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Bilder von Flüchtlingskindern: "Mein Vater wurde vom IS ermordet"

Ein Interview von

Bilder von irakischen Flüchtlingskindern: "Sie verkaufen Zigaretten, sammeln Müll oder betteln" Fotos
Kilian Foerster

"Verlorene Generation": Der Hamburger Fotograf Kilian Foerster hat in einem Flüchtlingslager Kinder porträtiert, die aus dem Sindschar-Gebirge im Nordirak vor dem IS fliehen mussten. Die Bilder erzählen von Angst, Hunger - aber auch Hoffnung.

Zur Person
Kilian Foerster, Jahrgang 1970, Fotograf aus Hamburg, hat gemerkt, dass ihn die typischen Frontbilder der Kriegsfotografie nur noch selten berühren. Deshalb fotografiert er lieber in der zweiten Reihe: Seine "Kindergeschichten aus dem Irak und aus Syrien" sind auch auf seiner Homepage www.kilianfoerster.de zu finden.
SPIEGEL ONLINE: Herr Foerster, Sie haben Kinder in syrischen und irakischen Flüchtlingslagern fotografiert. Was war der bewegendste Moment für Sie?

Kilian Foerster: Bei meiner Arbeit über syrische Flüchtlingskinder an der türkisch-syrischen Grenze war ich vor allem beeindruckt von dem Engagement der erwachsenen Flüchtlinge, die ehrenamtlich in Eigenregie oder mithilfe von Nichtregierungs­organisationen versucht haben, den Kindern zumindest in den wichtigsten Fächern eine Schulbildung zu ermöglichen. Allerdings reichen die Plätze an diesen "Schulen" bei Weitem nicht. Statt zu lernen, verbringen viele Kinder ihre Tage dann folgendermaßen: Sie verkaufen Taschentücher oder Zigaretten, sammeln Müll oder betteln.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es für diese Kinder weiter?

Foerster: Sie sind eine verlorene Generation. Syrien befindet sich im vierten Kriegsjahr, und ein Ende des Konflikts ist nicht absehbar. Die meisten syrischen Kinder haben keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu Schulbildung - wie sollen sie das jemals wieder aufholen? Gleiches gilt aktuell auch für die irakischen Kinder in den Flüchtlingslagern. Die politische Diskussion in Deutschland dreht sich zumeist um Waffenlieferungen - wäre es nicht wichtiger, für humanitäre Hilfe und Schulausbildung zu sorgen?

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Ziel Ihrer Arbeit?

Foerster: Wichtig war mir, dass die Kinder selbst zu Wort kommen und von keiner Person, Gruppe oder Partei für irgendwelche Zwecke instrumentalisiert werden, wie es bei Kriegs- und Krisenberichterstattung leider häufig vorkommt. Generell möchte ich eine andere Form der Kriegsfotografie umsetzen. Ich habe an mir selbst gemerkt, dass die typischen Bilder von der Front allein aufgrund der Masse nur noch selten einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bilder, die in der zweiten Reihe gemacht wurden, berühren mich viel mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Kinder gefunden?

Foerster: In dem großen Flüchtlingslager im Nordirak leben zurzeit ungefähr 26.000 Menschen, die meisten sind Jesiden. Die Protagonisten für meine Arbeit habe ich relativ schnell gefunden: Ich habe die Kinder im Camp angesprochen. Das Schwierigste war allerdings, kompetente und sensible Übersetzer zu finden. Die Fragen an die Kinder sollten nämlich so unvoreingenommen und neutral wie möglich sein.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Kontakt zu den Kindern?

Foerster: Nein, leider kann ich das Schicksal dieser Kinder nicht weiterverfolgen, da zum Beispiel im Flüchtlingslager im Irak kaum eine Familie Internetanschluss hatte. Aber ich bleibe an dem Thema dran und würde diese Arbeit gern in anderen Ländern fortsetzen.

Majida, 9 Jahre:

"Ich habe zwei Schwestern, fünf Brüder und meine Eltern. Wir kommen aus einem Dorf in den Sindschar-Bergen. IS-Kämpfer haben uns im Schlaf angegriffen. Wir sind sofort weggerannt, ich habe nur die Kleider mitgenommen, die ich anhatte und unsere Ausweise. Zehn Tage verbrachten wir in den Bergen, mit sehr wenig zu trinken. Auch Essen gab es kaum, wir hatten nur trockenes Brot.

Zu Fuß sind wir dann in Richtung Syrien abgestiegen, von dort hat uns ein LKW nach Kurdistan gebracht, jetzt sind wir seit zwei Monaten hier im Camp.

Tagsüber spiele ich mit Freunden und habe Unterricht in einem Zelt. Ich vermisse mein altes Dorf und mein Schaf, das ich zurücklassen musste. Nachts träume ich auch manchmal von dem IS. Später möchte ich Ärztin werden."

Hawas, 14 Jahre:

"Meine drei Brüder und meine Cousine wurden von IS-Kämpfern entführt. Wir sind in die Berge geflüchtet, ich habe gesehen, wie sie auf uns geschossen haben. Seit vier Monaten lebe ich nun mit meinen Eltern und meiner Schwester in diesem Camp.

Früher war ich in der neunten Klasse, hier gehe ich nicht zur Schule, tagsüber mache ich kaum etwas. Manchmal laufe ich nur rum und spreche mit anderen über unsere Heimat, die Sindschar-Berge. Es gibt nichts, was mich wirklich glücklich macht, meine Brüder und mein Zuhause fehlen mir. Auch nachts träume ich von meinen Geschwistern, mein größter Wunsch ist es, sie wiederzusehen.

Später möchte ich Arzt werden. Ich möchte mich noch für die humanitäre Hilfe bedanken, die wir erhalten haben."

Qasim, 15 Jahre:

"Mein Vater wurde vom IS ermordet. Und meine Mutter, meine zwei Brüder und meine Verwandten wurden entführt. Ich bin allein hier im Flüchtlingslager.

Tagsüber geht es mir nicht gut, da ich immer an meine Familie denken muss. Wenn ich meine Mutter wiedersehen könnte, dann wäre ich glücklich. Ich träume jede Nacht, ich sehe dann meine Mutter und meine Brüder und sehe mich, wie ich zurückgehe in die Sindschar-Berge."

Irakisches Flüchtlingslager in Kurdistan, Nordirak: Hier hat der Hamburger Fotograf Kilian Foerster die Kinder für seine Reportage gefunden. Foerster berichtet: "Die Zelte sind auf den Sommer ausgerichtet, im Winter regnet es viel, dann verwandelt sich der Boden in eine Schlammlandschaft."

Wiam, 10 Jahre:

"Seit zwei Monaten lebe ich mit meinen drei Brüdern, meinen zwei Schwestern und meinen Eltern hier im Camp. Wir haben nichts von daheim mitgenommen. Zuerst waren wir vier Tage im Gebirge, dort war es sehr gefährlich. Ich habe unter Bäumen geschlafen, und wir hatten nur wenig Wasser zu trinken. Mit Autos wurden wir schließlich nach Kurdistan gebracht.

Mein Lieblingsfach in der Schule war früher Arabisch, jetzt habe ich keine Schule mehr. Es soll aber bald wieder eine im Camp aufgebaut werden. Mit Freunden spiele ich hier manchmal Schule, oder wir spielen Fußball, aber es gibt nichts, was mich wirklich glücklich macht. Mein größter Wunsch ist es, dass ich wieder zurück nach Hause und mit meinen Freunden zusammen sein kann."

Ayad, 14 Jahre:

"Als der IS meine Familie angegriffen hat, sind wir geflohen. Sie haben uns verfolgt und auf uns geschossen.

Hier im Camp bekomme ich Unterricht in Wissenschaft und Mathematik. Ich habe viele Freunde, wir spielen zusammen und sprechen über unsere Heimat Sindschar. Ich wäre glücklich, wenn wir Spielsachen hätten. Später möchte ich als Ingenieur arbeiten."

Aehrivan, 12 Jahre:

"Auf dem Weg hierher habe ich die Kämpfe zwischen dem IS und Peschmerga gesehen. Seit fünf Monaten lebe ich mit meinen zwei Brüdern, sechs Schwestern und Eltern hier im Camp.

Früher war Kurdisch mein Lieblingsfach, hier haben wir nachmittags um 14.00 Uhr Malunterricht. Ich habe Angst vor dem IS, und ich sehe die Kämpfer auch im Traum."

Safinaz, 11 Jahre:

"Meine Eltern, meine drei Brüder und ich sind vor dem IS in die Berge geflüchtet, nur meine Ohrringe habe ich mitgenommen. Acht Tage lang hatten wir nicht genug zu essen und zu trinken. Wir konnten nur das Wasser trinken, das wir auf dem Boden gefunden haben.

Meine Heimat fehlt mir. Ich freue mich, wenn ich Spielzeug habe und meine Lieblingsblume sehe. Später möchte ich Lehrerin werden."

Ahlam, 12 Jahre:

"Der IS hat meinen Bruder entführt. Ich vermisse ihn und wäre glücklich, ihn wiederzusehen. Nachts sehe ich meinen Bruder im Traum.

Tagsüber lerne ich oder spreche mit meinen Freunden, es wird jetzt auch wieder eine Schule für uns aufgebaut. Ich danke dir."

Raziya, 15 Jahre:

Zu Hause habe ich die achte Klasse besucht, Arabisch war mein Lieblingsfach. Im Augenblick habe ich keinen Schulunterricht mehr. Ich helfe meiner Familie oder unterhalte mich mit Freunden. Wir möchten nach Sindschar zurück und wieder eine Schule besuchen, dann wäre ich glücklich. Später möchte ich als Ärztin arbeiten - nicht so sehr aus finanziellen Gründen, sondern um Menschen zu helfen.

Adil, 14 Jahre:

"Außer meinen Kleidern habe ich nichts aus Sindschar mitgenommen. Drei Tage sind wir zu Fuß bis zur syrischen Grenze gelaufen, von dort wurden wir mit Autos hierhergefahren.

Tagsüber laufe ich nur rum und unterhalte mich mit meinen Freunden, zum Beispiel über die Tage, die wir in den Bergen verbracht haben. Meine Freunde hier machen mich glücklich, mir fehlt nur ein Freund, der vom IS entführt wurde."

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Gebiete unter Kontrolle in Syrien und im Irak

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Fotostrecke
Jesidische Geiseln des IS: Monate der Tortur

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon

Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.


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