SPIEGEL: Herrschen in Berliner Zuwanderervierteln grundsätzlich so düstere Verhältnisse wie in Heinz Buschkowskys neuem Buch "Neukölln ist überall"?
Schulz: An der Grenze von meinem zu seinem Bezirk scheint schlagartig eine völlig andere Welt zu beginnen. Was mein Kollege da beschreibt, hat nicht viel mit der Realität zu tun, sondern mit seiner alarmistischen, tendenziell rechtspopulistischen Grundhaltung.
SPIEGEL: Tatsache ist: Sie haben beide eine Bevölkerung mit hohem Zuwanderanteil und sozialen Problemen.
Schulz: Es ist für mich aber eine nicht akzeptable Zuspitzung, wenn Buschkowsky anfängt, über verwahrloste Jugendliche oder Importbräute zu schwadronieren. Aus Kreuzberger Sicht ist das Rassismus - und es spiegelt vor allem nicht unsere Lebenswirklichkeit.
SPIEGEL: Sie finden es unproblematisch, wenn, wie es im Buch heißt, 39 Prozent aller Einwandererkinder mit gar keinen oder mangelhaften Deutschkenntnissen eingeschult werden?
Schulz: Diese Horrorzahl der Neuköllner Nachbarn hat mich auch aufgeschreckt. In Kreuzberg haben wir diesen Wert bei türkischstämmigen Kindern seit 2005 von 18 Prozent auf 6 Prozent gesenkt. Bei arabischstämmigen Schülern fielen die Zahlen von 30 Prozent auf knapp 10 Prozent.
Schulz: Wir stecken jedes Jahr eine Million Euro in Zentren für frühkindliche Erziehung, bieten Hausaufgabenhilfe und Erziehungsberatung. Dafür verzichten wir darauf, wie Neukölln für Hunderttausende von Euro Schulhöfe zu überwachen. Wir gehen nicht von Bedrohungsszenarien aus, sondern vom enormen Bildungshunger der Zuwandererfamilien.
SPIEGEL: Sind deutschstämmige Bürger, wie Buschkowsky sagt, für Zuwanderer ein Schreckgespenst nach dem Motto: Isst du Schwein, bist du Schwein?
Schulz: Auch das ist eine unsägliche Verallgemeinerung. Klar gibt's immer ein paar Jugendliche, die so reden. Insgesamt hat sich das Verhältnis zu den "Bio-Deutschen" aber schon lange verbessert. Auch Kreuzberger fallen sich nicht gleich in die Arme. Aber man akzeptiert sich und begegnet sich auf Augenhöhe.
SPIEGEL: Buschkowsky wirft Ihnen persönlich vor, dass Sie das Auseinanderdriften der Gesellschaft verharmlosen.
Schulz: Er spricht auch gern von Parallelgesellschaften. Ich finde, das ist ein Kampfbegriff, der völlig ungeeignet ist zur Beschreibung der Situation. Wir müssen uns einlassen auf Differenzierung.
SPIEGEL: Ihr Kollege beklagt, dass viele deutschstämmige Bürger den Kiez verlassen, arabische Schriftzeichen das Straßenbild dominieren...
Schulz: ... und dass man dort keine deutsche Currywurst und Buletten mehr bekommt. Für so etwas bekommt er Beachtung weltweit, aber ob das ständige Schlechtreden seiner eigenen Bevölkerung dem Bezirk wirklich hilft, ist eine andere Frage.
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Das Interview führte Frank Hornig
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