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Kinder und Sexualität: Bischof fordert Boykott von Aufklärungs-Musical

Eklat um ein Sexualitäts-Musical für Kleinkinder. Seit vier Jahren tourt "Nase, Bauch und Po" von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durch Deutschland - doch in Fulda rief der katholische Bischof Algermissen jetzt zum Boykott auf. Die Organisatoren sind überrascht, die Grünen protestieren.

Hamburg/Fulda - "Babyalarm, Babyalarm, Mamas kleine Schwester, also meine Tante Susi, meine Tante kriegt ein Kind". So beginnt ein Lied auf der CD "Nase, Bauch und Po", intoniert im modernen Popschlager-Sound.

Unter demselben Namen wie die CD tingelt seit 2003 die "Kinderliedertour" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) durch Deutschland - mit einem Musical, das jetzt den Unmut des katholischen Bischofs von Fulda provoziert. Heinz Josef Algermissen ruft zum Boykott des Stücks auf.

Körpererfahrung und Sexualerziehung von Kindern ist das Ziel der musikalischen Aufklärer, vier Jahre lang funktionierte ihr Programm reibungslos - doch jetzt kam das Musical in das osthessische Bistum, in dem einst der erzkonservative Bischof Johannes Dyba wirkte. Nachfolger Algermissen sorgt sich nun ebenfalls um konservative Werte: "Nach Auffassung der Kirche hat die Sexualaufklärung ihren originären Platz im Elternhaus und kann nicht Aufgabe einer Theatertruppe sein", ließ er mitteilen.

Der Bischof wirft dem Stück eine "einseitige Ausrichtung der Sexualität auf körperliche Zusammenhänge" vor: "Eltern, die ihre Kinder unseren katholischen Kindertagesstätten anvertrauen, können sicher sein, dass diese Form der Sexualaufklärung als Kinderspiel nicht Gegenstand der pädagogischen Arbeit mit den Kleinsten ist."

Laut BzgA blieb jedes fünfte Kind wegen Algermissen daheim

Sein Boykottaufruf konnte nicht verhindern, dass "Das Märchen von Nase, Bauch und Po" in Künzell nahe Fulda an diesem Mittwoch vor rund 550 Kindern aufgeführt wurde. Allerdings wären es ohne die bischöfliche Intervention deutlich mehr gewesen: Laut Eckhard Schroll von der BzgA hatten mehrere katholische Kindertagesstätten den Besuch des Musicals nach Algermissens Äußerungen abgesagt. Jedes fünfte ursprünglich angemeldete Kind sei nicht zu der Veranstaltung gekommen.

Die Bundeszentrale weist Algermissens Vorwürfe zurück. Es gehe in "Nase, Bauch und Po" nicht um rein körperlichen Sex, sagte Schroll. Die meisten Vorwürfe gingen an der Realität des Stückes vorbei, die Kritik sei "einmalig und erstmalig". Bisher habe es gegen Aufführungen vor Kindern aus katholischen oder evangelischen Kindertagesstätten keine Proteste gegeben.

Die hessischen Grünen griffen den Fuldaer Bischof wegen dessen Kritik an. "Monsignore Algermissen ist offensichtlich noch nicht in der Gegenwart angekommen", sagte Landeschefin Kordula Schulz-Asche. Die BzgA habe mit "Nase, Bauch und Po" ein Märchen entwickelt, das auf die kindliche Neugier beim heiklen Thema Sexualität eingehe. Für Erzieher und Eltern gebe es Begleitmaterial, "ein Boykottaufruf ist daher völlig unverständlich", sagte Schulz-Asche.

Tatsächlich zeigt die Internetseite von "Nase, Bauch und Po" im Detail das pädadogische Konzept der Musical-Macher. Gedacht ist die Veranstaltung für Kinder ab drei Jahren; wer sie buchen will, bekommt dort mitgeteilt, dass eine "inhaltliche Vorbereitung der Kinder auf den Konzertbesuch nicht erforderlich ist. ErzieherInnen und pädagogisch Tätige erhalten dennoch gern begleitende Materialien mit Anregungen zur Vor- und Nachbereitung des Musikmärchens". Es gebe außerdem begleitende Fortbildungsseminare für Erzieher und ein umfangreiches Medienpaket für den Kindergarten.

Die Tour ist nicht schlecht gebucht - im November zieht sie weiter nach Prenzlau, Eisenhüttenstadt und Forst in der Lausitz. Die Aufführung in Osthessen, traditionell als konservativer Landstrich bekannt, war auf Einladung der Gemeinde Künzell und des katholischen Vereins "Donum Vitae" zustande gekommen. Katholische Laien hatten die Organisation als Antwort auf den Ausstieg ihrer Kirche aus der staatlichen Schwangeren-Konfliktberatung gegründet.

Anfang August hatte es schon Aufregung über ein anderes Angebot der BzgA gegeben: Damals ließ Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Broschüre "Körper, Liebe, Doktorspiele" zurückziehen, nachdem kritische Eltern und Politiker sich an der Publikation gestört hatten. Experten hatten an der Broschüre dagegen nichts auszusetzen.

flo/AP/dpa

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Aufklärungs-Musical: "Nase, Bauch und Po"

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