Von Oliver Trenkamp
Der Fotograf, der am meisten riskiert hat für ein Bild der Kanzlerin an diesem Nachmittag, ist zehn Jahre alt: Ibrahim aus der 5c hat sein Samsung-Mobiltelefon in die Schule geschmuggelt, trotz des Handy-Verbots. Dann steht Angela Merkel vor ihm und tätschelt seine Schulter. Ibrahim fragt, ob er sie jetzt fotografieren darf.
Klar darf er, deswegen ist sie ja hier, der Bilder wegen.
Die Kanzlerin hetzt von Krisentreffen zu Krisentreffen, am Vorabend diskutierte sie mit Nicolas Sarkozy in Frankfurt, am Wochenende soll es zum nächsten EU-Gipfel gehen. An diesem Donnerstagnachmittag aber sind Euro-Rettung und Schuldenkrise ganz weit weg, wenigstens für anderthalb Stunden. Merkel ist an die Erika-Mann-Grundschule nach Berlin-Wedding gekommen, um zu zeigen: Ihre Regierung hat die Innenpolitik nicht vergessen, sie kümmert sich auch um Integration und Bildung, um Ibrahim und seine Mitschüler. Deshalb läuft die Kanzlerin jetzt durch ein Spalier von Grundschülern, die Ercan heißen, Aytac und Gamze.
Von der "Bildungsrepublik" ist nicht viel geblieben
Merkel hat sich für das Schaulaufen eine Vorzeigeschule ausgesucht, die zwar in einem Problemviertel liegt, die aber die Probleme des Viertels ganz gut meistert: Acht von zehn Kindern hier haben Eltern, die nicht aus Deutschland stammen. Viele Eltern leben von Hartz IV. Die Schule reagiert mit Betreuungszeiten von 6 bis 18 Uhr, mit zwei Lehrern pro Klasse und Theaterunterricht für alle. Sie hat Preise für Gewaltprävention und Integration bekommen, drei Viertel der Schüler schaffen eine Realschul- oder Gymnasialempfehlung. Die Schule ist ziemlich erfolgreich, trotz aller Widrigkeiten.
Das Problem ist, dass man das von der Kanzlerin und ihrer Regierung kaum behaupten kann. Von der Vision einer "Bildungsrepublik", die Merkel vor drei Jahren ausrief, ist nicht viel mehr als das Schlagwort geblieben. Gerade erst nannte der DGB die Vision eine "Fata Morgana", denn noch immer gibt Deutschland zu wenig aus für Kindergärten, Schulen und Universitäten. Noch immer verlassen zu viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss; noch immer schaffen viele junge Erwachsene keinen Berufsabschluss, darunter viele Kinder von Zuwanderern. Deren Eltern fühlen sich massiv benachteiligt.
Die Kanzlerin will zeigen, dass sie dagegen etwas unternimmt. Später am Nachmittag wird ihre Bildungsministerin Annette Schavan mit der Kultusministerkonferenz verabreden, dass der Bund den Ländern bei der Sprachförderung von Zuwandererkindern hilft. 4000 Kindertagesstätten sollen zu Modelleinrichtungen ausgebaut werden.
Die Elle der Kanzlerin misst 45 Zentimeter
Jetzt aber lässt Merkel sich erst mal im Werkraum zeigen, wie die Kinder Jonglierbälle kneten und Filztaschen basteln. Sie besucht die Kinder der Räuber-AG, die mit ihrer Lehrerin singen. Sie lässt im Rapunzel-Zimmer ihre Elle vermessen, so dass man jetzt weiß: Von der Fingerspitze bis zum Ellenbogen misst der Kanzlerinnenarm 45 Zentimeter. Merkel trägt das in eine Liste ein: "Angela, 45 cm" steht dort nun unter "Hahin, 33 cm". Und während sie sonst über Euro- und Banken-Rettungsschirme verhandelt, bastelt sie jetzt einen Mini-Fallschirm aus Schnur und Pappe.
Die Kanzlerin und die Kinder, ein Fest für Fotografen und Kamerateams. Sonst sieht man Merkel ja eher hinter grauen Rednerpulten stehen. Damit der Termin auch inhaltlich passt, hat die Kanzlerin Bernd Althusmann mitgebracht, den niedersächsischen Kultusminister und Präsidenten der Kultusministerkonferenz KMK, um Bildung dürfen sich schließlich nur die Bundesländer kümmern. Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung darf mit auf die Fotos.
Für die Schüler ist es ein bisschen wie der Besuch eines Popstars. Sie rennen durch die Flure, fragen Merkels Mitarbeiter nach Autogrammkarten, lassen ihre Eltern auf dem Schulhof warten und sammeln selbst bei Journalisten Unterschriften. Kann ja sein, dass noch einer der anderen Erwachsenen berühmt ist.
Merkel kommt noch einmal auf den Hof, stellt sich vor die Kameras, lobt die Schule und die Lehrer. Nach den praktischen Einblicken sei sie nun bereit für "theoretische Diskussionen" mit den Kultusministern. Den Anschlusstermin bei der KMK sagt Merkel dann allerdings spontan ab, sie muss sich wieder mit Sarkozy streiten über die Euro-Rettung.
Ibrahim, der Fotograf aus der fünften Klasse, zeigt seinen Freunden, wie Merkel von seinem Handybildschirm lächelt. Kein Lehrer hat ihn erwischt und ihm sein Telefon weggenommen. Aber warum hat er es überhaupt riskiert? Er wolle das Bild verkaufen, rufen die anderen Jungen. Aber Ibrahim schüttelt den Kopf und sagt: "Die ist doch berühmt, oder?"
Er ist es nicht, der an diesem Nachmittag etwas verkaufen wollte.
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