Freiwilligendienst in Deutschland: Ansturm der Freizeit-Lehrer

Von Anna Appelrath

Sie lesen vor, helfen im Unterricht und spielen Fußball: In deutschen Kindertagesstätten und Schulen engagieren sich zunehmend junge Erwachsene - und ersetzen damit fehlende Lehrer.

Junge Erwachsene im Ehrenamt: Freiwilligendienst vor der Haustür Fotos
SPIEGEL ONLINE

Karolina Schneeberg braucht Geduld. Mit dem kleinen Muhammet geht sie gerade die menschlichen Körperteile durch: "Es heißt S-t-i-r-n." Muhammet schaut sie mit großen Augen an, er versucht ihr nachzusprechen, es klappt noch nicht ganz. Karolina wiederholt das Wort. Da steht auch schon ein Mädchen in einem Trägerkleidchen mit ihrem Deutschbuch neben ihr. "Karolina? Guck mal, ist das so richtig?" Karolina blickt auf die aufgeschlagene Seite: "Ja, sehr gut." Zufrieden dreht sich die Kleine um und hopst auf ihren Platz zurück. Karolina widmet sich wieder Muhammet. "Sag einmal S-t-i-r-n." Vom Tisch nebenan ertönt eine Jungenstimme: "Karolina, Karolina! Kommst du mal?"

So geht das die ganze Zeit. Karolina ist Lesepatin an der Lenau-Grundschule in Berlin-Kreuzberg. In der Klasse A1 werden Kinder mehrerer Jahrgänge unterrichtet - eine internationale Mischung aus Vorschulkindern, Erst- und Zweitklässlern. Frontalunterricht gibt es hier nicht, jedes Kind arbeitet einen persönlichen Wochenplan ab. Ihre Lehrerin Bärbel Specht ist meist allein mit der Klasse. Am liebsten würde sie allen ihren Schützlingen gerecht werden, Zeit für jeden von ihnen finden - aber das ist illusorisch. Daher ist sie froh, wenigstens auf Lesepaten zurückgreifen zu können. Karolina ist für zwei Stunden pro Woche Ersatzlehrerin. Dann hilft sie beim Schreibenlernen, korrigiert Aufgabenblätter, liest Texte vor, hilft bei Fragen.

"Wir haben zu wenig Pädagogen an der Schule", klagt Lehrerin Specht. Ein Problem, das man nicht nur in Berlin, sondern im gesamten Bundesgebiet kennt. Andererseits engagieren sich immer mehr Junge und Alte ehrenamtlich in Schulen und Kindergärten. Sie versuchen geradezubiegen, was in der Bildungspolitik schiefläuft.

"Ich hatte mir die Lesepatenschaft schon anders vorgestellt"

Es gibt einige Beispiele für das wachsende Engagement, neben den Lesepatenschaften etwa die Initiative Teach First. Die Organisation schickt Jungakademiker an Problemschulen, wo sie Kindern helfen sollen, die es besonders schwer haben. Jungen Top-Absolventen als Hilfslehrer, zwei Jahre lang, 40 Stunden in der Woche, - für 1750 Euro brutto, eher eine Aufwandsentschädigung.

Lesepatin Karolina flüstert: "Ich hatte mir die Lesepatenschaft schon etwas anders vorgestellt." Sie dachte, sie würde Kindern in kleinen Gruppen vorlesen. So wie es der Lesepate Simon Tippenhauer macht. Der 25-jährige Informatikstudent ist einer der wenigen männlichen Lesepaten. Er liest ehrenamtlich in der Kindertagesstätte Haus der Kinder, nicht weit vom Nollendorfplatz im Berliner Bezirk Schöneberg.

Simon, ein eher ruhiger Typ, blüht auf, wenn er in die Kita kommt. Ein dutzend Fußpaare hüpft und sprintet auf ihn zu, als er die Tür zum Gruppenzimmer öffnet. Die Kinder wollen eine Geschichte von ihm hören. Simon hat sogar ein neues Buch gekauft, obwohl es in der Kita viel Lesestoff gibt. Beim Vorlesen verstellt er seine Stimme, verleiht ihr einen tiefen, dramatischen Ton und zieht seine Augenbrauen hoch. Dann beugt er sich nach vorne und schaut den Kleinen in die Augen. Die lachen und kichern. Seit einem knappen halben Jahr ist Simon Lesepate, mit Kindern hat er schon immer gern gearbeitet. Er könnte sich auch vorstellen, hauptberuflich Erzieher zu sein - wenn nur die Bezahlung nicht so mies wäre. An einer U-Bahnhaltestelle entdeckte er ein Plakat, eine große Organisation warb für Lesepatenschaften.

Auch Karolina, eigentlich Profi-Tänzerin im Friedrichstadt-Palast, ist über die Plakataktion in Berlin auf die Patenschaft aufmerksam geworden. "Ich liebe einfach Kinder", sagt sie. Aber sie sei mit 23 noch nicht so weit, eigene zu haben. So opfert sie für die Lesepaten ihren einzigen freien Tag in der Woche.

Die Kinder der Klasse A1 werden unruhig, einige quatschen oder rennen durch den Raum. "Das macht so keinen Sinn, wir machen jetzt einen Stuhlkreis", sagt Bärbel Specht zu Karolina. Bei den Kindern bricht Freude aus. Jetzt wird gesungen. Karolina sitzt mit im Kreis und klatscht im Takt der Musik. Ihre Augen strahlen.

In der Kita Haus der Kinder lockt die Frühlingssonne die Kinder auf den Hof. Jetzt ist Fußballspielen angesagt. Die Erzieherinnen scheinen froh zu sein, dass wenigstens ein junger Mann dabei ist, der mit den Jungs tobt. Beim Fußball wird geschubst und gegrätscht, ein paar Tränen fließen. Simon dirigiert und tröstet. Er ist Schiedsrichter, Stürmer, Torwart und Trainer - je nachdem, was gerade gebraucht wird.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
adazaurak 22.04.2012
das Geld wird an die Bonzen und Bankster verpraßt und maß- und wahllos an unsere "Freunde" im EU-Ausland verteilt und hier brechen nicht nur unsere Schulen zusammen. Leute, wehrt euch gegen Bankster und EU-Lobbyisten!
2.
Tilman 22.04.2012
Jedem muss ermöglicht werden, Bildung aktiv mitzugestalten - denn Bildung ist und bleibt der Schlüssel zu nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung, Wohlstand und einem stabilen sozialen Miteinander. Aus diesem Grund haben wir friends4school ins Leben gerufen, eine Internetplattform für Schulen und Fördervereine, die eine neue Möglichkeit des Spendensammelns im Internet ermöglicht: interaktiv, direkt und transparent. Denn es gibt auf Dauer nur eins was teurer ist als Bildung - keine Bildung! Mitmachen und weitersagen: www.friends4school.de
3.
hjm 22.04.2012
Zitat von TilmanJedem muss ermöglicht werden, Bildung aktiv mitzugestalten - denn Bildung ist und bleibt der Schlüssel zu nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung, Wohlstand und einem stabilen sozialen Miteinander.
Tut mir leid, aber die Logik kann ich nicht nachvollziehen. Das mit dem Schlüssel ist klar, aber warum folgt daraus, dass jedem ermöglicht werden muss, Bildung aktiv mitzugestalten? Eine Brücke ist der Schlüssel zu einer efolgreichen Überquerung eines Flusses. Trotzdem halte ich es für wenig sinnvoll, wenn jedem ermöglicht wird, die Brücke aktiv mitzugestalten. Was, wenn jemand kommt und als Baumaterial Pappe vorschlägt?
4.
gangker2 22.04.2012
Zitat von sysopSie lesen vor, helfen im Unterricht und spielen Fußball: In deutschen Kindertagesstätten und Schulen engagieren sich zunehmend junge Erwachsene - und ersetzen damit fehlende Lehrer. Frewilligendienst in Deutschland: Ansturm der Freizeit-Lehrer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,828591,00.html)
Super! Hoffentlich verlangen bald auch ausgebildete Lehrer kein Gehalt mehr und machen den "Halbtagsjob" auf ehrenamtlicher Basis. Das kann doch sowieso jeder. Was wir als Gesellschaft da an Geld sparen könnten... Nebenbei: Gibt es auch mal einen Stuhlkreis, wenn der Lehrer seine Arbeit nicht mehr konzentriert erfüllen kann oder gilt dies nur für die SuS?
5. Bitte nicht
Plasmabruzzler 23.04.2012
Zitat von sysopSie lesen vor, helfen im Unterricht und spielen Fußball: In deutschen Kindertagesstätten und Schulen engagieren sich zunehmend junge Erwachsene - und *ersetzen* damit fehlende Lehrer. Frewilligendienst in Deutschland: Ansturm der Freizeit-Lehrer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,828591,00.html)
Diesem Unfug muss Einhalt geboten werden. Für sämtlichen Mist ist in Deutschland Geld da, aber bei der Bildung wird rigoros gespart. Je mehr Freiwillige es in dem Bereich gibt, desto mehr klopfen sich unsere Landesfürsten auf die Schulter und erfreuen sich an weniger Unterrichtsausfall. Schlimm stellt es sich für einige angestellte Lehrer da, die einen Vertrag von "nach-den-Sommerferien" bis zu den neuen Sommerferien erhalten und zwischendurch auf Hilfe vom Amt angewiesen sind, weil Schulen nicht genug Geld haben, um die Lehrer ständig unter Vertrag zu haben. Und wer den Lehrermangel heraufbeschwören möchte, sollte einmal z. B. bei "LEO - Lehrereinstellung Online.NRW" nachsehen. Befristungen, so weit das Auge reicht oder abenteuerliche Fächerkombinationen. Die Not nach Lehrern mag zwar da sein, aber es wird offensichtlich wenig dagegen getan.
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