Corny Bennemann nachgerechnet, Mutter einer schwer mehrfachbehinderten Tochter. Die Zählerei hat sie auf sich genommen, um jenes Papier zu überprüfen, das alle nur noch "das Gutachten" nennen. Als gäbe es kein anderes.

Im Gutachten (hier als pdf) steht, es gebe kein einziges Kind mit Seh- oder Hörschwierigkeiten in der Gegend. Auch bei den geistig behinderten Kindern kommt Bennemann zu anderen Ergebnissen als das Gutachten. Außerdem hätten die Gutachter die Privatschulen grundsätzlich nicht berücksichtigt, aber gerade dort fänden viele behinderte Kinder ihren Platz zum Lernen.

Bennemann ist wütend. "Aus unserer Sicht stimmt an dem Gutachten gar nichts. Es sind die Schüler an den falschen Standorten gezählt worden, und die Annahmen, was Inklusion kostet, sind absurd überhöht", schimpft sie. "Seit das Gutachten in der Welt ist, werden unsere Kinder nur noch als Kostenfaktoren diskutiert."

Das Gutachten stammt von Bildungsökonomen der Universität Wuppertal um Alexandra Schwarz. Sie haben im Sommer ausgerechnet, was Inklusion in Nordrhein-Westfalen wirklich kostet, also das wohnortnahe gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne Handicaps. Jedes Kind, sei es blind, Autist, ein Trisomie-Kind, im Rollstuhl sitzend oder sonstwie beeinträchtigt, hat das Recht, in der nächstgelegenen Regelschule zu lernen. Ein Thema, das bundesweit Diskussionen auslöst.

Wie teuer ist Inklusion wirklich?

Am Beispiel der Stadt Essen und des Kreises Borken sind in dem Gutachten insgesamt drei Professoren zu dem Ergebnis gekommen: Inklusion ist nicht ganz so billig zu haben, wie die Landesregierung und die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann sich das vorstellen. In Essen etwa kostet eine einfache Variante für die kommenden fünf Schuljahre insgesamt 18 Millionen Euro zusätzlich, eine echte, gut ausgestattete mit kleineren Klassen sogar 40 Millionen. Im Kreis Borken liegen die Zahlen bei 7 Millionen Euro - und bei 32 Millionen Euro "bei Realisierung einer pädagogisch sinnvollen, erweiterten Reformvariante", wozu Umbaumaßnahmen, Schulhelfer und Inklusionsassistenten zählen.

So steht es in dem Papier, das die drei kommunalen Spitzenverbände in NRW in Auftrag gegeben haben. Es hat für Furore gesorgt. Weil plötzlich alle merken, dass das Lernen mit dem komplizierten Begriff "Inklusion" nicht mal so nebenbei erledigt werden kann - und die Kosten erheblich sind. Das Gutachten beruht auf der Zielvorgabe der Landesregierung, bis 2016/17 zwei Drittel der Schulen in NRW inklusiv zu betreiben. Die Kritik der Eltern weisen die Gutachter zurück. Man habe sich auf jene Zahlen behinderter Schüler gestützt, die von Kommunen und Schulämtern gemeldet wurden.

Inklusion ist in Deutschland längst keine Selbstverständlichkeit. Die Vereinten Nationen mussten erst eine Konvention verabschieden, damit auch die Bundesrepublik sich beteiligt. Hierzulande gab und gibt es, aus der Tradition der Hilfsschulen kommend, ein stark separiertes System von Förderschulen, in dem über 400.000 Kinder lernen.

Krach zwischen Land und Kommunen

In Nordrhein-Westfalen lässt sich beobachten, wie das Thema für politische Spielchen genutzt wird. Das Gutachten hat zu einem großen Krach zwischen Land und Kommunen geführt. Denn es geht um viel Geld.

Sylvia Löhrmann hat sich gerade in Berlin als neue Präsidentin der deutschen Kultusminister vorgestellt. Das Wort "Inklusion" stand dabei im Zentrum: Sie wolle ihre Amtszeit dafür nutzen, für dieses wichtige Thema zu werben und neue Impulse zu setzen, sagte sie. "Inklusion ist keine zusätzliche Aufgabe für die kommunalen Schulträger", sagt sie allerdings, "in Nordrhein-Westfalen gibt es das gemeinsame Lernen schon lange."

In den Kommunen und Kreisen finden die Kämmerer solche Sätze nicht witzig, sie fürchten, auf den Kosten sitzenzubleiben. "Uns geht es um gelingende Inklusion", sagt der Hauptgeschäftsführer des Landkreistags Martin Klein. "Wir wollen, dass es am 1. August einen vernünftigen Start ins gemeinsame Lernen gibt. Aber dafür brauchen die Kommunen Hilfe vom Land - denn Inklusion ist teuer."

Die Zahlen, mit denen das Land Nordrhein-Westfalen und die Kommunen operieren, unterscheiden sich massiv. Das Land geht davon aus, dass die Inklusion für die Kommunen kostenneutral zu haben ist. Die Kommunen argumentieren, dass die zusätzlichen Ausgaben weit über der sogenannten Bagatellgrenze von 4,5 Millionen Euro liegen werden. Das ist gewissermaßen die Schallmauer: Ab dieser Grenze muss das Land ihnen unter die Arme greifen.

"Mit der Inklusion läuft es derzeit ganz schlecht"

Die Zahlen, die im Gutachten allein für die Stadt Essen und Borken notiert sind, gehen weit über diesen Betrag hinaus. Und Essen und Borken sind nur zwei von insgesamt 53 kommunalen Gebietskörperschaften in Nordrhein-Westfalen.

Der Schreck ist jetzt groß, die Schuld wird den Wuppertaler Gutachtern zugeschoben. Aber die sind ganz ruhig. "Wir wollten beziffern, wie teuer die Inklusion möglicherweise wird", erklärt die Hauptautorin Alexandra Schwarz. "Dazu mussten wir Annahmen für die Ausstattung, die pädagogische Förderung treffen - weil das bisher niemand getan hat." NRW hat zwar ein Gesetz zur Inklusion verabschiedet. "In diesem Gesetz steht aber überhaupt nicht drin, wie man Inklusion bewerkstelligen und ausstatten will", sagt Schwarz.

Lokale Schulentwicklungsberater bestätigten den Befund. "Mit der Inklusion läuft es derzeit ganz schlecht, weil das Land die Schulen zu schlecht ausstattet und darauf vorbereitet", sagte ein Inklusionsberater aus Köln, der seinen Namen nicht nennen will.

Offenbar hat man das nun auch in der Landesregierung gemerkt. Bis Ende Januar will man sich mit den Kommunen verständigen, ob und wie viel Zuschüsse für Inklusion die erwarten können. Dafür hat Schulministerin Löhrmann jetzt ein Gutachten in Auftrag gegeben. Ein neues.

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1. NRW macht in Sachen Schule nur Mist!
horst1109 23.12.2013
Inklusion ist doch nur die Spitze des Eisbergs. Personalplanung, Ausstattung und Finanzierung der Schulen, und zwar von der Grundschule, über die Sekundarstufe I, bis hin zu Berufsschulen und Gymnasien sind in NRW so miserabel, dass sich der Niedergang des Bundeslandes im nationalen und internationalen Vergleich weiter fortsetzt. Es hilft in NRW auch nicht, möglichst viele Abiturienten zu produzieren, die nach ihrem Studium keine adäquate Stelle finden oder frühzeitig abbrechen. In NRW soll alles gleich sein, es werden jedoch noch viele aus diesem bösen Traum aufwachen und erkennen, dass Gleichheit zwar im Gesetz steht, sich aber nicht für alle einklagen lässt.
2. Unvollständige Informationen
j.schmid 23.12.2013
Liebes SPON-Team, lest doch bitte das Gutachten komplett und nicht nur die Headlines. Für Essen sind es 80 Mio Euro an laufenden und einmaligen Kosten bis zum Schuljahr 2019/20 für das pädagogische und didaktische sinnvolle Modell "Erweitert Plus". Alles unten drunter stellt eine VERSCHLECHTERUNG gegenüber der jetztigen Situation in den Förderschulen dar. Zum Vergleich: Die Stadt Essen hat als Schulträger prognostiziert einen durchschnittlichen Etat von 25 Mio pro Jahr für den betrachteten Zeitraum. D.h. der momentane Etat müsste glatt verdoppelt werden um die Summe aufzubringen. Fun-Fact: Essen schließt die Ämter und Schwimmbäder und Bibliotheken und ... über die Weihnachtsferien um geschätzt 3-4 Mio zu sparen. Oder anders gesagt: Für die Inklusion müssten alle Ämter und anderes für 12 Wochen im Jahr schließen um nur die Inklusionskosten zu tragen. Ach ja, die Essener Schulen haben seit Jahren einen Investitionsstau in Millionenhöhe.... Bevor andere Kommentare kommen: Ich bin für Inklusion. Allerdings nur unter Bedingungen bei denen alle profitieren und nicht alle einen schlechteren Unterricht bekommen als bisher, egal ob behindert oder nicht. Frohe Weihnachten für alle Lehrer die das mitmachen müssen. Mein Beileid, sowie echte Anerkennung und Respekt (Bsp gefällig: http://www.tresselt.de/inklusion.htm) J. Schmid
3. gute Idee zum Sparmodell degradiert
hartholz72 23.12.2013
durch die Degradierung einer zukunftsfördernden Idee zu einem Sparmodell wird systematisch die Opposition gegrn das Konzept geschürt und die Umsetzung eines Menschenrechts qua staatlichbetriebenen Rechtsbruch ad absurdum geführt. Eine solch systematische Benachteiligung der SchülerInnen kann nur auf der Basis des Bildungsföderalismus so erfolgreich an der Bevölkerung vorbei betrieben werden. Wann verklagt endlich mal jemand diesen Staat wegen des täglichen Rechtsbruchs, den die Schulen, Eltern und SchülerInnen ausbaden müssen.
4. Sind Soldaten mehr wert?
mangeder 23.12.2013
Verteidigungsministerin von der Leyen hat gerade erklärt, dass sie bei der Ausrüstung von Soldaten nicht aufs Geld schauen wird, denn laut ihrer Aussage wäre das finanzielle völlig nebensächlich ....wenn es aber um unsere Kinder und um sowieso schon benachteiligte Behinderte geht, dann gilt offenbar nicht, was für die Ausrüstung für bewaffnete Kämpfer gilt, die sich irgendwo völlig sinnlos in einem fremden Land herumtreiben. Gut zu wissen, dass Kinder und Binderte also laut unserer Regierung Menschen zweiter Klasse sind.
5.
Blaue Fee 23.12.2013
Ich sag's nochmal (zum gefühlten 100. Mal): Die U.N. Konvention verlangt nur, dass behinderte Kinder einen kostenfreien Zugang zu staatlichen Schulen bekommen. Dabei müssen die Kinder nicht auf Teufel komm raus in dieselben Klassen wie andere Kinder gehen. Konkret bedeutet das, dass auch zukünftig Hörgeschädigte und Blinde auf eine spezielle Schule gehen dürften und nicht irgendwie in einer Ecke sitzen müssen und von anderen Kindern angerempelt oder sonstwie belästigt werden. Körperlich und geistig behinderte Kinder sollten das Recht haben adäquate Bildung bekommen und eben auch eine Ratio Betreute vs. Betreuer 2:1 und nicht einen Lehrer und eine Hilfsperson auf 20 Schüler mit verschiedenen Bedürfnisse. Das sind versteckte Sparmaßnahmen auf dem Rücken der Kinder, der Lehrer und der speziellen Betreuer.
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