Kinder-Synchronsprecher: Das deutsche Karate Kid heißt Lukas

Von Rick Noack

Mit erst 13 Jahren war Lukas Schust schon bei gut 50 Filmen dabei. Trotzdem erkennt ihn keiner. Denn meist steht er im Tonstudio statt vor der Kamera. Als Synchronsprecher lieh Lukas Karate Kid seine Stimme und dem Slumdog Millionär - alles nur wegen einer Zeitungsanzeige.

Lukas Schust kann mit seiner Stimme spielen. Das macht ihn in der Filmbranche beliebt Zur Großansicht
Sebastian Hattop

Lukas Schust kann mit seiner Stimme spielen. Das macht ihn in der Filmbranche beliebt

In wie vielen Filmen er schon mitgewirkt hat? "In zu vielen", sagt Lukas Schust und lacht. "Über 50 sind es auf jeden Fall gewesen." Eigentlich müsste der 13-Jährige ein junger Star sein: Die Filme, in denen er dabei war, kennt fast jeder. Trotzdem erkennt ihn keiner auf der Straße. Denn Lukas gibt Spielfilmfiguren eine neue Stimme - eine deutsche Kinderstimme.

Lukas ist einer der beliebtesten deutschen Kinder-Synchronsprecher und durfte bereits die Hauptrolle von "Slumdog Millionär" übernehmen - der Film gewann 2009 acht Oscars.

Lukas Schusts Stimme klingt aufgeweckt und klar. Es scheint, als wäre er gerade frisch aus einem Werbespot gefallen. Die perfekte Kinderstimme. Und mit Werbespots fing tatsächlich alles an, da war er sechs Jahre alt.

Seine Mutter hatte damals in der Zeitung die Anzeige einer Schauspielschule gelesen. Lukas ging zu einem Casting und war begeistert: "Sie haben gleich gesagt, dass ich Talent habe." Lukas wurde in den Katalog einer Filmagentur aufgenommen, drehte zunächst Werbespots für T-Mobile und McDonalds, erhielt auch kleine Spielfilmrollen.

"Loch Ness" brachte den Durchbruch

"Lukas ist ein wahres Naturtalent. Er hat nicht nur eine saubere und klare Aussprache, sondern auch die Fähigkeit, im Synchronstudio Regieanweisungen schnell umzusetzen", sagt Birgit Hartig, Chefin der Berliner Agentur "Stimmgerecht", für die Lukas arbeitet.

Auch deshalb durfte er in immer mehr Filmen mitspielen. Er erhielt Rollen im "Tatort" und der Fernsehserie "Meine wunderbare Familie". Der große Durchbruch folgte 2008 mit dem TV-Spielfilm "Das Wunder von Loch Ness". Lukas spielt darin den elfjährigen Tim, der dem Mythos rund um den sagenumwobenen schottischen See auf den Grund geht. Der Münchner Schauspieler Thomas Fritsch hatte die Rolle des "Merlin" übernommen und kam auf die Idee, Lukas einer Synchronisationsagentur vorzuschlagen.

"Zunächst verlief es schleppend, aber mit elf Jahren bekam ich plötzlich immer mehr Aufträge", erzählt der Junge. Mit zwölf gewann er den Deutschen Synchronpreis in der Kategorie "Herausragende Nachwuchsleistung". Darauf ist er stolz.

"Er hat den Preis absolut verdient, denn Lukas besitzt zwar keine besondere Stimme, aber das ist auch überhaupt nicht erforderlich. Ausschlaggebend ist, dass er mit seiner Stimme spielen kann", sagt Birgit Hartig.

Für "Karate Kid" lernte er ein paar Worte Chinesisch

Auch Vorbereitung ist wichtig. Für die Synchron-Rolle im britischen Kinofilm "Der Junge im gestreiften Pyjama" hat sich Lukas intensiv mit den geschichtlichen Hintergründen beschäftigt. Er spricht den Sohn eines SS-Offiziers. Seine Filmfigur kommt am Ende des Films in einer Gaskammer zu Tode - kein einfaches Thema für einen jungen Menschen.

"Ich habe vorher viel mit meinen Eltern darüber gesprochen", sagt Lukas. Für andere Filme brauche er keine Vorbereitungszeit, "für den Kinofilm '2012' habe ich gar nichts gemacht". Schwieriger ist die Aufnahme an sich, besonders die Vertonung von langen Sätzen. Manchmal muss Lukas mehrere hundert Einzelaufnahmen für einen Film einsprechen. Für "Karate Kid", als er die deutsche Stimme des Sohnes von Will Smith war, musste er sogar ein wenig Chinesisch sprechen. "Da bin ich dann tagelang im Tonstudio." Bei manchen anderen Aufträgen kann er das Studio schon nach zehn Minuten wieder verlassen.

"Schön ist natürlich, dass viele meiner Freunde sich die Filme dann auch anschauen möchten", sagt Lukas. Manche würden am liebsten auch sich selbst darin hören. "Dass manche Menschen neidisch sind, das ist klar, oder?", sagt der 13-Jährige.

Für Jungs kann es mit dem Stimmbruch vorbei sein

Die Chance, eine Rolle zu ergattern, ist jedoch relativ gering. "Um für Rollen im Synchron besetzt zu werden, muss man großes Talent haben", sagt Agenturchefin Birgit Hartig. " Erwachsene Synchronsprecher nehmen ihre Kinder ab und zu mit ins Studio . Dort haben sie dann die Möglichkeit, recht früh ihr Talent zu testen." Wenn ein Synchronsprecher einem Hollywoodstar seine Stimme in einem Film oder in einer Serie geliehen hat, wird er das in weiteren Produktionen immer wieder tun. Das verhindert Verwirrung bei den Zuschauern. Aber es macht die deutschen Synchronsprecher auch von den Original-Schauspielern abhängig.

Für Kinder gilt das nur bedingt. Auf eine Karriere im Tonstudio verlassen sollten sie sich nicht. "Jungs haben es etwas schwerer, denn im Alter von elf bis 13 Jahren kommen sie in den Stimmbruch. Die Stimme verändert sich, da kann es schon sein, dass der Junge nicht mehr gefragt ist", so Birgit Hartig. Wer gut sei, könne aber später Synchronbücher schreiben oder Synchronregie führen. "Wir vermitteln nur wenige Kinder", ergänzt Denis Bergemann, Inhaber der Agentur Bergemann & Willer, "es müssen immer wieder neue Tonproben aufgenommen werden, da sich ihre Stimme ständig verändert."

Die Lehrer am Filmgymnasium unterstützen Lukas

So war's auch bei Lukas in den letzten Monaten. "Das merke ich, denn ich bekomme inzwischen ganz andere Rollen vermittelt als früher."

In der Schule muss sich Lukas inzwischen mehr beweisen. Es wird schwieriger. "Aber meine Lehrer unterstützen mich wirklich, wenn ich wegen Dreharbeiten mal nicht in die Schule kommen kann", sagt er. Kein Wunder: Er geht auf das Filmgymnasium Babelsberg.

Sein Lehrer war früher Regieassistent in Mexiko; man tut dort viel, um die Schützlinge in der Filmbranche unterzubringen. "Aber letztlich wird man nicht Synchronsprecher, sondern man ist es - oder eben nicht", sagt Agenturinhaber Denis Bergemann. Talent und Zufall entscheiden über die Karriere erfolgreicher Sprecher. Aber eine Schauspielausbildung kann nicht schaden.

Lukas hatte großes Glück, dass er entdeckt wurde und sich inzwischen zu einer bekannten Größe hochgearbeitet hat. "Wenn man einen Traum hat und daran glaubt, das auf die Reihe zu kriegen, sollte man sich dahinter klemmen. Und wenn man Synchronsprecher werden möchte, dann muss man Agenturen anschreiben und alles tun, damit der Traum real wird."

Ein Leben ohne Tonstudios und Spielfilme? Für Lukas wäre es ein Alptraum.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Walter Sobchak 01.12.2010
Ich bin gegen Synchronisation. In den meisten Faellen verfaelscht sie einen Film zu sehr. Darueberhinaus gehen Emotionen verloren und es klingt alles zu sehr synthetisch und wie im Studio aufgenommen. Daran hat sich auch mit fortschreitende Technik nichts geaendert. Wenn dann noch Dialog Zensur wie bei Starship Troopers hinzukommt, dann entzieht sich der Sinn einer Synchronisation gaenzlich meinem Verstaendnis. Im europaeischen Umland laufen Filme grundsaetzlich im O-Ton und da die meisten Filme in Englisch sind, ist dort die Englische Sprache bei Jugendlichen und Erwaechsenen auch deutlich weiter entwickelt als im armen Deutschland.
2. .
Zanilla 01.12.2010
Na und? Ich lebe in land X mit sprache X. Da will ich die Filme auch in dieser sprache sehen. Möchten sie auch alle Geschäftspost in englisch bekommen, damit die Jugend das mal beherrscht? wieso schaffen wir die Sprache nicht gleich ganz ab und sprechen nur noch Englisch??? Im Ernst. Klar gibt es viele schlechte Synchronisationen. aber es gibt auch viele gute (die merkt man sich nur nicht, weil es selbstverständlich ist ;)). Und nur um diese Qualitätsunterschiede nicht zu haben, den Bürger zu bevormunden, find ich falsch. Dieses "Ich gucke Serien prinzipiell nur in Original" ist doch eh meistens Koketterie...
3. Nein
MadMad 01.12.2010
Zitat von Walter SobchakIch bin gegen Synchronisation. In den meisten Faellen verfaelscht sie einen Film zu sehr. Darueberhinaus gehen Emotionen verloren und es klingt alles zu sehr synthetisch und wie im Studio aufgenommen. Daran hat sich auch mit fortschreitende Technik nichts geaendert. Wenn dann noch Dialog Zensur wie bei Starship Troopers hinzukommt, dann entzieht sich der Sinn einer Synchronisation gaenzlich meinem Verstaendnis. Im europaeischen Umland laufen Filme grundsaetzlich im O-Ton und da die meisten Filme in Englisch sind, ist dort die Englische Sprache bei Jugendlichen und Erwaechsenen auch deutlich weiter entwickelt als im armen Deutschland.
Alles eine Frage der Qualität. Es gibt durchaus Filme, die mit der Synchronisation gewonnen haben und dass Emotionen verloren gehen, ist sicherlich nicht grundsätzlich so; außer vilelleicht bei den polnischen Ein-Mann-Synchronisationen.
4. _.o0^0o._
brain_in_a_tank 01.12.2010
Eine wichtige Leistung von Schauspielern liegt in dem Gebrauch der Sprache, zusammen mit ihrer Mimik. Manchmal kann eine leichte Aenderung der Tonlage, ein gut gesetztes Nuscheln, oder auch ein passender Dialekt viel Aussagen. So etwas geht beim Synchronisieren leider verloren. Daher sehe ich mir die Filme lieber im Original an, wenn sie nicht englisch sind, dann eben mit Untertitel. Deutschland ist am besten mit dem Dubben, hat es hier echt nahezu zur Perfektion gebracht. Aber viele Deutsche haben verlernt, Sprache von den Lippen zu lesen, denn Wort und Bild passen normalerweise kaum zusammen. Da kann der Sprecher noch so viel Talent haben. Wenn man einmal original gesprochene Filme laengere Zeit geniessen konnte, wird man sich immer ueber diese Unstimmigkeit zwischen Klang und Bild aergern. Und trotz der guten Synchronsprecher, so gibt es zwei Probleme, was auch im Artikel deutlich wird: 1. Hauptproblem, es gibt zu wenig Sprecher, daher klingt alles gleich. Und was passiert, wenn zwei Schauspieler in einem Film sind, die sonst immer vom gleichen SPrecher uebersetzt werden? Dann wird ploetzlich einer mal ungewohnt anders klingen. ". Problem, die Sprecher sind meistens zu professionell, daher klingen sie meisten zu glatt, charackterlos. Man sollte sich mal einige amerikanische Serien im original ansehen, und dann die weichgespuelten Synchronisationen davon. Das schmerzt.
5. Auch gegen Synchronisation
George712 01.12.2010
Egal wie gut man einen Film synchronisiert, er wird immer verfälscht. Der Deutsche hat es gerne bequem, lasst sich den Film synchronisieren, statt Untertitel zu lesen. Ein Vorredner hat recht, fast überall werden Filme im O-Ton angeschaut. Ganz nebenbei lernt man so auch eine weitere Fremdsprache.
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