Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Streitthema Behinderte in Schulen: "Inklusion ist keine Utopie"

Ein Debattenbeitrag von Jutta Allmendinger und Michael Wrase

Schüler in einer Inklusionsschule in Bayern (Archivbild): Gemeinsames Lernen ist für alle gut Zur Großansicht
DPA

Schüler in einer Inklusionsschule in Bayern (Archivbild): Gemeinsames Lernen ist für alle gut

Behinderte und nichtbehinderte Kinder in einer Klasse sind ein schwerer Fehler, sagen Kritiker. Diese Haltung ist gefährlich und schlicht falsch. Das gemeinsame Lernen gelingt, wenn es nur konsequent umgesetzt wird.

Die Debatte über Inklusion, das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung, ist in eine Schieflage geraten. Kritiker weisen auf Probleme an den Schulen hin und leiten daraus ab, dass Inklusion "praktisch nicht funktionieren" könne. Es handle sich vielmehr um eine "Utopie", ein "radikales Bildungsexperiment", schrieb etwa Jan Fleischhauer in seiner SPIEGEL-ONLINE-Kolumne "Der Schwarze Kanal". Ausgedacht hätten sich die Inklusion "Idealisten", denen die Kenntnis des realen Schulalltags fehle.

Warum ist die Inklusion in Deutschland noch immer so umstritten? Und warum ignorieren ihre Kritiker bildungswissenschaftliche Erkenntnisse?

In kaum einem anderen entwickelten Land ist das Förderschulwesen so stark ausgebaut wie bei uns. Das hat vor allem historische Gründe. Die Ursprünge liegen im Aufbau des "Hilfsschulsystems" für schwer bildbare Kinder Anfang des vorigen Jahrhunderts. Die Idee, dass Schüler mit attestierter Behinderung im Schonraum einer getrennten Bildungseinrichtung am besten gefördert werden, hat sich hierzulande in der Sonderpädagogik - in Abgrenzung zur allgemeinen Pädagogik - verfestigt.

Dabei wird Behinderung im schulischen Sinn sehr weit gefasst: Auf Förderschulen gehen in Deutschland nicht nur Schüler mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen - also zum Beispiel Kinder mit Hör- oder Sehbehinderungen oder mit Downsyndrom -, sondern auch viele Kinder mit dauerhaften Lernschwierigkeiten oder einem Rückstand in der sprachlichen oder sozialen Entwicklung. Das sind fast immer Kinder, die in sozial benachteiligten Familien aufwachsen.

Alle Schüler profitieren von der Inklusion

Die Bildungsforschung hat sich über Jahrzehnte die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen in den Schulen genau angeschaut und darüber empirische Daten erhoben. Die gravierenden Nachteile, welche die Aussonderung der Kinder aus den Regelschulen mit sich bringt, sind gut belegt: Über zwei Drittel beenden die Förderschule ohne berufsqualifizierenden Abschluss. Doch auch an den Schülern mit Abschluss bleibt das Stigma der Förderschule haften. Internationale Studien zeigen, dass es inklusiven Bildungssystemen deutlich besser gelingt, Jugendliche mit Förderbedarf auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten und ihnen berufliche Möglichkeiten zu eröffnen.

  • DPA
    Die neue Präsidentin der KMK, Sylvia Löhrmann, will, dass Bund und Länder bei Schulen zusammenarbeiten - trotz des Kooperationsverbots im Grundgesetz. Ein Schwerpunkt ihrer Präsidentschaft: die Inklusion behinderter Kinder. mehr...
Ein Vergleich mit Norwegen, Italien oder den USA macht deutlich, dass gemeinsames Lernen von Schülern mit und ohne Förderbedarf gut funktionieren kann. Auch in Deutschland setzen einzelne Schulen den gemeinsamen Unterricht erfolgreich um und beweisen täglich, dass Inklusion keine Utopie ist. Vergleichsstudien von Schulleistungen zeigen, dass Kinder mit Behinderung in einem inklusiven Umfeld ihre Kompetenzen besser entwickeln können und auch die übrigen Schüler von der individuellen Förderung profitieren. Das mag nicht für alle Fälle und alle Behinderungsformen gelten. Doch für notwendige Einzelfallentscheidungen lassen die rechtlichen Vorgaben genügend Raum. Richtig umgesetzt, ist der gemeinsame Unterricht ein Gewinn für alle.

Deshalb hat sich das Konzept der Inklusion international durchgesetzt. Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen wurde mittlerweile von 147 Staaten ratifiziert. Für die Bundesrepublik ist sie seit 2008 rechtsverbindlich. Der Wortlaut der Konvention ist dabei unmissverständlich: Menschen dürfen "nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden". Sie haben vielmehr Anspruch auf Zugang zu einem inklusiven Schul- und Bildungssystem.

Von der Umsetzung dieses rechtlichen Standards sind fast alle deutschen Bundesländer noch weit entfernt. Es sind also erhebliche Anstrengungen erforderlich. Die Voraussetzung muss vor allem die Politik schaffen, was sie bislang nicht oder nur halbherzig tut. Das zeigt sich etwa darin, dass viele Bundesländer Inklusion fördern wollen, ihr Förderschulsystem aber unangetastet lassen. Statt Förderschulen konsequent zu schließen und in mobile Förderzentren umzuwandeln, deren sonderpädagogisch geschultes Personal die Lehrer an den allgemeinen Schulen unterstützt, werden teure Doppelstrukturen aufrechterhalten. Inklusion sei nicht bezahlbar, heißt es dann.

Landkarte der Inklusion: Die einen Länder schnell, die anderen langsam (Klicken Sie auf die Karte, um zur Großansicht zu gelangen.) Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Landkarte der Inklusion: Die einen Länder schnell, die anderen langsam (Klicken Sie auf die Karte, um zur Großansicht zu gelangen.)

Viele Lehrer beklagen, dass sie auf die Herausforderungen eines inklusiven Unterrichts zu wenig vorbereitet sind. Das sind berechtigte Sorgen. Der wichtigste Schritt ist es daher, Inklusion und sonderpädagogische Förderung zu Bestandteilen der allgemeinen Lehrerausbildung zu machen. Das ist bislang kaum geschehen.

Nicht zuletzt verhindert das sogenannte Kooperationsverbot im Grundgesetz, dass Bund und Länder bei der bildungspolitischen Zukunftsaufgabe Inklusion zusammenarbeiten. Eine nationale Strategie für Inklusion und gegen Bildungsarmut ist dringend nötig. Denn nicht an der Inklusion, sondern an ihrer halbherzigen Umsetzung droht das Schulsystem Schaden zu nehmen.

Die Autoren
  • WZB
    Prof. Jutta Allmendinger, 57, ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität.
  • WZB
    Dr. Michael Wrase, 39, ist Jurist und wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB in der Projektgruppe der Präsidentin.
  • Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 227 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das wird nicht gelingen
Grafsteiner 17.07.2014
Sondern solche Schulklassen werden die Resteschule werden. Die vernünftigen Eltern bringen dann ihre Kindern in Privatschulen unter, dass d i e gefördert werden. Wie es die Mitglieder der Politkaste, die solchen Unsinn verzapft, mit ihren Kindern sowieso machen. Um i h r e n Kindern das Lernen zu ermöglichen. Mit diesem Trend zur privaten Beschulung, den es in England und in den USA schon länger gibt, zementiert man die Teilung der Gesellschaft, statt zu einer Integration oder Inklusion zu kommen.
2.
M. Michaelis 17.07.2014
Inklusive kann funktionieren, aber nur mit hohem personellem Einsatz, den aber sucht man in deutschen Schulen vergeblich. Im übrigen kann ich aus eigener Erfahrung mir Behinderten nicht bestätigen dass spezifische Einrichtungen ausgrenzend wirken oder ausgrenzend Empfunden werden. Im Grunde ist auch hier wieder viel Ideologie und wenig pragmatischer Sachverstand in der Diskussion. Und bitte nicht immer die Verweise auf die Skandinavischen Länder. Die leisten sich ein qualitatives Verhältnis von Leeren und Schülern von denen Deutschland sehr weit entfernt ist.
3. Gut gemeint, aber...
privado 17.07.2014
...es fehlt, wie der Artikel bereits ausführt, am notwendigen Geld. Ich finde Inklusion sehr gut, solange sie den Fortschritt der nichtbehinderten Kinder nicht ausbremst. Es liegt nun an der Politik, Mittel für eine adäquate Zusatzqualifikation der Lehrkräfte bereitzustellen. Dann sehe ich Chancen für eine gewinnbringende Umsetzung der Inklusion.
4. Koste es, was es wolle
rjrauschffm 17.07.2014
Lehrer, Behindertenlehrer, Sozialpsychologe. Und der Steuerzahler darf in die Tasche gehe. Die illusionären Vorstellungen der Erziehungswissenschaftler sind unbezahlbar.
5. Inklusion braucht Ideen und Engagement
wrzlbrnft 17.07.2014
Leider meint man, Inklusion würde nebenher und automatisch laufen. Es braucht Ideen, die man von der Kultusbürokratie nur in den seltensten Fällen Erwarten kann und Engagement von Beteiligten, das mal mehr, öfters weniger zu erwarten ist. Ein Blick nach Südtirol wäre sehr lehrreich. Dort wird Inklusion systematisch, nachhaltig und struktiert angegangen. Ein Beispiel ist die Definition und Ausbildung unterschiedlicher Berufsbilder und auch eine entsprechende Bezahlung. (Details siehe etwa: https://www.blikk.it/angebote/reformpaedagogik/rp83100.htm)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Inklusionsstreit in Baden-Württemberg: Henri soll lernen

Fotostrecke
Behindertes Kind an Förderschule: "Wolln ma tratzen?"

Social Networks